WG "Mittendrin" gibt jungen Obdachlosen im Kreis Düren ein Zuhause

Rettendes Ufer : WG „Mittendrin“ gibt jungen Obdachlosen ein Zuhause

Im Kreis Düren leben 50 bis 80 Menschen unter 30 Jahren, die keine feste Bleibe haben. Die Wohngemeinschaft „Mittendrin“ gibt einigen von ihnen ein neues Zuhause und eine neue Lebensperspektive.

Die Dürenerin ist Leiterin der Wohngemeinschaft (WG) „Mittendrin“ in Jülich. Hier hat Sebastian seit eineinhalb Jahren eine Heimat, und das ist sein Glück. Über ein Jahrzehnt war er noch nie so lange an einem Fleck. Er bringt das auf eine kurze Formel: „Ich habe jetzt das Gefühl, zu Hause auch willkommen zu sein.“

Wer Sebastians Geschichte für einen Einzelfall hält, täuscht sich auch in Zeiten von sprudelnden Steuereinnahmen und eines Arbeitsmarktes, der in Teilen händeringend nach Kräften sucht. Das ist schon länger eine gesellschaftliche Realität. Auf 50 bis 80 Menschen schätzt der Geschäftsführer des Vereins Invia Düren-Jülich, Yorck Sommereisen, die Zahl der wohnungslosen jungen Leute allein im Kreis Düren. Invia trägt den Untertitel „Katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit“, ist aber seit Jahren schon eine der ersten Anlaufstellen für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben (Café Lichtblick in Düren, Café Gemeinsam in Jülich). Die Wohngemeinschaft „Mittendrin“ ist eine besondere Einrichtung mit Blick aufs ganze Rheinland, denn die meisten Hilfsangebote richten sich in der Regel an alle Altersgruppen. Der große Komplex mitten in Jülich City ist speziell für jüngere Leute konzipiert. Yorck Sommereisen: „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Perspektiven zu bieten und sie einfach ein bisschen fit fürs Leben zu machen.“

Das heißt: Schulabschluss nachholen oder Ausbildung starten oder Job antreten oder sein eigenes Leben managen. Mitunter alles nach- und nebeneinander. Das ist kein leichtes Unterfangen, funktioniert aber offensichtlich bei „Mittendrin“ so gut, dass der Landschaftsverband Rheinland als Kostenträger nicht lange überzeugt werden musste, die Kapazitäten zu erhöhen. Tanja Dittel: „Wir haben hier im Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen die geringste Rückfallquote, wir haben keine Drehtürpatienten, die also nach kurzer Zeit wieder zurückkehren. Wer hier auszieht, schafft es in der Regel im Leben.“ Die Bewohner bleiben etwa drei Jahre, manche etwas länger.

Weil die meisten durchhalten, gibt es selten Wechsel und nur wenige freie Plätze im Jahr. Von daher haben LVR und Invia im Jülicher Komplex nun das Angebot von zehn auf 20 Plätze verdoppelt. Nachfragen kommen aus der ganzen Region, selbst aus Köln.

Die Klientinnen und Klienten, wie die Verantwortlichen sagen, müssen natürlich etwas tun. Wer nicht zur Arbeit oder in die Schule geht, absolviert ein Pflichtprogramm. Drei Sozialarbeiter, ein Arbeitstherapeut, eine Hauswirtschafterin und eine Ernährungsberaterin (insgesamt 4,5 Stellen) sorgen dafür, dass genug zu tun ist. Die acht jungen Männer und drei Frauen – laut Tanja Dittel nicht selten mit Gewalterfahrungen in der Kindheit und/oder frühen psychischen Auffälligkeiten – benötigen spezielle Hilfe. Aber nach drei Jahren packen es die meisten.

„Ich habe ein Dach über dem Kopf, mir wird hier sehr geholfen“, sagt Sebastian*, der schulisch nun die Fachoberschulreife in Angriff nimmt. Und irgendwann eine eigene Wohnung haben möchte, wenn es die denn gibt (siehe Infobox).

*Name v. d. Red. geändert

Mehr von Aachener Nachrichten