Wie eine Chinesin in Düren das Weihnachtsfest erlebt

Eine Chinesin erzählt : Für Jie Li ist Weihnachten ein Gefühl

„Weihnachten ist für mich Heimat“, sagt die 30-jährige Jie Li. Dass sie sich so stark mit den Feiertagen verbunden fühlt, wirkt besonders vor dem Hintergrund erstaunlich, dass sie in einem chinesischen Dorf aufgewachsen ist – fern vom Christentum.

Die Geschichte, wie sie Weihnachten kennen und lieben gelernt hat, ist eng mit ihrem Ankommen in Deutschland verknüpft.

Die ersten Berührungspunkte zu Weihnachten hatte Jie Li vor etwa zehn Jahren, als sie in der Vier-Millionen-Einwohner-Stadt Xi’an studierte. Damals sei Weihnachten – vergleichbar zu Halloween in Deutschland – als Trend nach China geschwappt. Da überrascht nicht, dass die chinesische Ausgabe wenig mit der Geburt Jesu zu tun hat, als vielmehr mit riesigen Plastiktannen zur Dekoration in Innenstädten und Rabatten in Geschäften. Als Jie Li für ihr Studium im Bereich Erdöl für einige Zeit in den asiatischen Süden Russlands ging, gaben ihr Freundinnen eine Empfehlung, die ihr Leben stark verändern sollte. „Nach dem Studium musst du unbedingt nach Europa gehen. Das ist eine andere Welt“, sagten sie.

Die Entscheidung fiel auf Deutschland. Ihr Vater sei Fan von Deutschland, lobe oft die deutsche Qualität, und schon in der Schule hat Jie Li gelernt, Deutschland sei „die Lokomotive der europäischen Wirtschaft“. Zurück in China beendete Li ihr Studium, lernte Deutsch und begann drei Wochen nach Studienende ein Au-pair-Jahr im Hürtgenwald.

 Jie Li lebt seit sechs Jahren in Deutschland. Foto: ZVA/Anne Welkener

Dort feierte die damals 24-Jährige ihr erstes Weihnachtsfest mit ihrer Gastfamilie. Religion spielt in ihrem Leben überhaupt keine Rolle, aber wenn Jie Li von Weihnachten erzählt, leuchten ihre Augen. Sie erinnert sich noch genau an ihre Eindrücke. „Wir haben einen echten Weihnachtsbaum gehabt, ich war so begeistert. Ich hatte vorher noch nie eine Tanne gerochen. Das riecht so gut“, schwärmt sie noch heute.

Das gemeinsame Dekorieren des Baumes und Einpacken der Geschenke ist ihr genau so in Erinnerung geblieben wie das Wildschwein, das es zu essen gab. Die klassische Weihnachtsgans probierte sie erst im nächsten Jahr. Nach ihrer Au-pair-Zeit blieb sie mit einem Sprachvisum bei einer anderen Familie. Dort an Weihnachten an der langen Tafel zu sitzen, alle in ihren besten Kleidern, und gemeinsam anzustoßen, war ein tolles Erlebnis.

Warum man vom Fest der Liebe spricht, hat Jie Li dort auch erfahren. Als ihre Gastmutter gerade die Crème brûlée karamellisiert hatte, gab der Gastvater seiner Gattin einen Kuss in den Nacken. „Das haben sie sonst nicht vor anderen gemacht. Da dachte ich: Oh, die Deutschen können doch romantisch sein“, sagt Jie Li schmunzelnd. Sie ist überzeugt: „Weihnachten ist ein Gefühl. Weihnachten ist Heimat.“ Am ehesten könne man es vielleicht mit dem chinesischen Neujahrsfest vergleichen. „Beide Feiertage haben eine lange Geschichte und sind Familientage“, erklärt Li.

Da ihre Familie in China lebt, feiert die 30-Jährige mit Freunden. Sie arbeitet als Deutschlehrerin in der Volkshochschule und hat dort eine Thailänderin kennengelernt. Sie und ihr Mann haben Jie Li für den ersten Feiertag nach Niederau eingeladen. „Darauf freue ich mich schon sehr.“ Bis dahin kann es gut sein, dass sie noch einmal über den Weihnachtsmarkt bummelt. Eigentlich sei sie kein großer Glühwein-Fan, aber das gehöre einfach dazu, meint die Wahl-Dürenerin. „Ich war schon im Winter in England und Frankreich, aber nirgends gibt es so schöne Weihnachtsmärkte wie in Deutschland.“

Glühwein und Märkte sind aber schnell vergessen, wenn Li danach gefragt wird, was für sie das allerbeste an Weihnachten ist. Voller Begeisterung sagt sie: „Das Licht, besonders von den vielen Kerzen. Die Atmosphäre ist einfach eine ganz besondere. Die Menschen haben so eine Aura, sind viel entspannter und liebevoller zu einander. Es ist sehr gemütlich und weniger hektisch als im Alltag.“

Mehr von Aachener Nachrichten