Simmerath: Biomasse-HKW: Der Landschaftsbauer als Kraftwerkschef

Simmerath: Biomasse-HKW: Der Landschaftsbauer als Kraftwerkschef

Wild wirbeln die Flocken durch die Luft. „Das ist doch Winter, oder!?”, sagt Winand Hilden, die Mütze tief im Gesicht. Auf ihr steht „Bärenstark” - der Werbespruch einer Forsttechnik-Firma. Doch der Slogan passt auch auf Hilden, wie er da im Schneegestöber steht.

Eine bärenstarke Herausforderung haben er und seine Frau Mirna vor wenigen Monaten übernommen, als sie sich entschlossen haben, das Heizkraftwerk Simmerath zu übernehmen. Seitdem ist einiges passiert. Bereut hat das Ehepaar Hilden den Schritt nicht. Trotzdem: „Wir sind noch immer in der Lernphase”, gibt Winand Hilden zu. Vom Gartenlandschaftsbaumeister zum Kraftwerk-Geschäftsführer - eine ungewöhnliche Karriere.

Oder etwa doch nicht? „Wir haben schon länger mit dem Gedanken gespielt”, erzählt der 47-Jährige, der gemeinsam mit seiner gleichaltrigen Frau Mirna in Stolberg seit über 20 Jahren erfolgreich einen Garten- und Landschaftsbetrieb führt. Einige Jahre nachdem das Simmerather Biomasse-Heizkraftwerk (HKW) 2005 für rund vier Millionen Euro gebaut wurde und 2006 ans Netz ging, zählten auch die Hildens zu den HKW- Lieferanten. Späne, Waldrestholz, Landschaftspflegeholz - „Früher wusste man gar nicht, wohin damit. Da war all das doch nur Abfall”, erinnert sich Hilden. Das sei mittlerweile ganz anders. „Heute kippt man nichts mehr auf Reitplätze, weil Restholz ein wichtiger Rohstoff geworden ist.”

Längst ist so ein rentabler Restholzmarkt entstanden, auf dem auch die Hildens seit Jahren mitmischen. Als sich dann abzeichnete, dass die früheren Betreiber des HKW in Simmerath, die Bio Energie Simmerath GmbH in Person von Ralph Prym und Georg Fourné, das Geschäft veräußern wollten, setzte bei den Hildens das große Rechnen ein. Die Gespräche mit den vorherigen Betreibern zogen sich über das Frühjahr und den Sommer 2011 hin. Seit dem 15. November des vergangenen Jahres sind die Stolberger Unternehmer mit der Hilden HKW GmbH offizielle Betreiber des Kraftwerks, das täglich tonnenweise mit Holzhack-Schnitzel gefüttert wird.

„Unsere Gedankenspiele waren relativ einfach: Wir wollten unser Material weiter verkaufen”, erklärt Winand Hilden. Rund 20 Prozent der gelieferten Holzreste kamen vom Stolberg Landschaftsbaubetrieb - und sollen es auch weiterhin. Warum also nicht an die eigene Firma verkaufen, hieß die logische Schlussfolgerung.

Ausfallzeiten reduzieren

Gesagt, getan. Ein finanzieller Spagat für die Hildens, der sich irgendwann auch auszahlen wird. „Natürlich wollen wir Geld verdienen”, sagt Mirna Hilden mit einem Lachen. Doch dafür gebe es noch viel zu tun. Vor allem die Ausfallzeiten des Kraftwerks sollen weiter heruntergefahren werden. „Hier zählt man nicht in Fehltagen, sondern Fehlstunden”, macht Geschäftsführer Winand Hilden klar, woran es noch hakt. Jede Minute, die das Kraftwerk wegen Instandsetzungsarbeiten still steht, kostet bares Geld. Aber man habe in den vergangenen Monaten schon gute Fortschritte gemacht. „Wir müssen reparieren, bevor etwas kaputt geht”, lautet Hildens Motto.

Auch andere Partner hatten ein außerordentliches Interesse, dass es mit dem HKW in Simmerath vernünftig weitergeht. Schließlich beliefert das Kraftwerk die Hauptschule der Gemeinde Simmerath und bald auch das neue Schwimmbad mit Fernwärme. Und auch das Katastrophenzentrum der Städteregion ist ebenso wie das Berufsbildungs- und Gewerbeförderungszentrum (BGZ) vor Ort an das HKW-Fernwärmenetz angeschlossen.

Nicht zuletzt sind da aber auch die Nachbarn in unmittelbarer Nähe zum Heizkraftwerk. Immer wieder gab es unter dem alten Betreiber in den vergangenen Jahren handfeste Kritik. Anwohner monierten vor allem eine teils enorme Lärmentwicklung, die durch nicht vernünftig gewartete Apparaturen entstand. Dazu die Geruchsbelästigung, aber auch der Schwerlastverkehr, der stetig durch die Wohnstraßen ratterte.

Vor drei Wochen haben die Hildens mit ihren neuen Nachbarn gesprochen. „Das war uns ganz wichtig”, sagt Mirna Hilden. Und man sei optimistisch aus dem Gespräch herausgegangen. Die neuen Betreiber hoffen nun, einen Großteil der Angst und Vorurteile entkräftet zu haben. Und auch aus der Nachbarschaft sind die ersten Reaktionen auf den Betreiberwechsel positiv.

Am Dienstagvormittag herrschte auf dem 4000-Quadratmeter-Gelände reger Betrieb. Ein Lastzug aus den Niederlanden, beladen mit 70 Kubikmeter Waldrestholz, rangierte seine Ladung nah an das Lager heran, bevor eine voll automatisierte Kralle sich packenweise den Brennstoff griff und im Holzhackschnitzellager, das 800 Kubikmeter fasst, deponierte. Ein Großteil des Rohstoffs für die Anlage kommt aus der Eifel. Rund 70 Prozent. Weitere 30 Prozent werden von niederländischen Händlern geliefert. „Hier muss eine Menge angefahren werden, sonst geht der Ofen aus”, sagt Hilden. Als sein eigener „Kunde” möchte er in diesem Jahr 10.000 Kubikmeter Waldrestholz fürs HKW Simmerath liefern. „Das schaffen wir auch”, sagt er und rückt die Bärenstark-Mütze zurecht.

Das Biomasse-Heizkraftwerk Simmerath arbeitet mit einem 1200-Kilowatt-Generator. Derzeit liegt die durchschnittliche Stromproduktion allerdings noch bei 800 Kw pro Stunde. „Die Leistung wollen wir natürlich weiter erhöhen”, sagt Winand Hilden.

Täglich werden etwa 240 Kubikmeter Restholz - zum Beispiel gehäckseltes Holz aus Baumkronen - an der Walter-Bachmann-Straße angeliefert. Winand und Mirna Hilden haben in Simmerath drei Mitarbeiter, zwei Kesselwärter wurden von den vorherigen Betreibern übernommen.

Nachdem das Restholz im Ofen bei 800 bis 900 Grad verbrannt wurde steigt der Dampf hoch in die Turbine. „Das Herzstück der Anlage”, sagt Hilden. Von dort wird der Stromgenerator angetrieben. Über eine Transformationsstation speist das HKW den Strom dann in das öffentliche Netz des Energieriesen RWE Power ein.