Besuch aus Amerika: Tochter eine Soldaten im Weltkrieg in Monschau

Tochter eines US-Soldaten in Monschau : Wandern auf dem Weg in die Vergangenheit

Nancy Sheehys Vater kämpfte im Krieg in Monschau-Höfen gegen die Deutschen. Mit ihrem Mann Bill erkundet die Kalifornierin nun den Ort und fühlt sich ihrem Vater sehr nahe, der im Krieg sehr viel Glück hatte – aber auch Schuldgefühle.

Robert Wyatt Thrasher fühlt sich schuldig. Schuldig, weil er überlebt hat, während seine Kameraden – nur Zentimeter von ihm entfernt – getötet wurden. „Ich glaube, ich hatte einen Schutzengel und ich war bestimmt dazu, über meine Freunde zu schreiben und ihre Erinnerung zu wahren“, erklärt Thrasher als 77-Jähriger in seinen Memoiren. Der Amerikaner hat im Winter 1944/1945 während der Ardennenoffensive in Höfen gegen die Deutschen gekämpft.

Drei Monate voller Kälte

Rund 75 Jahre später stehen seine Tochter Nancy Sheehy und ihr Mann Bill vor dem Feld in Höfen, wo sich einst Deutsche und die Alliierten gegenüberstanden. Sie sind aus Kalifornien angereist und wandern nun auf den Spuren der Vergangenheit des mittlerweile verstorbenen Vaters von Nancy Sheehy. In Monschau bei der Touristeninformation fragen sie nach den alten Häusern und der Umgebung, die in Thrashers Buch „Popcorn Road to Paris ... and back“ (eine Anspielung auf die Straße in seinem Heimatdorf im Bundesstaat Indiana und sein späterer Aufenthalt in Frankreich) erwähnt werden.

Drei Monate war die Kompanie des damals 18-jährigen Thrashers am Westwall stationiert. Als Scout bewachte er kilometerlange Abschnitte der Grenze und marschierte beschwerlich durch hohen Schnee, in einem der kältesten Winter bis dato, heißt es. „In der gesamten Zeit hat die Sonne vielleicht fünf Tage geschienen“, schreibt er seinen Eltern. „Unsere Aufgabe war es, den Ort auf der Anhöhe zu verteidigen. Wir gingen fast jede Nacht auf Patrouille und waren ständig unter deutschem Beschuss.“

Nancy Sheehy erinnert sich, wie ihr Vater ihr später erklärte, dass die Soldaten teilweise im Stehen, Rücken an Rücken lehnten, um zu schlafen und sich auszuruhen. „Mein Vater hat aber nie vom Krieg und von früher erzählt. Erst als mein Neffe als Kind immer mehr Geschichten von seinem Opa hören wollte, begann er, über den Krieg zu sprechen.“

Ort mit eigenen Augen sehen

Nancy Sheehy und ihre Schwester Carol haben die Geschichten gesammelt, aufgeschrieben und 2007 in einem Buch veröffentlicht. Es sei eine tolle Erinnerung für die Familie. Fünf Jahre später starb Thrasher. Jetzt wollte sie selbst mit eigenen Augen sehen, wie das Land aussieht, in dem ihr Vater nur knapp dem Tod entkommen ist, sagt Nancy Sheehy.

Nancy Sheehy auf den Spuren ihres Vaters in Höfen. Foto: Bill Sheehy

Zwei Tage haben sie und ihr Mann nur Zeit, sich ein Bild von Monschau, Höfen und dem Ortsteil Alzen zu machen, dem Ort, der Thrasher prägte. Es ist das erste Mal, dass das Ehepaar in der Region ist. Sie seien schon oft in Frankreich, aber haben es nie „rüber“ nach Höfen geschafft. „Ich war erstaunt, weil es in Höfen so aussieht wie auf der Farm meines Vaters in Indiana, auf der ich aufgewachsen bin.“ Sie laufen durch die Felder in Alzen und essen in einem Restaurant, das in der Nähe liegt. Gut möglich sei es, dass Robert Thrasher dieses Haus gekannt habe und selbst dort war, vermutet die 67-Jährige. „Leider“, sagt sie, „haben wir keine Augenzeugen gefunden, die von der Zeit im Krieg hier erzählen können und die Amerikaner miterlebt haben.“

Geschichten verinnerlicht

Wenn Nancy Sheehy mitten in Monschau in einem Café von ihrem Vater erzählt, dann scheint es, als sei sie damals dabei gewesen. So sehr kann sie sich in ihn hineinversetzen. Ab und zu scheint es, als würden sich ihre Augen mit Tränen füllen, gleichzeitig beschreibt sie die Vergangenheit sehr akribisch und sachlich. Sie kennt die Geschichten in dem Buch auswendig, liest ganze Abschnitte mit Herzblut vor und zeichnet verbal den Weg nach, den ihr Vater damals gegangen ist.

