Simmerath: Auch Nils darf jetzt zur Schule gehen

Simmerath: Auch Nils darf jetzt zur Schule gehen

Nils Reitz, sechs Jahre alt, freut sich: Er darf ab dem kommenden Schuljahr die Schulbank drücken. Eigentlich ist das nichts Besonderes: Nils ist alt genug, kann bereits einige Wörter schreiben und ist von der Schulärztin als schulfähig eingestuft worden.

Das war im November 2011. Heute hat Lydia Reitz, Mutter von Nils, einen Arzt-Marathon hinter sich. „Die Rektorin der Grundschule Kesternich, Frau Bittner, wollte meinen Sohn einfach nicht”, ist sich Lydia Reitz (37), sicher. Seit August vergangenen Jahres ist Nils in ergotherapeutischer Behandlung, unabhängig von der Einschulung. Er hat Gleichgewichtsstörungen.

Auf einem Bein zu stehen, fällt ihm beispielsweise schwer. Allerdings war das nicht der Grund, warum Lydia Reitz vier Mal mit ihrem Sohn eine Kinderarztpraxis aufsuchen musste. „Frau Bittner war mit der Aussprache von Nils nicht zufrieden”, sagt Lydia Reitz. Außerdem müsse Nils sich einer Augenuntersuchung unterziehen, weil er Probleme habe, blau und lila zu unterscheiden. „Frau Bittner sagte, ich müsse mich darum kümmern, dass alle Defizite behoben werden”, erinnert sich Lydia Reitz. Die 37-Jährige fiel aus allen Wolken. Sie sei immer davon ausgegangen, dass das Ergebnis des Schulamts bindend für die Schulleitung sei.

Die Untersuchung beim Kinderarzt ergab, dass Nils die Farben zwar nicht richtig voneinander unterscheiden könne, dieses Phänomen aber bei Kindern in Nils Alter häufiger vorkomme. Er brauche lediglich eine ergotherapeutische Betreuung, an der er ja ohnehin schon teilgenommen hat.

Mit der Bescheinigung des Kinderarztes in Tasche wurde Lydia Reitz gemeinsam mit ihrem Sohn bei Heike Bittner vorstellig. Aber Heike Bittner war nicht mit Nils zufrieden. Noch drei Mal musste Lydia Reitz sich für Nils einen Termin beim Kinderarzt geben lassen. Das letzte Mal war Anfang Juni. „Der Arzt hat dann zehn Termine bei einem Logopädie-Therapeuten verschrieben”, sagt Lydia Reitz. Sie hoffte, auf diese Weise ihr Ziel - Nils Einschulung - zu erreichen, und dass Heike Bittner Ruhe gibt.

Weil Lydia Reitz nicht mehr wusste, was sie machen sollte, erteilte sie Heike Bittner außerdem eine Vollmacht, damit sie sich direkt mit dem Kinderarzt in Verbindung setzen konnte. Sie machte den Vorschlag, eine andere Lehrerin der Grundschule solle Nils prüfen - darauf sei Heike Bittner, die auf Anfrage zu einer Stellungnahme nicht bereit war, nicht eingegangen.

Der Stress wegen der Artzbesuche - Nils hat drei Geschwister - ist die eine Sache. Sich unverstanden und ausgegrenzt fühlen, die andere. Während andere Mütter die Einschulungsbestätigung schon vor Wochen erhalten haben, wartete Lydia Reitz immer noch auf den Brief. Als sie ihnen Nils Geschichte erzählte, reagierten sie erstaunt.

Seitdem Nils ein Jahr alt ist, ist sein Kinderarzt Dr. Gerhard Klein in Simmerath. Aus seiner Erfahrung weiß der Mediziner, den Lydia Reitz von seiner Schweigepflicht entbunden hatte: Die Untersuchungen des Schulamts kommt zu einem Ergebnis, über das anschließend nochmal mit allen Beteiligten gesprochen wird. Auch bei Nils war das so. „Wir haben uns zusammengesetzt, uns unterhalten und uns Gedanken gemacht”, sagt Klein. Er geht davon aus, dass Nils keinen unproblematischen Schulstart hinlegen wird. Er werde gefördert und man müsse abwarten, was dies bringt. „Man muss das immer aus mehrern Perspektiven betrachten”, sagt Klein. Das Wohl des Kindes sei immer das Wichtigste.

Lydia Reitz überlegte, ob eine andere Schule die Lösung sein könnte. Das kam aber nicht in Frage. Zum einen, weil sie Nils nicht täglich zur Schule bringen kann, und zum anderen gehen ja auch alle Freunde von Nils auf die Grundschule in Kesternich. Lydia Reitz fühlte sich hilflos und nicht ernstgenommen. Nils sei immer ein aufgeweckter und lebhafter Junge gewesen. „Aber seit den Problemen wegen der Einschulung ist er viel ruhiger geworden.” Dass seine Leistungen anscheinend nicht ausreichend waren, um gemeinsam mit seinen Freunden im Sommer eineSchultüte zu bekommen, ist nicht spurlos an Nils vorüber gegangen. „Als sich Heike Bittner nach den Untersuchungen ein Bild von Nils machen wollte, und er alleine mit ihr in einem Raum war, hat er total blockiert”, erzählt Lydia Reitz. Am Ende sei es so schlimm gewesen, dass der Sechsjährige auf keine Frage mehr beantwortet habe.

In der vergangenen Woche hat Lydia Reitz den Bescheid bekommen, dass Nils ab dem kommenden Schuljahr in der Grundschule Kesternich aufgenommen worden ist. „Da waren wir alle erstmal erleichtert”, sagt Lydia Reitz. Aber die Ungewissheit bleibt: Wie geht es nach der Einschulung weiter? Wird Heike Bittner Nils Klassenlehrerin? Lydia Reitz wird abwarten müssen.

Ihr Sohn Nils freut sich trotz allem immer noch sehr darauf, die Schulbank drücken zu können.

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