Grüne wählen Bernhard Müller zum Bürgermeisterkandidaten: „Arbeitsplätze und Natur mitten in Roetgen“

Grüne wählen Bernhard Müller zum Bürgermeisterkandidaten : „Arbeitsplätze und Natur mitten in Roetgen“

Er sprach aus dem Stehgreif. Bei seiner Antrittsrede als Bürgermeisterkandidat griff Bernhard Müller altbekannte Standpunkte auf. Sowohl seine, als auch die der Grünen. Zuvor war er auf der Mitgliederversammlung der Grünen einstimmig als Bürgermeisterkandidat gewählt worden.

„Wir müssen gestalten. Wenn wir verwalten, wird sich Roetgen zu einem Vorort von Aachen entwickeln. Dann verlieren wir unsere Lebensqualität“, war die erste Spitze in Richtung von Bürgermeister Jorma Klauss (SPD), den Müller „als netten Menschen“ bezeichnete, aber schlussfolgerte: „Wir brauchen einen anderen Bürgermeister. Also stelle ich mich zur Verfügung.“ Bei der Kommunalwahl am 13. September möchte Müller Amtsinhaber Jorma Klauss ablösen.

Was sind denn die Inhalte von Bernhard Müller, der schon vor fünf Jahren bei der Kommunalwahl als Bürgermeisterkandidat angetreten ist? Klimaschutz. Der müsse im eigenen Ort und nicht erst auf Anweisung der Bundesregierung beginnen. „In 15 Jahren müssen wir die CO²-Neutralität auch in Roetgen erreicht haben. Also müssen wir Maßnahmen einleiten.“ Es mag an der kurzen Redezeit von sieben Minuten gelegen haben, dass Müller diese Maßnahmen kaum konkretisierte. Nur so viel: „Solar, Windkraft, Strukturen für die Mobilität.“ Seine Lösung war dagegen kurz und ging ihm schnell über die Lippen: „Ich bin der Bürgermeisterkandidat.“

Als zweites Thema für den Wahlkampf nannte Müller die Artenvielfalt. „Noch nie sind in so hoher Geschwindigkeit so viele Pflanzen und Tiere verschwunden wie jetzt.“ Auch Roetgen müsse dafür Verantwortung tragen und beispielsweise „unseren Plantagenwald in einen Naturwald verwandeln.“ Damit griff Müller ein heiles Bild der Grünen auf, das sich im Wahlprogramm so liest: „Aufgeräumte Fichtenplantagen verwandeln sich in bunt gemischte Wälder mit alten und jungen Bäumen. Baumstämme dürfen liegen bleiben, damit Käfer und Pilze etwas zu fressen haben. Und da, der alte Baum mit den Höhlen ganz oben, der ist besonders beliebt bei Fledermäusen und Spechten. Auf den Lichtungen wachsen Orchideen, und wenn du genau hinschaust, kannst du auch den Siebenstern finden, die Wappenblume des Hohen Venns.“ Mit diesem Bild wollen die Grünen das Denken der Bürger öffnen und zum Umdenken animieren. Die Grünen wollen Natur mitten in Roetgen. Das sei Lebensqualität.

Lebensqualität sind für Müller Arbeitsplätze. „Es kann nicht sein, dass 80 Prozent der Bürger Roetgens in andere Städte fahren, um am Computer in Kontakt mit der Welt zu treten.“ Müller definiert die Aufgabe des Bürgermeister, mit „Arbeitsplätze in Roetgen schaffen, damit die Leute nicht wegfahren.“ Ein Hieb in Richtung Klauss folgte: „Es reicht nicht, dass der Bürgermeister zwei Mal im Jahr ein Unternehmer-Frühstück ausrichtet. Wir brauchen eine aktive Politik“, rief Müller mit immer fester werdender Stimme in den Bürgersaal, in dem von den 16 wahlberechtigten, anwesenden Mitgliedern der Mindestabstand von 1,5 Metern gut eingehalten werden konnte.

Und dann: „Mit mir wird es eine Baugrenze geben“, sagte Müller, der die 17 aktuellen Baugebiete kritisierte. „Wir wollen eine lockere Bebauung. Wir wollen grün bleiben.“

Viel Redezeit verwendete Bernhard Müller daran, dass Bürgermeister Jorma Klauss die Grundsteuer in seiner Amtszeit erhöht habe. „Wir haben heute eine Millionen Euro mehr Steuereinnahmen als im Jahr 2015“, rechnete der Grüne vor, und wusste, „dass Klauss das ganze Geld in 25 Prozent mehr Personal der Verwaltung steckt.“ Das seien 40 Prozent mehr Personalkosten als noch vor fünf Jahren. Müllers Überzeugung: „Ein Bürgermeister muss Kosten senken, bevor es Steuererhöhungen gibt.“

Mit 16 Ja-Stimmen wurde Bernhard Müller bestätigt. „Ich nehme die Wahl an“, erklärte er, der ganz vorne im Bürgersaal in der Mitte saß. Ihm hatten die Grünen zugehört. Zwischenapplaus in ihrer Rede bekam dagegen Ingrid Karst-Feilen. Sie hatte nicht nur die lokale Politik und die Klimawende aufgegriffen, sondern auch die aktuellen Demos gegen Rassismus in der Welt. Ihren Parteifreunden war das für den dritten Listenplatz nicht nur die Einstimmigkeit, sondern auch den spontanen Applaus wert.

Die Einigkeit der Grünen wurde übrigens nur für einen kurzen Moment gestört. Als nämlich der achte Listenplatz anstand, meldeten sich Volker Weigand-Majewsky und Manfred Jollet. Die kurze Irritation wurde zugunsten von Manfred Jollet entschieden. Da hatte es wohl keine klare Absprache hinter verschlossenen Türen gegeben.