Düren: Wie belgische Soldaten das Herz an (oder in) Düren verloren

Düren : Wie belgische Soldaten das Herz an (oder in) Düren verloren

Noch heute kann sich Michel van den Hende gut an seinen ersten Eindruck von Düren erinnern. 18 Jahre war er alt, es war das Jahr 1969. Van den Hende hatte sich als Berufssoldat bei der belgischen Armee verpflichtet, kam in die von den Belgiern genutzt Panzerkaserne. „Wo bin ich hier gelandet?“, hat sich der damals 18-Jährige gedacht.

„Es war grau hier. An den Hausfassaden gab es noch Einschusslöcher vom Krieg.“ Knapp 50 Jahre ist das her. Und nicht nur Michel van den Hende gehört zu den belgischen Soldaten, die trotz der damaligen Tristesse ihr Herz an (oder in) Düren verloren haben und hier heimisch geworden sind. So zum Beispiel auch Jean-Paul Odent. Mit 17 ist er frisch von der Militärschule in Belgien direkt nach Düren gekommen.

Der belgische König Baudouin I. (Mitte) besuchte am 28. Oktober 1959 Düren und wurde dabei unter anderem von Oberbürgermeister Heinrich Spies begrüßt. Kleines Bild: Gisela Fasbender und Pierre-Paul Chêne kennen sich schon seit Jugendtagen. Foto: Privatarchiv

„Ich war erst Berufssoldat und später Zivilangestellter“, erzählt er. Heute lebt er in der Gemeinde Kreuzau, hat da ein Eigenheim. „Düren war 320 Kilometer von meinem Heimatort nahe der französischen Grenze entfernt, also konnte ich nur selten an den Wochenenden nach Hause fahren. Aber mit 17 bleibt man nicht auf der Stube hocken, sondern geht vor die Tür.“

Jean-Paul Odent, Pierre-Paul Chê- ne, Gisela Fasbender und Michel van den Hende (von links) haben in Düren eine neue Heimat gefunden. Foto: B. Giesen

Fußball und die Frauen

Der Vorteil für die belgischen Soldaten: Im Ausland eingesetzt verdienten sie gut und konnten von zahlreichen Vergünstigungen profitieren: Kaffee, Zigaretten, Alkohol waren billig, ein Auto gab es ohne Mehrwertsteuer. „Auf einmal hatte ich Geld, konnte mir etwas leisten“, erinnert sich Michel van den Hende. Jean-Paul Odent ist damals auf die Fußballplätze gegangen: „Deutsch habe ich durch den Fußball und die Frauen gelernt.“

Das mit dem betörenden französischen Akzent funktioniert vermutlich heute noch, damals hat es bei Odent nach drei Jahren zur Heirat geführt: „Für meine Eltern war Deutschland damals immer noch der Feind. Als ich meine Freundin mitbringen wollte, haben sie Nein gesagt. Das dürfte ich erst, wenn ich verheiratet sei. Also habe ich geheiratet.“

Die Ehe hat zehn Jahre gehalten. Odent lebte immer noch in Düren und hat mit 30 festgestellt, dass er sich in Belgien nicht mehr Zuhause fühlte: „Ich wurde in Belgien als ‚Boche‘ [diffamierende Bezeichnung für Deutsche] beschimpft.“ Umgekehrt war er hier der Belgier. Und er hat bemerkt, dass er „deutscher“ geworden ist: „Das fängt schon damit an, dass man sich in Lille an einen Tisch in einem Café setzt und sich denkt, dass sie den Tisch auch mal abwischen könnten.“

Noch deutlicher wird diese innere Zerrissenheit bei Gisela Fasbender. Das fängt schon beim Namen an. Gisèle Sinon stand früher in ihrem belgischen Pass. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater war belgischer Soldat, stationiert in Köln. „Als ich 1951 geboren wurde, durften meine Eltern nicht heiraten, so dass mich mein Vater später adoptieren musste.“

Nachbarskinder

Belgisch-deutsche Ehen passten sechs Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges nicht ins Bild, Kinder aus diesen Verbindungen auch nicht. Als ihr Vater nach Düren versetzt wurde, lebte die Familie in einem kleinen Reihenhäuschen mitten in Düren. „Mit meiner Mutter habe ich immer deutsch gesprochen und konnte deswegen erst später eingeschult werden, weil ich kein französisch sprach.“ Nach dem Besuch der belgischen Schule war ihr Französisch perfekt, nur mit der deutschen Schriftsprache haperte es.

Seit zwölf Jahren lebt Gisela Fasbender mit Pierre-Paul Chêne in Düren zusammen. Der Vater von Chêne war Berufssoldat, kam 1958 nach Düren, da war er zwölf. „Ich habe meine ganze Jugend in Düren verbracht“, erzählt er. „Gisela war damals die Tochter des Nachbarn.“

Als die Eltern von Chêne nach Belgien zurückgingen, verlor sich der Kontakt, erst Jahrzehnte später konnte Pierre-Paul Chêne sie in Düren wieder ausfindig machen.

Wie eng die Verbundenheit der ehemals in Düren stationierten belgischen Soldaten bis heute ist, zeigt auch das Engagement von Pierre-Paul Chêne. Seit vielen Jahren organisiert er regelmäßig Treffen für die Soldaten und ihre Angehörigen. Zu acht Treffen dieser Art hat er in Belgien eingeladen, zu zwei weiteren zuletzt nach Düren. „Wir werden weniger“, sagt er. Aber der Zusammenhalt ist ungebrochen.

Beim letzten Treffen zum Stadtfest in Düren waren es knapp 100 Personen, die sich an vergangene Zeiten erinnerten, als 6000 belgische Soldaten in Düren lebten, oder an das erste belgische Bataillon, das fast auf den Tag genau vor 66 Jahren in Düren einrückte.

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