Hambacher Forst : Wie geht es mit Morschenich weiter?

Hambacher Forst : Wie geht es mit Morschenich weiter?

Für die Dorfbewohner war lange klar, dass Morschenich für den Tagebau Hambach abgebaggert wird. Jetzt sind fast alle Bewohner weg. Aber: Bleibt der Hambacher Forst, dann bleibt auch der Ort.

Irgendwann hat Morschenich begonnen, kein Dorf mehr zu sein. Bei nur 450 Einwohnern geht so was schnell. Eine Familie nach der anderen zog aus dem Ort am Tagebau Hambach weg. Zur Ostseite hin zeigt Morschenich ein mittlerweile hässliches Gesicht: Die hübschen Dorfgärten sind weg, die Fenster und Türen der Häuser zugenagelt, die Abrissbagger haben mit ihrer Arbeit begonnen und Garagen und kleinere Anbauten eingerissen.

Das alles ist von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet passiert, während sich ein paar hundert Meter entfernt alles um den Hambacher Forst drehte. Mittlerweile sind fast alle Dorfbewohner weggezogen, die Häuser an den Energiekonzern RWE verkauft. „Die Seele des Ortes ist schon am neuen Standort“, sagt Georg Gelhausen (CDU), der Bürgermeister der Gemeinde Merzenich, zu der das Dorf gehört. Was aber, wenn der Hambacher Forst erhalten bleibt und damit auch Morschenich?

„Meine Vision ist, dass das ein zukunftsorientierter Standort wird, ein Lernort mit wissenschaftlichem Knowhow, an dem wir auch die Themen Natur, Klimawandel und Wald bespielen“, skizziert der Bürgermeister seinen Plan B. Kern wäre ein Bioökonomie-Projekt mit dem Forschungszentrum Jülich. Dabei soll es um den nachhaltigen Anbau von Pflanzen gehen - um die Entwicklung von wasser- und nährstoffeffizienter Pflanzen und die Optimierung von Böden.

In dem Dorf, das von Feldern umgeben ist, könnte sich Forschung und Wissenschaft ansiedeln, Start Ups, Labore und Werkstätten. Aber: „Es hängt alles an der Entscheidung in Berlin“, sagt Gelhausen. Mit dem Kohleausstiegsgesetz wird sich die Schicksalsfrage für den Wald und damit auch für den Ort entscheiden, der ein Drittel der Gemeinde ausmacht.

Auch RWE wartet auf Berlin: Aus Sicht des Unternehmens müssen jetzt erst einmal zügig die Rahmenbedingungen geklärt werden, indem die Vorschläge der Kohlekommission eins zu eins umgesetzt werden. „Wir werden eine komplett neue Braunkohlenplanung für den Tagebau Hambach erstellen, mit der der Wald dauerhaft erhalten werden könnte“, sagte RWE-Sprecher Guido Steffen. Diese neue Planung werde ein mehrstufiges Genehmigungsverfahren durchlaufen müssen. „Dann wir man weitersehen.“

Kaum jemand von den Umsiedlern hofft auf eine Rückkehr in den alten Ort, wie Bruno Rüth sagt. Als Vorsitzender des Bürgerbeirats ist er so etwas wie die Stimme der Umsiedler. Die wollen auch nicht, dass irgendwelche Fremden in ihre Häuser einziehen: „Die Wohnbebauung soll weg“ - zumal die leeren Häuser auch gar nicht mehr bewohnbar seien. Im Gegensatz dazu kämpfen Menschen am Tagebau Garzweiler noch ums Überleben ihrer noch deutlich intakteren Dörfer.

Plünderer haben - wie in fast verlassenen Tagebaudörfern üblich - die Häuser in Morschenich ausgeschlachtet, auch sein Haus, sagt Rüth: „Da ist kein Wasserhahn mehr drin. Sogar die Heizung wurde auseinandergeschnitten.“ Nur die katholische Kirche wolle die Dorfgemeinschaft erhalten. Als Mahnmal und Gedächtnisort.

Franz-Josef Bolz lebt noch in Morschenich. „Das Haus ist vor zwei Jahren verkauft worden. Da gab es nicht die großen Proteste gegen die Braunkohle“, sagt der Mann. Die Umzugskartons stehen im Flur, sie müssen bald raus hier. Die Familie seiner Frau ist aus dem Ort. Sie würden gerne das Haus und das Grundstück der Großmutter wiederhaben. Sein Anliegen sei eine Rückabwicklung des Verkaufs, sagt Bolz.

Nach RWE-Angaben hat bisher eine Familie aus Morschenich eine entsprechende Anfrage an das Unternehmen gerichtet, um ihr Haus wiederzubekommen. Für den Konzern ist das eine neue Situation: „Die Frage nach einem Rückerwerb von Grundstücken oder Häusern haben die umgesiedelten Familien in all den Jahren bisher nie gestellt“, sagt RWE-Sprecher Steffen. In der Regel hätten sie die gezahlte Entschädigung ja auch in den Neubau gesteckt.

(dpa)
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