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Schuldnerberatung der Caritas: 30 Jahre Beratung für überschuldete Menschen

Schuldnerberatung der Caritas : 30 Jahre Beratung für überschuldete Menschen

Seit drei Jahrzehnten bietet die Caritas Eifel eine Anlaufstelle für verschuldete Menschen.

Am 1. Januar 1991 ging die erste Schuldnerberatungsstelle des Caritasverbandes für die Region Eifel für Menschen, die in finanzielle Notlagen geraten waren, offiziell an den Start. In Vorjahren war diese Hilfe noch in der Allgemeinen Sozialen Beratung (ASB) verankert, der ersten Anlaufstelle der Caritas für Menschen in den unterschiedlichsten Problemlagen. Im Laufe der Zeit war jedoch festzustellen, dass sich die Zahl der Schuldenfälle in der ASB stetig erhöhte und daher ein spezielles Hilfeangebot, das diese Klienten in den Blick nehmen sollte, gebraucht wurde.

 Norbert Telöken aus Imgenbroich berät Menschen rund um die Themen Schulden und Verbraucherinsolvenz.
Norbert Telöken aus Imgenbroich berät Menschen rund um die Themen Schulden und Verbraucherinsolvenz. Foto: Verena Brandenburg

Mitarbeiterin Andrea Zens, Frau der ersten Stunde, begann im Schleidener Franziskus-Haus mit einem Beschäftigungsumfang von 50 Prozent und war zuständig für die gesamte Region der Eifeler Caritas in den Südkreisen Euskirchen und Aachen. Heute sind drei tätige Mitarbeitende mit insgesamt 2,55 Vollzeitstellen in vier Beratungsbüros die Ansprechpartner für Ratsuchende.

Tiefer Einschnitt

Den Weg für in Schulden geratene Menschen vor dem 1. Januar 1999 kann man als steinig bezeichnen“, beschreibt Andrea Zens, Schuldnerberaterin im Beratungsbüro Mechernich, die damalige Situation. Damit spielt sie auf die Tatsache an, dass es bis dahin noch kein Verbraucherinsolvenzverfahren gab, was zur Folge hatte, dass es für einen Schuldner kaum einen Ausweg aus seiner Situation gab und er somit meist sein Leben lang verschuldet blieb. „Man war in dieser Zeit einfach vollkommen abhängig von den Entscheidungen der Gläubiger.“ Daher kam die Einführung des privaten Verbraucherinsolvenzverfahrens einem tiefen Einschnitt in der Geschichte der Schuldnerberatung gleich, wie Kollege Norbert Telöken (seit 1999 dabei) von den Schuldnerberatungsstellen Schleiden und Simmerath, betont: „Sie bedeutete zum einen eine wirkliche zweite Chance, einen Neuanfang für unsere Klienten. Zum anderen wurde auch unser Stellenwert als Anbieter von Schuldnerberatung erhöht – professionelle Beraterinnen und Berater wurden von nun an als ebenbürtige Verhandlungspartner angesehen.“

Eine weitere Verstärkung des Teams kam 2009 mit Dorothea Gehlen dazu. „Mir fiel sofort auf, dass es sich bei den Klienten um Menschen aus allen sozialen Schichten handelte“, sagt sie. Seit 2016 berät sie Schuldner aus der Gemeinde Kall in einem eigenen Büro des dortigen Caritas-Zentrums. „Mit diesem Schritt unterstreichen wir auch unsere Kundenorientierung in der Schuldnerberatung.“

Art und Ursache für Schulden

An Art der Schulden hat sich in den letzten Jahrzehnten wenig geändert. Seit jeher gibt es Versandhausschulden bzw. Schulden durch Online-Käufe, Schulden in Zusammenhang mit Immobilien, Dispokrediten, der GEZ oder Autokäufen. Hinzugekommen sind vor einigen Jahren auch Energieschulden für Strom, Öl oder Gas. Auch die Ursachen, warum Menschen in eine Überschuldung geraten, haben sich in den letzten Jahren kaum geändert. „Es gibt nach wie vor die typischen Schuldengründe“, weiß Andrea Zens, „dazu zählen vor allem Arbeitsplatzverlust, Krankheit und Trennung bzw. Scheidung. Diese beeinflussen sich zudem häufig gegenseitig.“ Auch unerfahrener Umgang mit Geld, gerade bei jüngeren Menschen zähle dazu.

Dennoch erkennt Norbert Telöken einen Richtungswechsel: „Der klassische Fall vor 30 Jahren war: Der Klient ist verheiratet, hat eine Familie und 40.000 Euro Schulden bei einigen wenigen Gläubigern. Heute sind es viel öfter Alleinstehende, die Schulden bei 20, 30 oder mehr Gläubigern haben.“ Aktuell ist es durch den Rechnungskauf im Online-Handel zudem „einfacher“, ins Minus zu geraten. Das Motto „Kaufe jetzt, zahle später“ ist für Menschen, die ihre Finanzen nicht aufmerksam im Blick behalten, eine verführerische Schuldenfalle.

