Düren: Zwischen Existenzangst und Gelassenheit

Düren : Zwischen Existenzangst und Gelassenheit

Wenn Peter Nießen so durch den Betrieb schlendert, von einer Halle in die nächste, tönt es fast an jeder Ecke: „Hallo Peter, wie ist es?” „Es muss!”, antwortet Nießen dann oft. Lächelnd natürlich.

Die Kollegen, kennen ihn, und er kennt die Kollegen - „fast alle mit Namen”, sagt er, nicht ohne Stolz. Peter Nießen, 55, ist seit vergangenem Jahr Betriebsratsvorsitzender von Visteon, einem der größten Arbeitgeber der Region. 900 Menschen arbeiten hier, 1300 sind es einmal gewesen. Bis 2001, dann gab es eine Kündigungswelle - wirtschaftliche Probleme, hieß es damals.

Um solche Kündigungswellen künftig zu vermeiden oder zumindest doch zu verringern, sind die deutschen Arbeitgeber in die Offensive gegangen: Siemens verpflichtete sich vergangene Woche, zwei Produktionsstandorte in Nordrhein-Westfalen bis auf weiteres zu erhalten anstatt, wie geplant, nach Ungarn zu verlegen, rang dafür den Tarifvertragsparteien aber das Zugeständnis ab, die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden pro Woche zu verlängern. Ohne Lohnausgleich.

Gute Aussichten auf Erfolg

Aber Siemens ist nur das prominenteste von 40 Beispielen, die im letzten Quartal die Arbeitszeit verlängerten. 100 weitere Unternehmen befinden sich noch in Verhandlungen. Mit guten Aussichten auf Erfolg, wie kolportiert wird. Auch in der weiteren Umgebung Dürens gibt es Betriebe, die mit einer Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche liebäugeln - oder dies bereits vollzogen haben.

Ein mittelständischer Unternehmer etwa, der allerdings jede Öffentlichkeit vermeiden möchte, hat jüngst in einer Betriebsvereinbarung die Arbeitszeit auf 40 Stunden angehoben. „Es läuft ganz gut”, resümiert er, seine Angestellten hätten begriffen, dass dieser Schritt unausweichlich gewesen sei.

Voller Lohn für vollen Einsatz

Die Aufregung um die Arbeitszeiterhöhung der Arbeitnehmer und Gewerkschaften, besonders die der IG Metall, begreift er indessen nicht. Als in den siebziger Jahren die Arbeitszeit sukzessive von 40 auf 35 Stunden abgebaut wurde, hätten die Arbeitnehmer keinerlei Gehaltseinbußen hinnehmen müssen, ganz im Gegenteil: „Die Menschen sind für 40 Stunden Arbeit bezahlt worden und mussten nur 35 leisten”, gibt er zu bedenken. Es sei daher „alles andere als ungerecht”, in wirtschaftlich nicht mehr so blühenden Zeiten für den vollen Lohn auch den vollen Einsatz der Arbeitnehmerschaft zu verlangen.

Angesichts solcher Botschaften könnte man meinen, dass auch bei Visteon die Angst umgehe. Existenzängste der Arbeitnehmer; denn nicht nur die Gewerkschaften meinen, dass mit Arbeitszeitverlängerungen jede zehnte bis 15. Stelle in Gefahr sei.

Aber Peter Nießen bleibt einstweilen gelassen: „Wir haben uns noch gar nicht so sehr mit diesem Thema auseinandergesetzt”, sagt er, breit lächelnd. Verständlich: Bis Ende 2005 soll es bei Visteon keine betriebsbedingten Kündigungen geben, auch keine Arbeitszeitverlängerung. Das sieht die neue Beschäftigungsordnung vor, für die die Angestellten allerdings auch Einbußen hinzunehmen hatten, beim Weihnachtsgeld. „Dafür bleibt die Situation, wie sie ist”, sagt Nießen und sagt auch die Unternehmensleitung.

Sprecherin Britta Lange räumt ein, die „gegenwärtigen Entwicklungen in der deutschen Industrie mit Interesse” zu verfolgen. Veränderungen aber seien kaum zu erwarten. Zumindest „nicht bis Ende 2005”. Aller Beteuerungen zum Trotz: „Ein bisschen Bauchschmerzen”, sagt Nießen nachdenklich, haben die Kollegen schon.”