Monschau: Die Kälte lässt die Kalterherberger kalt

Monschau: Die Kälte lässt die Kalterherberger kalt

Am Dienstag ist Margarethe Gomberts Wandertag. Ob es regnet, schneit oder rekordverdächtig friert. Die dicken Schuhe hat Margarethe Gombert, 87, geschnürt, die Mütze aufgesetzt und die Handschuhe übergestreift.

Fast hätte sie ihren Schal vergessen. Den braucht sie. Minus zwölf Grad zeigt das Thermometer vor ihrer Haustür in Monschau-Kalterherberg an. Aber Margarethe Gombert schimpft nicht über die Kälte, sie schmunzelt mehr darüber. Die geborene Kalterherbergerin hat schon viel schlimmere Winter durchgestanden.

Wir schreiben das Jahr 1931. Margarethe ist sechs Jahre alt, als sie ihr Elternhaus in Kalterherberg verlässt. Es ist ihr erster Schultag. Die Mutter kehrt den Weg mit einem Reisigbesen frei. Nur so schaffen es Margarethe und die anderen Kinder zur Schule. Die Straßen und Gehwege sind meterhoch zugeschneit. Und Margarethe trägt genagelte Schuhe, Wollstrümpfe und kurze Hosen. Nachdem die Messe aus ist, muss sie mit den anderen Kindern 20 Minuten draußen auf den Schulbeginn warten. Vorher darf niemand das Gebäude betreten.

Noch heute kneift Margarethe Gombert die Augen zusammen, wenn sie sich an diesen Tag erinnert. „Ich habe geschrien vor Kälte”, sagt sie. „Wer Frostbeulen hatte, den haben die Lehrer barfuß über den Schnee geschickt. Das sollte helfen.”

Karl-Josef Mertens Schritte knirschen im Schnee. Er ist nicht barfuß. Er trägt Schuhe, als er auf den Breitenberg steigt. Dort steht die Wetterstation, die Mertens für Jörg Kachelmann wartet. Der Nord-Ost-Wind weht eisig um den Wettermast. Manch einer würde jetzt über die Kälte jammern, nicht aber Mertens. Wer ein echter Kalterherberger ist, der ist nun mal Extreme gewohnt. „Im Jahr 1952 haben alle arbeitsfähigen Männer nur noch Schnee geschaufelt”, erzählt Mertens. „1958 und 1976 gab es eine extreme Wasserknappheit, sogar das Autowaschen war damals verboten.”

Mertens wurde erst am Dienstagmorgen bewusst, dass der Winter 2012 in seine persönliche Chronik der Extreme eingehen würde. „Minus 25 Grad hat mein privates Thermometer in der Nacht von Montag auf Dienstag angezeigt”, berichtet er.

An der Meteomedia-Station von Jörg Kachelmann wurden minus 21 Grad gemessen, an der des Deutschen Wetterdienstes minus 21,5 Grad. Grund für die Differenzen ist der Höhenunterschied der Stationen. Signifikant ist die Messung im Boden: minus 26,9 Grad. „Das hat es seit der Errichtung der Kachelmann-Station 1998 noch nicht gegeben”, sagt Karl-Josef Linden aus Zülpich, der seit Jahrzehnten regionale Wetterdaten sammelt.

Die Kälte bleibt in dem hart erprobten Eifeldorf nicht ohne Folgen. Mario Cremer, Sanitär- und Heizungsbauer in Kalterherberg, hat keine ruhige Minute mehr. „Es ist der Teufel los”, sagt er. „So viel Arbeit hatten wir noch nie.” Rund um die Uhr sind Cremer und seine Kollegen im Einsatz, um geplatzte Wasseruhren und vereiste Rohre zu reparieren.

„In der Schule gab es nur eine Heizung früher”, erzählt Margarethe Gombert. „Alle haben sich vor dem sogenannten Hitzeloch gedrängelt, um sich zu wärmen.” Auch in den Wohnungen sei es früher nicht so warm gewesen wie heute in Margarethe Gomberts Wohnzimmer. „Die Fensterscheiben waren zugefroren, die Decken in den Schlafzimmern glänzten vor Frost. Die Leute haben sich einen Backstein im Ofen warm gemacht, ihn in Tücher gewickelt und unter die Bettdecke gelegt.”

Wenn Margarethe Gomberts an die Kälte der Kriegsjahre denkt, fühlt sie mit den Menschen in Osteuropa, die zurzeit mehr unter der Kälte leiden als die Bewohner Kal-terherbergs: „Wir haben wenigstens noch Strom und wir können uns einen warmen Kaffee machen.”

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