Merzenich: Wie ersetzt man einen Wald, der abgebaggert wird?

Merzenich: Wie ersetzt man einen Wald, der abgebaggert wird?

Rund ein Drittel des Gemeindegebietes geht verloren, wenn der Tagebau Hambach weiter voran schreitet und Morschenich schluckt. Betroffen davon ist neben den Menschen, die umgesiedelt werden müssen, auch der Merzenicher Bürgewald.

„Das ist die Naherholungszone direkt vor unserer Haustür”, sagt Bürgermeister Peter Harzheim. Natürlich wird es dafür einen ökologischen Ausgleich geben - die Frage ist nur wo. „Der Wald ist Anfang der 1960er Jahre damals an Rheinbraun veräußert worden. Wäre er noch in unserem Eigentum, hätten wir eine ganz andere Verhandlungsbasis”, bedauert Harzheim.

Zu einem ökologischen Ausgleich ist RWE verpflichtet, und zwar so, wie sukzessive der Wald auch abgebaggert wird. Allerdings muss die entsprechende Neubepflanzung von Flächen nicht auf Merzenicher Gemeindegebiet erfolgen.

Vereinfacht gesagt: Wenn auf der einen Seite des Tagebaulochs Flächen wegfallen, werden sie auf der anderen Seite rekultiviert. „Wir machen eine Bilanzierung für das Gesamtvorhaben”, so Markus Kosma, Leiter der Tagebauplanung bei RWE.

Und die sieht zum Beispiel vor, dass nach dem Tagebau 3500 Hektar für die Forstwirtschaft, 4000 Hektar Seefläche und rund 1000 Hektar für die Landwirtschaft zur Verfügung stehen. Und so könnte sich der ökologische Ausgleich für den Merzenicher Bürgewald plötzlich auf der anderen Seite des Tagebaus wiederfinden.

Mit ein Grund, warum schon frühzeitig die Merzenicher Parteien eigene Pläne entwickelt haben. So hatte zum Beispiel die CDU beantragt, eine etwa 7000 Quadratmeter große Ackerfläche bei Golzheim aufzuforsten. Das wurde allerdings vom Kreis inzwischen abschlägig beschieden, weil es ökologisch nur wenig Sinn machen würde.

Schwierig gestalten sich auch andere Ideen. Zum Beispiel die der SPD, bei Girbelsrath zum Ellebach hin Flächen zu bepflanzen. Harzheim: „Entsprechende Parzellen gehören teilweise der Kirche oder dem Bundesvermögensamt und sind auch schon Ausgleichsflächen.” Das würde aber noch nicht reichen.

Also hat Harzheim Landwirte angeschrieben, ob sie Grundstücke verkaufen würden - und sich reihenweise Absagen eingehandelt. Harzheim: „Die wollen kein gutes Ackerland verkaufen, damit dann da nur Obstwiesen angepflanzt werden.” Verständlich, denn gute Ackerböden werden zunehmend knapp. „Wir sollen jetzt geeignete, zusammenhängende Flächen finden”, beschreibt Harzheim den Auftrag des Gemeinderates. „Aber es gibt keine Flächen. Die Landwirte wollen allenfalls tauschen, aber nicht verkaufen.”

Problematisch ist das noch aus einem ganz anderen Grund. Eigentlich müsste Harzheim auch ökologische Ausgleichsflächen für andere Baumaßnahmen bereit halten. Harzheim: „Wenn man heute ein neues Baugebiet erschließt, achten wir darauf, dass der ökologische Ausgleich im Baugebiet selbst realisiert wird. Unsere Ausgleichsflächen sind jedenfalls aufgebraucht.” Die Folge: Merzenich müsste zum Beispiel bei RWE oder den Nachbarkommunen Ausgleichsflächen kaufen.

„Die Kommunen halten so genannte Öko-Konten bereit”, erklärt Hans-Martin Steins, zuständiger Dezernent bei der Kreisverwaltung. Dann könnte, bleiben wir beim Beispiel Merzenich, die Kommune mangels eigener Flächen auf das Öko-Konto der Stadt Jülich zurückgreifen.

Steins: „Wenn eine Kommune einen Eingriff an einem Gewässer vornimmt, achten wir darauf, dass an anderer Stelle ein Gewässer aufgewertet wird.” Grundsätzliches Prinzip ist also: „Wenn die ökologische Wertigkeit an einer Stelle verringert wird, muss an anderer Stelle etwas aufgewertet werden”, so Steins.

Das kann auch zu Konflikten führen. Steins hat ein weiteres Beispiel zur Hand: der Acker, der zu Bauland umgewidmet wird. Dafür muss als Ausgleich eine andere Ackerfläche aufgeforstet werden.

Das Ergebnis: Gleich zwei Flächen werden der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen. Ein Thema, dem sich auch die Rheinische Stiftung Kulturlandschaft widmet, die auch im Kreis Düren versucht, auf neuen Wegen die Flächeninanspruchnahme zu verringern. Zum Beispiel in dem man auf wechselnden Flächen zeitlich begrenzt für einen ökologischen Ausgleich sorgt. Der Haken: Auch die Stiftung lässt sich das bezahlen.

Zurück zum Bürgewald. Einen Ausgleich wird es dann doch auch auf Merzenicher Gemeindegebiet geben. „Die Rekultivierung stellt den Ausgleich dar”, sagt Markus Kosma von RWE. Sprich: Ist der Tagebau an Merzenich vorbei gewandert, wird wieder aufgeforstet - entsprechend der oben erwähnten Bilanz.

Wie genau der Ausgleich aussehen wird, lässt sich aber derzeit noch nicht sagen. Die entsprechenden Rahmenbetriebspläne liegen noch nicht vor. Schneller geht der Ausgleich zum Artenschutz. Kosma: „Arten, die verdrängt werden, benötigen einen Ersatzlebensraum.”

Im Bereich des ehemaligen Hambacher Staatsforstes sind das insbesondere Vogelarten und Fledermäuse. „Für sie werden wir in einem Maßnahmenpaket Altwaldbereiche aufwerten und weitere Ackerflächen aufforsten, um ihnen einen Ersatzraum zu geben”, sagt Kosma.

Davon profitieren zum Beispiel Jülich und Niederzier, aber auch Merzenich und Nörvenich. Und: Auch durch die Hambach-Bahn und die Verlegung der Autobahn 4 gibt es auf Merzenicher Gemeindegebiet einen ökologischen Ausgleich.

All das macht aber noch etwas ganz anderes deutlich: Vom Tagebau Hambach ist nicht nur eine Kommune betroffen, sondern viele. Und für die gibt es - anders als beim Tagebau Inden mit der Indeland GmbH - nicht wirklich eine Interessenvertretung.

Das will Harzheim ändern. Schließlich, so Harzheim, stehe man hier vor dem gleichen Problem: „Auch wir müssen uns doch der Frage widmen, was man für die Zeit nach dem Tagebau für die Kommunen machen kann.”

Mehr von Aachener Nachrichten