Nordeifel: Der Mindestlohn bedroht die Dorfläden

Nordeifel: Der Mindestlohn bedroht die Dorfläden

Den Mindestlohn erhalten Meike Lauts (21) und Beate Schreiber (50) für ihre Arbeit nicht, und das wollen sie auch gar nicht — sonst wäre die Existenz des Dorfladens in Rott gefährdet und damit auch ihr Arbeitsplatz.

Seit Jahren kämpfen die Dorfläden ums Überleben. Durch die ab dem Jahr 2015 geplante Einführung des Mindestlohns verschärft sich die Situation zusätzlich. Hermann Gostek, der Vorstandvorsitzende der Konsumgenossenschaft, die die Läden in Eicherscheid, Rott und Rollesbroich betreibt, rechnet durch den Mindestlohn mit jährlichen Mehrkosten von rund 42.000 Euro. „Ich bin nicht gegen die Einführung des Mindestlohns“, sagt Gostek. Die sechs fest angestellten Mitarbeiterinnen erhielten deutlich mehr als den Mindestlohn.

Es sei aber nicht möglich, den rund 30 Aushilfen den Mindestlohn zu zahlen. Bislang sei die Aushilfstätigkeit eine gute Lösung für beide Seiten gewesen. In der Regel seien die Aushilfen Hausfrauen, Rentnerinnen oder Schülerinnen, die zu 95 Prozent aus dem jeweiligen Ort kämen. Dadurch seien sie nicht auf ein Auto angewiesen und hätten die Möglichkeit, in ihrem Ort etwas dazu zu verdienen.

So sehen das auch Meike Lauts und Beate Schreiber. In einem anderen Ort in einem Supermarkt zu arbeiten kommt für Schreiber nicht in Frage. Seit der Dorfladen in Rott im Jahr 2009 von der Konsumgenossenschaft übernommen und wieder geöffnet wurde, arbeitet sie dort. Sie wohnt in unmittelbarer Nähe, gleich um die Ecke. Sie kennt die Leute, die dort einkaufen und schätzt den Kontakt zu den Kunden.

Der Dorfladen ist auch ein sozialer Treffpunkt. „Die Leute sind froh, wenn sie sich unterhalten können“, sagt Schreiber. Eine 90-jährige Kundin wird täglich mit einer Umarmung begrüßt. Wichtig sind ihr auch die flexiblen Arbeitszeiten. „Woanders geht das nicht.“

Meike Lauts hat als Schülerin in dem Dorfladen angefangen zu arbeiten. Inzwischen studiert sie, wohnt aber noch in Rott. Auch sie schätzt die Nähe zum Arbeitsplatz. „Ich hätte mir auch einen Job suchen können, in dem ich mehr verdiene, aber sowas wie hier findet man sonst nicht. Außerdem hat man, wenn man die Anfahrtszeit und die Benzinkosten mitrechnet, am Ende auch nicht mehr raus“, sagt sie. Für sie gehört der Laden zum Dorf dazu und deshalb unterstützt sie ihn gerne. Die flexiblen Arbeitszeiten schätzt auch sie. „Wenn Klausuren anstehen, ist das echt von Vorteil.“

Der Mindestlohn sei aber bei Weitem nicht das einzige Problem für die Dorfläden, sagt Gostek. Die immer größer werdende Konkurrenz der Discounter in Imgenbroich und Simmerath bedrohe die Läden. Hinzu kämen Kostensteigerungen zum Beispiel beim Strom. Mit vielen Anstrengungen sei es gelungen, im Jahr 2013 ein positives Ergebnis zu erzielen. Mit Blick auf den Mindestlohn und die dadurch zusätzlich entstehenden Kosten müsse nun der Umsatz um rund zehn Prozent gesteigert werden. „Es kommen aber nicht plötzlich mehr Kunden“, sagt Gostek. Die Preise zu erhöhen sei aber auch nicht das richtige Mittel. „Wir müssen mit den über 600 Mitgliedern unserer Genossenschaft und den Kunden neue Konzepte entwickeln“, sagt Gostek.

Eine Möglichkeit sieht er in dem Einsatz ehrenamtlicher Kräfte, eine weitere darin neue Angebote zu schaffen. Eine Idee wäre zum Beispiel ein Lieferservice, der von Ehrenamtlern übernommen wird, „sonst müssten die Kunden diesen Service teuer bezahlen und dann würde er nicht in Anspruch genommen“, sagt Gostek.

Je nach Wochentag würden 200 bis 300 Personen in dem Dorfladen einkaufen, erklärt Maria Scheufen, die ganztags in dem Laden in Rott beschäftigt ist. „Das sind nicht nur ältere Leute, sondern vermehrt auch junge Familien“, sagt sie. Da der Laden fußläufig erreichbar , könnten auch Kinder dort selbstständig einkaufen. Neben täglich frischen Produkten aus der Region wie Wurst- und Backwaren bietet der Laden auch eine Annahmestelle des Hermes-Paketservices und eine Reinigungsannahme. „Das ist schon vielfältig, was wir hier anbieten“, sagt Scheufen.

Die Mitglieder der Genossenschaft sollen nun angeschrieben und aufgefordert werden, in Arbeitskreisen neue Impulse zu setzen. „Das fängt bei der Internetseite an, um ein junges Publikum anzusprechen“, sagt Gostek. Außerdem soll überlegt werden, welche neuen Dienstleistungen zusätzlich angeboten werden können. Die Aufrufe an die Bewohner der Orte, mehr in den Dorfläden zu kaufen, seien nicht verhallt. Trotzdem müsse immer wieder daran erinnert werden, dass die Läden nur durch die Solidarität der Kunden überleben könnten.

Für viele Kunden ist das ein zweischneidiges Schwert. Nicole Dahmen (43) ist in den Dorfladen gekommen, um schnell noch ein paar Dinge einzukaufen. „Der Laden ist wichtig, aber ich ertappe mich auch dabei, öfter im Vorbeifahren woanders einzukaufen. Ich würde ihn vermissen, wenn er nicht mehr da wäre. Deshalb bin ich heute ganz bewusst her gekommen. Manchmal muss man sich eben selbst in den Hintern treten“, sagt sie.

Marita Beißel (70) ist an diesem Tag mit ihrem Enkel unterwegs. Sie kann verstehen, dass man auch schon mal woanders einkauft, der Dorfladen kann eben nicht mit den Preisen der Discounter mithalten. Dennoch ist ihr der Laden sehr wichtig. „Ich komme gern. Die Qualität ist gut. Die Mitarbeiterinnen sind sehr freundlich und hier kennt jeder jeden. Hoffentlich bleibt der Laden für uns erhalten. Wir werden alle älter und sind irgendwann nicht mehr mobil. Dann ist es gut zu wissen, dass man hier alles bekommen kann“, sagt sie.

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