Düren: Zu Gast bei der Annakirmes-Wahrsagerin: Ein Selbstversuch

Düren : Zu Gast bei der Annakirmes-Wahrsagerin: Ein Selbstversuch

Dass sie übernatürliche Kräfte hat, hat Cassandra, deren richtiger Name Yvonne Traber ist, schon als junges Mädchen bemerkt. „ Meine Mutter, meine Großmutter und meine Urgroßmutter haben als Wahrsagerinnen gearbeitet“ , sagt die 59-Jährige. „Für mich war es nie etwas Besonderes, diese Gabe auch zu haben. Ich fand das immer normal.“

Seit 40 Jahren ist Cassandra als Wahrsagerin unterwegs. Nun steht sie mit ihrem Wohnwagen auf dem Annakirmesplatz.. Innen riecht es nach Räucherstäbchen, die Wände sind mit blauem Samt überzogen und mit goldfarbenen Leisten verziert. Wahrsagerinnen gehörten früher zu Volksfesten wie Boxbuden und die berühmten „Damen ohne Unterleib“.

„Ich stamme aus der Artistenfamilie Traber“, sagt Cassandra. „Wir waren immer Reisende. Für mich macht es keinen Unterschied, wo ich meiner Berufung nachgehe. Ich bin mir der großen Verantwortung, die mit meiner Aufgabe einhergeht bewusst — überall.“

Aus einer Bierlaune heraus

Natürlich komme es auf dem Rummel vor, dass Menschen aus einer Bierlaune heraus den Dienst der Wahrsagerin in Anspruch nehmen. „Das ist aber nicht schlimm“, sagt Cassandra. „Es interessiert mich nicht, ob Menschen an meine Fähigkeiten glauben oder nicht. Und ich brauche auch keine besondere Menschenkenntnis. Ich kann den Menschen aus der Hand lesen oder ihnen die Karten legen — völlig egal, welche Voraussetzungen sie mitbringen.“

Grundsätzlich hätten sich die Kunden, die ihre übersinnlichen Kräfte in Anspruch nehmen wollten, aber stark geändert. „Das Wahrsagen war bis in die 60er Jahre absolut verpönt. So lange hat es noch Anklagen wegen Hexerei gegeben. Und noch lange danach sind die Menschen erst im Dunkeln zu mir gekommen und haben großen Wert darauf gelegt, dass ich die Wohnwagentür schließe. Heute ist das anders. Die Menschen sind freier und haben weniger Scheu. Die kommen auch schon tagsüber.“

Wie ihre Kunst funktioniert, kann Cassandra nicht erklären. „Ich kann es einfach“, sagt sie selbstbewusst. Nur den Tod könne sie nicht vorhersagen. „Ich sehe den Tod nicht. Und das ist auch gut. Zu mir kommen die Menschen, wenn sie Lebensberatung, Hilfe bei Beziehungsproblemen und Fragen bei wichtigen Lebensentscheidungen haben.“ Viele hätten vor dem Besuch bei der Wahrsagerin Respekt. „Ich sage dann immer: ‚Den Tod kann ich Ihnen sowieso nicht vorhersagen, alles andere ist machbar.‘ Damit ist den Leuten die Angst genommen.“

Angst will ich es nicht nennen, aber ein bisschen mulmig ist mir auch, als ich Cassandra bitte, einmal zu gucken, was es in meiner Hand so alles zu sehen gibt. Die Wahrsagerin fragt mich nach meinem Geburtsjahr. Ich antworte — natürlich wahrheitsgemäß — 1974, und Cassandra greift zu meiner linken Hand. „Die ist besser“, sagt sie, lächelt mich an und fängt gleich darauf an zu erzählen. Auch wenn ich nicht wirklich ein Interesse an Übersinnlichem und Esoterik habe, bin ich doch gespannt, was Cassandra in meiner linken Hand sieht — ja, und nervös bin ich auch.

Es fängt aber ganz harmlos an. „Sie haben viel um die Uhren, sind immer in Action“, sagt Cassandra. „Das wird sich aber im Alter ändern. Dann geht es Ihnen gut.“ Bis hierhin bin ich einverstanden mit dem, was die Seherin in meiner linken Hand sieht. Als nächstes sagt sie mir einschneidende Veränderungen in meinem Leben innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre voraus.

Zwillinge mit 43 Jahren?

Außerdem glaubt Cassandra, dass ich Zwillinge bekomme. Und bevor ich den Gedanken, dass das mit meinen 43 Jahren ja dann ziemlich schnell gehen muss, zu Ende gedacht hat, erklärt mir die Wahrsagerin noch, dass ich rechthaberisch, dickköpfig und stur bin — ob sie dann noch „und sehr charmant“ hinterherschiebt, weil ich sie entgeistert angeguckt habe, oder ob sie das wirklich in meiner Hand gelesen hat, weiß ich nicht.

Zum Schluss kommt dann noch die gute Nachricht, dass ich zwar im meinem Leben noch häufiger krank werde, aber nie daran sterben werde, und der Ratschlag, mich von Feuer fernzuhalten und möglichst nicht unter Elektroleitungen zu laufen. „Ich will“, sagt Cassandra, „dass es den Menschen, wenn sie aus meinem Wohnwagen gehen, besser geht als vorher. Dass sie Kraft getankt haben.“

Die Seherin erzählt von einer Frau, der sie eine schwer Krankheit vorhergesagt haben will. „Ich habe aber ihr auch gesagt, dass sie überlebt. Später hat sie mir gesagt, dass sie daran während ihrer Behandlung die ganze Zeit denken musste. Diese Geschichte verursacht bei mir immer noch Gänsehaut.“

Cassandra ist davon überzeugt, Menschen wirklich die Zukunft vorhersagen zu können. Und vermutlich sind ihre Kunden es auch, denn sonst würde wohl keiner 15 Euro für das Handlesen und 35 Euro für einen Blick in die Karten bezahlen. Ich bin immer noch skeptisch. Aber ganz ehrlich? Dass Cassandra mir ein hohes Alter prophezeit hat, das gefällt mit.

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