Was sich seit einigen Jahren zudem stärker als Ursache für Schulden herauskristallisiert, sind die Folgen von sogenannten prekären Beschäftigungsverhältnissen, also Niedriglöhne, Leih- oder Zeitarbeit, betont Dorothea Gehlen: „Das monatliche Einkommen der sogenannten Hartz-VI-Aufstocker ist dann so gering, dass ergänzende Leistungen des Jobcenters zur Deckung des Existenzminimums in Anspruch genommen werden müssen. Zudem haben die Leute keinerlei Möglichkeit, Rücklagen zu bilden und sind beispielsweise bei der Anschaffung einer neuen Waschmaschine gezwungen, Finanzierungsangebote zu nutzen oder Darlehen beim Jobcenter aufzunehmen.“ Kommen im Schuldenfall später überhöhte Gebühren durch Rechtsanwälte oder Inkassounternehmen sowie Zinsen dazu, ist der Schuldner nicht mehr in der Lage, seine Raten kontinuierlich abzuzahlen.

Dienstleistungen

Das Team der Schuldner- und Insolvenzberatung hilft im ersten Schritt durch eine fachliche Information; beim Thema Schulden kursiert in der Bevölkerung leider viel Halbwissen, das es häufig zu korrigieren gilt. Gerade am Anfang ist es darüber hinaus wichtig, sich eine vollständige Übersicht über die aktuelle, finanzielle Situation zu verschaffen. Das Aufstellen eines monatlichen Finanzplanes mit Einnahmen und Ausgaben gehört ebenso zum Angebot wie die Hilfe beim Stellen von Anträgen, Ausfüllen von Formularen oder bei der Umwandlung des Girokontos in ein Pfändungsschutzkonto („P-Konto“).

Wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, kann die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens angegangen werden. Da dies ein komplexer Sachverhalt ist, hat der Caritasverband im vergangenen Jahr zwei Erklärvideos auf seinem Youtube-Kanal online gestellt und auf seiner Homepage verlinkt. Hier werden alle wichtigen Begriffe und Abläufe erläutert. Auch ein Video über das sinnvolle Anlegen von Ordnern soll dabei helfen, Struktur in das Schuldnerchaos, welches sich durch die viele Post angehäuft hat, zu bringen. Zum Dienstleistungsspektrum zählen weiterhin Verhandlungen mit Gläubigern über Ratenzahlungen, Vergleiche, Stundungen oder Zinserlässe, Unterstützung in persönlichen, sozialen und finanziellen Fragen oder auch Hilfestellung im richtigen Umgang mit Geld. Die Beratungen sind in der Regel kostenfrei.

Perspektiven und Wünsche

„Ich gehe davon aus, dass es zukünftig mehr Beratungsanfragen geben wird, vor allem im Frühjahr rechne ich mit einem erhöhten Bedarf durch die Folgen der Corona-Pandemie“, vermutet Dorothea Gehlen. Eine gute Entwicklung sei aus ihrer Sicht, dass der Gesetzgeber das private Insolvenzverfahren gerade von sieben auf drei Jahre verkürzt hat. Somit hätten die Leute, die in finanzielle Not geraten sind, eine frühere Aussicht auf einen Neubeginn. Personell sieht Kollege Norbert Telöken den Dienst für die Eifeler Region gut aufgestellt und für die Zukunft gerüstet: „Die Schuldnerberatung ist aus der Angebotspalette unseres Caritasverbandes längst nicht mehr wegzudenken. Menschen mit einer Schuldenproblematik sind einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt, die es auch weiterhin von uns aufzufangen gilt“, so Telöken. Deswegen sollte Schuldnerberatung auch dauerhaft ein vom Gesetzgeber kostenloses Angebot für jeden sein, unabhängig von Einkommen.

Was die Wünsche an die Zukunft angeht, so würde sich das Beratungsteam vor allem mehr Präventionsarbeit wünschen. Die Menschen lebten heute in einer komplexen Welt, welche immer komplexere Anforderungen stellt, denen Manche einfach nicht gewachsen sind. Daher gelte es, schon in jungen Jahren anzusetzen – nicht nur in den Familien sei es unabdingbar, mit Kindern von vornherein klar über den richtigen Umgang von Geld zu sprechen, auch in Schulen sehen sie ergänzende Möglichkeiten. „Ich glaube, dass man dort das Thema Schulden und Finanzplanung durch Projekte oder AGs bereits intensiv behandeln sollte. Je früher Kinder und Jugendliche das Wissen mit auf den Weg bekommen, umso größer sind die Chancen, später ohne Überschuldung durchs Leben zu kommen“, schließt Andrea Zens.

Wer Fragen hat oder Hilfe braucht, meldet sich je nach Wohnort bei: Dorothea Gehlen (Beratungsbüro Kall): Tel. 02441/7776082, d.gehlen@caritas-eifel.de; Norbert Telöken (Beratungsbüro Schleiden und Simmerath): Tel. 02445/8507276 bzw. 02473/7511, E-Mail: n.teloeken@caritas-eifel.de; Andrea Zens (Beratungsbüro Mechernich): 02443/9029811, E-Mail: a.zens@caritas-eifel.de.