Themen
  1. Lokales
  2. Düren

Lesung im Rahmen der Lit.Eifel: Zwei Brüder gehen durch dick und dünn

Lesung im Rahmen der Lit.Eifel

Zwei Brüder gehen durch dick und dünn

Entfaltet den Sog seiner Erzählung auch vorlesend auf der Bühne: Willi Achten liest aus seinem Roman „Die wir liebten“ FOTO: MHA/Jens Olschewski / Jens Olschewski

Abenden Es war ein spannender Abend in Abenden. Der Schriftsteller Willi Achten las dort im Rahmen der Lit.Eifel aus seinem Roman „Die wir liebten“.

Was dieser Familie alles widerfährt, wünscht man weder seinem Nachbarn, der bis spät in die Nacht noch hämmert und bohrt, noch irgendeinem anderen, der uns einmal mehr oder weniger übel mitgespielt hat. Edgar, einer der Söhne, berichtet von einer schleichenden Entfremdung der Eltern, von Entzweiung, Auszug des Vaters, gescheiterten Versöhnungsversuchen, einem tragischen Unfall, der sich zuträgt, als der Ich-Erzähler und sein Bruder Roman den Vater im Hause einer jungen Tierärztin suchen, vom Dorfpolizisten und der Frau vom Jugendamt.

Es ist eine Verdichtung von Unglück, das über die Brüder hereinbricht, und der Gipfel wird erreicht, als sie auf Betreiben des Amts, das unbeirrbar und unbelehrbar seine Verordnungen durchsetzt, als schwer erziehbar eingestuft und in das Heim mit dem so zynischen Namen „Gnadenhof“ eingewiesen werden. Was sie da unter Lehrern, Nonnen und Seelsorgern – auch diese wären eigentlich mit Gänsefüßchen zu versehen – erleben müssen, deutet der Schriftsteller Willi Achten, geboren 1958 in Mönchengladbach, ehemaliger Lehrer, seinem Publikum bei seiner Lesung in Abenden, die im Rahmen der Lit.Eifel stattfand, nur an. Näheres muss selbst in „Die wir liebten“ nachgelesen werden.

Info

Der Roman von Willi Achten

Willi Achten: „Die wir liebten“

Piper-Verlag

384 Seiten

Preis: 22 Euro

Denn es ist ein Roman, in dem die Geschichte der beiden Brüder Roman und Edgar erzählt wird, und doch könnte alles wirklich so geschehen sein im Westdeutschland der 1970er Jahre. Zumindest sagt der Verfasser, er habe einiges aus seinen eigenen Erfahrungen abgeleitet, wenn er auch betont, dass es sich nicht um einen autobiographischen Roman handelt. Bei dem Heim „Gnadenhof“ etwa hat sich Achten am bis 1945 existierenden Kinderheim Waldniel inspirieren lassen. Braune Soße, RAF und Misstrauensvotum geistern zudem durch Klassenzimmer und über Mattscheiben.

Die Schlüsselszenen, die Achten vorträgt – der Tanz in den Mai, der davonbrausende Vater, der Treppensturz, der Kuraufenthalt der Mutter –, entfalten einen packenden Sog mit ihrer Atmosphäre, ihren Andeutungen und ihrer Unentrinnbarkeit. Machtlos stehen die Brüder inmitten einer allgegenwärtigen Kälte, machtlos, aber fasziniert werden die Zuhörer vom Autor in den Strudel der Ereignisse hineingezogen, und man fragt sich bang, ob und wie es Edgar und Roman gelingen könnte, ihm zu entkommen.

Achten entfaltet auch durch seinen Vortrag die Tragik, die sein Roman vorstellt, und Heribert Leuchter am Saxofon nimmt in den eigens für den Abend arrangierten Stücken den Grundton auf, der unter allem liegt und der in den zu Anfang des Abends vorgelesenen Epilogstellen zu Tage trat: eine melancholische Traurigkeit, die durchaus nicht frei von Wut ist und auch von einer gewissen Verzweiflung durchsetzt wird.

Die Puzzleteile, die der Autor seinen Zuhörern an diesem Abend auf den Tisch gelegt hat, werden sicherlich viele dazu anregen, den Roman „Die wir liebten“ zu lesen. Eingeschlossen sind Sogwirkung, beklemmende Zeit- und Familiengeschichte und zwei Brüder, die zusammen durch dick und dünn gehen.