Düren: Wilde Maus im Selbstversuch: Virtuell übers Ziel hinausgeschossen

Düren : Wilde Maus im Selbstversuch: Virtuell übers Ziel hinausgeschossen

Die Spannung steigt mit jedem Meter, den sich der Achterbahnwaggon ratternd in die Höhe zieht. Wie so oft bei solchen Fahrten schießt mir der Gedanke durch den Kopf: „Verdammt! Ist ja doch höher als gedacht.“ Und spätestens in der ersten scharfen Kurve, die meinen Oberkörper aus dem Waggon und über den Abgrund zwingt, schießt das Adrenalin ein.

Dieser Nervenkitzel und die Geschwindigkeit bei den Talfahrten machen Achterbahnen im Stil der Wilden Maus zu meinen Favoriten. Aber ich muss ehrlich sagen: Auf die hoch angepriesene Neuheit auf der Annakirmes, die virtuelle Realität per digitaler 3D-Brille auf der Wilden Maus XXL, kann ich sehr gut verzichten.

Aber von vorne: Wer auf der Annakirmes am Tickethäuschen des 30 Meter hohen Fahrgeschäftes eine Eintrittskarte kauft, der zahlt für eine normale Fahrt sechs Euro. Zwei Euro Aufpreis nimmt Betreiber Max Johannes Eberhard für die Fahrt mit der VR-Brille. VR steht für Virtual Reality, also virtuelle Realität. Zunächst steige ich aber ohne die Brille in den Waggon, um den direkten Vergleich zu haben.

Die Fahrt ist genau wie erwartet: Auf dem Anstieg lässt sich herrlich die Aussicht über das bunte Treiben auf dem Platz bestaunen, lange bleibt dafür aber nicht Zeit, weil enge Kurven, drei Talfahrten und 60 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit warten. Der Fahrtwind ist angenehm kühl bei den heißen Temperaturen, die Kurven sind so ruppig wie man es bei einer Wilden Maus erwartet, das mehrfache Abstoppen des Waggons ist unangenehm abrupt, aber genau wie bei den Kurven kann man sich vorher umso fester an die Stangen klammern — man weiß ja, was kommt.

Das gilt nicht für die Fahrt mit VR-Brille. Diese bekommt man von den Mitarbeitern aufgesetzt, wenn man im Waggon Platz genommen hat. Konkret besteht das Gerät aus einem Smartphone in einer gepolsterten Plastikhalterung und ist mit Kopfhörern verbunden. Ist die Brille einmal festgeschnallt, hört und sieht man nur noch einen Sicherheitshinweis. Die Mitarbeiter, die Beifahrer im Waggon, das sonst so laute Kirmesgeschehen — alles ist ausgeblendet. Damit hatte ich in der Form nicht gerechnet. Sobald die Fahrt beginnt und vor den Augen der Film abläuft, fühlt man sich tatsächlich in eine virtuelle Welt versetzt.

Ich schaue mich in dieser Zeichentrickwelt um, höre eine Stimme über die Kopfhörer — ich glaube sie kommt von einem Tier, das mit mir in einem animierten Holzwagen sitzt, der im Film, wie wir in der Realität, aufwärts fährt. Ich senke den Kopf und sehe statt meiner Oberschenkel ein paar Beine in Jeans und Stiefeln und wundere mich noch, dass sich die Knie nicht bewegen, obwohl ich sie hebe.

Grundsätzlich bin ich fasziniert von dieser Illusion, tatsächlich gibt es aber schon jetzt einen Wermutstropfen: Das Bild ist unscharf. Später wird mir der Achterbahnbetreiber sagen, dass die Brille wohl nicht fest genug saß und dass ich doch am Anfang hätte Bescheid sagen sollen. Eine gewisse Unschärfe im Bild scheint sich aber gar nicht vermeiden zu lassen, wie auch die Fotos von Filmausschnitten zeigen. Das Geschehen in der virtuellen Welt ist nämlich so schnell, dass es — zumindest bei mir — Auge und Hirn maßlos überfordert.

In Kombination mit den scharfen Kurven, Abfahrten und Stopps schlägt es mir zudem auf den Magen. Richtungswechsel sind nicht wie bei der Fahrt ohne Brille absehbar, sondern jedes Mal eine Überraschung, die Kopf und Körper massiv hin und her schleudert. Nach der Fahrt kann ich nur noch schemenhaft sagen, wo ich in der virtuellen Realität langgefahren bin und was passiert ist.

Der wilde Ritt führte durch eine Bauernhof-Szenerie, auf Straßen entlang, durch Felsschluchten oder fliegend durch die Luft. Die Bewegungen meines virtuellen Gefährts waren an die des reellen angepasst. Einen Handlungsstrang konnte ich nicht erkennen — vielleicht fehlte der, vielleicht fehlte aber auch meine Aufnahmefähigkeit. Am Ende war ich heilfroh, die Brille wieder absetzen und festen Boden betreten zu können.

Mein Fazit: Die virtuelle Realität halte ich grundsätzlich für eine interessante Ergänzung — vor allem aber für Achterbahnen, die grundsätzlich sanftere Bewegungsabläufe und weniger ruppige Kurven und Stopps haben. Schade ist, dass die Kirmesatmosphäre gänzlich der Virtualität weichen muss. Ich freue mich, wenn es auf Achterbahnen in ein paar Jahren oder Jahrzehnten eine Kombination aus Virtualität und Realität gibt — Stichwort Augmented Reality.

Die VR-Brille auf der Wilden Maus XXL war also nicht mein Fall. Wer aber härter im Nehmen ist als ich, etwas Neues Erleben und vor allem das Fahrerlebnis um einiges intensivieren möchte, sollte die zwei Euro Aufpreis mal investieren.

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