Buch „Grenzerfahrungen“ betrachtet Identitätskonflikte in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens

Neuer Blick auf Erinnerungskultur : „Grenzerfahrungen“ betrachtet die belgische Identitätskonflikte

Kaum ein Landstrich in Europa hat den Wechsel von staatlicher Souveränität so intensiv erfahren müssen wie die belgischen Ostkantone. Die Kreise Eupen und Malmedy waren von 1816 bis 1920/22 Landkreise im Regierungsbezirk Aachen.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurden im Friedensvertrag von Versailles die Grenzen neu gezogen. Es wurden sämtliche Gemeinden des Grenzstreifens von Eupen-Malmedy vom deutschen Reichsgebiet getrennt und provisorisch Belgien unterstellt. Grundlage war eine umstrittene Volksbefragung (1920). Nach einer fünfjährigen Übergangszeit wurde das Gebiet 1925 in den belgischen Staatsverband eingegliedert.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Eupen-Malmedy nach der Eroberung Belgiens durch die deutsche Wehrmacht im Jahr 1940 in das Deutsche Reich eingegliedert. Über 8000 Ostbelgier dienten ab Herbst 1941 in der deutschen Wehrmacht.

Nach der Niederlage Deutschlands 1945 übergaben die Besatzungsmächte Eupen-Malmedy an Belgien. Erst 1958 war der endgültige Grenzverlauf geklärt.

Diese bewegte Geschichte Ostbelgiens durchzieht wie ein roter Faden auch ein stattliches Geschichtsbuch, das jetzt im Eupener Grenzecho-Verlag erschienen ist. Auf 400 Seiten beleuchtet das im wahrsten Sinne gewichtige Werk unter dem Titel „Grenzerfahrungen“ die Geschichte der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens in den Jahren 1919 bis 1945.

Ein kompetentes Autorenteam hat zur vielschichtigen Thematik Ostbelgiens bereits drei Bände herausgegeben. Im nun vorliegenden vierten Band bilden die Themen Staatenwechsel, Identitätskonflikte und Kriegserfahrungen die Schwerpunkte des historischen Abrisses der jüngeren Zeitgeschichte. Im Wechsel von zeitgeschichtlichen Betrachtungen über persönliche Erlebnisse bis hin zur Neubewertung von eingefahrenen Sichtweisen bietet das reich bebilderte Buch nicht nur für die Bürger der Deutschsprachigen Gemeinschaft, sondern auch die angrenzenden Gebiete, spannenden und überraschenden Lesestoff, fernab jeder ideologischen Sichtweise mit einem neuen Blick auf die bisherige Erinnerungskultur.

Der kritische Umgang mit der Geschichte Ostbelgiens ist kein Tabuthema mehr, und viele bislang als Fakten dargestellte Ereignisse werden in einem neuen Licht betrachtet, weit weg vom nationalistischen oder ideolgischem Mythos. „In der deutsch-belgischen Grenzregion führen Grenzverschiebungen zu Orientierungslosigkeit, aber auch Beharrung. Eupen-Malmedy ist zu jener Zeit Randregion zwischen zwei Vaterländern, die in ihm keinen Zwischenraum erkennen wollen“, heißt es in einführenden Worten der Herausgeber.

Auch aus dem Blickwinkel des situativen Opportunismus, der den Einzelnen je nach Lebenssituation zwischen Anpassung oder Verweigerung schwanken lässt, zeichnen die 19 Autoren ein anderes Bild dieser bewegten Zeit nach, die für das Verständnis des heutigen Ostbelgiens grundlegend ist.

Ziel ist dabei vor allen Dingen, sich nicht allein auf die rein belgische Lesart der jüngeren Zeitgeschichte zu verlassen, sondern die politische Vergangenheit in einen historischen Gesamtzusammenhang zu stellen und nicht durch pauschale Verurteilungen eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Fakten zu verdrängen.Für den an Historie interessierten Leser sind die „Grenzerfahrungen“ somit ein wichtiger Ansatz, die Geschichte als jeweiligen Spiegel des Zeitgeistes besser zu verstehen.

Folgende Autoren haben Beiträge zu dem Buch geliefert: Philippe Beck, Christoph Brüll, Winfried Dolderer, Andreas Fickers, Jens Giesdorf, Els Herrebout, Wilfried Jousten, Johannes Kontny, Peter M. Quadflieg, Catherine Lanneau, Carlo Lejeune, Robert Möller, Victoria Mouton, Thomas Müller, Peter M. Quadflieg, Alfred Rauw, Nina Reip, Vitus Sproten, Machteld Venken. Karten: Klaus-Dieter Klauser.

(P.St.)
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