Simmerath: Beim Projekt „Vor dem Anfang starten“ lernen Schüler Verantwortung

Simmerath : Beim Projekt „Vor dem Anfang starten“ lernen Schüler Verantwortung

Während Mandy und Leonie die kleinen Bündel ganz ruhig in ihren Armen wiegen, ist es den Jungs noch sichtlich peinlich, mit der ziemlich echt aussehenden Puppe zu hantieren. Immerhin aber haben die 14- bis 15-Jährigen den Mumm, bei diesem Projekt mitzumachen — einem Schülerprojekt, das ihnen wahrscheinlich mehr fürs Leben beibringt als jede Matheformel.

„Vor dem Anfang starten — junge Menschen entwickeln Erziehungskompetenz“ heißt das Angebot der Städteregion Aachen, welches jungen Menschen schon in der Schule die wichtigsten Dinge vermittelt, die man wissen muss, wenn man einmal für ein eigenes Kind verantwortlich ist.

„Vor dem Anfang starten“ läuft seit dem Schuljahr 2011/2012 als Kooperationsprojekt zwischen Schulen im Altkreis Aachen und der Jugendhilfe. Das Angebot startete damals mit sieben Schulen, im laufenden Schuljahr 2017/2018 nehmen 20 Schulen mit 20 Kursen teil, darunter auch die Sekundarschule Nordeifel.

„Das Besondere an diesem Angebot ist, dass es als Schulfach, als AG oder als Projekt im Rahmen der Kooperation von Jugendhilfe und Schule über ein ganzes Schuljahr mit bis zu 100 Unterrichtsstunden in den Schulalltag integriert wird. Dieser lange Zeitraum ermöglicht die notwendige Gruppendynamik, damit die Schüler sich auch für die sensiblen Themen öffnen können und sichert die Nachhaltigkeit“, so Angelika Krank vom Jugendamt.

Ein wichtiger Bestandteil des Projekts sind die sogenannten Babysimulatoren, äußerst echt aussehende Puppen, die mit Hilfe eingebauter Technik die gleichen Bedürfnisse anmelden und hörbar machen wie echte Menschenkinder. „Du musst schon irgendetwas Sinnvolles tun, wenn Dein Baby schreit“, fordert Marion Breuer, Sozialpädagogin an der Sekundarschule in Simmerath und Leiterin des Projekts einen der jungen „Väter“ auf, als dieser das schrille Babygeschrei mit einem Handtuch auf dem Lautsprecher der Babypuppe zu dämpfen versucht. Der Schüler wechselt leicht widerwillig, aber letztlich doch behände die Windel — und siehe da: das Schreien verstummt.

Beim Besuch einer Hebamme in der Schule und der Besichtigung der Entbindungsstation erfuhren die Schülerinnen und Schüler Dinge, mit denen sich junge Menschen in der Regel erst dann befassen, wenn es an die eigene Familienplanung geht. Fakt aber ist, dass viele junge Menschen manchmal schon in der Schulzeit oder direkt nach deren Beendigung Eltern werden. „Sie sind selbst noch Jugendliche und haben nur im Ansatz eine Vorstellung davon, was es bedeutet, dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerecht zu werden. Sie benötigen häufig Hilfen zur Erziehung“, so Angelika Kranz zu den Zielen des Projekts.

Die Präventionsmaßnahme bereite daher junge Menschen schon frühzeitig auf die Erziehungsaufgabe vor und vermittle ihnen dringend notwendige Kompetenzen, noch bevor sie auf dem Weg sind, Eltern zu werden. „Junge Menschen sollen sich mit den wichtigsten Grundlagen auseinander gesetzt haben, was ein kleines Kind körperlich und seelisch benötigt, um einen guten Start ins Leben zu haben. Sie sollen die nötigen Kompetenzen erworben haben, um ein eigenständiges Leben als junge Familie führen zu können und alle wichtigen Hilfs- und Unterstützungsmöglichkeiten kennen“, umreißt Angelika Kranz die Ziele. Außerdem werde sich im Rahmen des Projekts mit den Fragen beschäftigt, wann der richtige individuelle Zeitpunkt ist, ein Baby zu bekommen und welche fatalen Fehler schon in der Schwangerschaft (zum Beispiel Alkohol und Drogen) und nach der Geburt vermieden werden sollten.

Die Sekundarschülerinnen und -schüler befassten sich darüber hinaus mit lebenspraktischen Themen wie Umgang mit Geld, gesunde Ernährung oder Wohnungssuche. Auch die eigene Lebensplanung, der Umgang mit Konflikten, die positive Gestaltung von Beziehungen und viele weitere Themen gehören zum Projekt „Vor dem Anfang starten“, das insgesamt 100 Unterrichtsstunden in einem Schuljahr umfasst.

Wie läuft eine Entbindung ab?

Dr. Andreas Cousin, der Leiter der Gynäkologie und Geburtshilfe im Simmerather Krankenhaus, gab den Schülern interessante Informationen über die Geburtshilfe an Sankt Brigida, zum Ablauf einer Entbindungen und zu seinem Beruf. Schließlich verabschiedete er die Schülergruppe mit den Worten: „Ich freue mich sehr über Euer Interesse. Aber ich hoffe, dass Ihr Euch mit der Inanspruchnahme unserer Station noch ein paar Jahre Zeit lasst.“

(hes)
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