Als Soldat in der 99. Division, 395. Infanterie und Kompanie L kam er nach Monschau. Einen Tag vor dem Beginn der Ardennenoffensive, die die Amerikaner als „Battle of the Bulge“ bezeichnen, begegnete Thrasher in der Nacht auf seinem Grenzgang mehreren Deutschen im Wald. „Vermutlich war es ein SS-Offizier, der mir von einer kleinen Anhöhe zupfiff. Wir hatten Augenkontakt, aber ich lief einfach weiter und sagte nichts. Ich wusste nicht, was zu tun ist“, schreibt er in dem Buch. Der Deutsche habe wohl seinen amerikanischen Helm nicht erkannt und dachte, er sei ebenfalls deutsch. Anders kann Thrasher nicht erklären, warum er nicht erschossen wurde. Zurück im Quartier erzählte er seinem Vorgesetzten von dem Zwischenfall. Mehrere Soldaten wurden an die Grenze geschickt, um sich ein Bild davon zu machen. „Sie kamen nie zurück. Ich bin mir sicher, sie wurden getötet.“

Robert Wyatt Thrasher war mit 18 Jahren amerikanischer Soldat in Monschau und schrieb seine Geschichten auf. Foto: Sheehy

Dennoch, so schreibt er in einen Brief an seine Mutter, sei Höfen nicht gefallen. „Obwohl es umzingelt war von deutschen Soldaten. Es waren 10.000 gegen 900 von uns.“

Den Horror, den die Menschen früher erlebt haben, wird von dem typisch amerikanischen Humor abgeschwächt. „Die Erzählungen sind häufig mit einem Augenzwinkern. So gibt er Hitler die ‚Schuld’, dass er die Armee verlassen musste und er von seinem ersten bezahlten Job quasi gekündigt wurde, weil der Krieg gewonnen war “, erklärt Bill, „aber mein Schwiegervater war von der Zeit sehr traumatisiert und deprimiert – wie viele Soldaten. Er hat nie verstanden, warum gerade er überlebt hat.“

Ob in Deutschland viel Wissen über den Krieg herrscht, will der 64-Jährige wissen und wie präsent das Thema ist. Die Sheehys interessieren sich sehr für die Geschichte in Deutschland, sprechen dennoch den Namen „Hitler“ nicht aus, sondern nur ein leises „H.“ und „you know“. Laute Gespräche über den Krieg in einem öffentlichen Café in Deutschland wollen sie vermeiden. Als wollten sie die Deutschen aus Höflichkeit schonen, über ihrer schreckliche Vergangenheit zu sprechen.

Hauch von Hollywood

Noch am Nachmittag zieht es die Kalifornier weiter nach Frankreich und später nach Schottland. Das Ehepaar ist seit rund 35 Jahren verheiratet und lebt in Kalifornien. Das, was die beiden erlebt haben, könnten sie selbst in einem Buch festhalten, denn beide arbeiteten lange in Hollywood. Bill hatte als Kameramann Größen wie Cameron Diaz, Dennis Quaid oder den Seinfeld-Macher und Comedian Larry David vor der Linse. Nancy war nach eigener Aussage die erste, die ihren Assistenten-Job für Sylvester Stallone gekündigt hat, als die Dreharbeiten für Rocky IV anstanden. Unaufgeregt erzählt sie noch von ihrer Freundschaft zu Anne Spielberg, der Schwester des berühmten Regisseurs, für den sie fast gearbeitet hätte.
Ein Hauch von Hollywood lief in diesen Tagen also durch Monschau. Ein Fleckchen Erde, den die beiden „wirklich sehr, sehr schön finden.“ Auch Nancy Sheehy wird sich an die kurze Zeit und die Reise in die Vergangenheit gerne erinnern, sagt sie. „Ich fühle mich meinem Vater in diesen Tagen sehr nahe. Ich habe das Gefühl, ich kenne ihn jetzt ein bisschen besser.“

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