Düren: Wenn der Alkohol das Leben bestimmt

Düren: Wenn der Alkohol das Leben bestimmt

Seit zwölf Jahren ist Karl (64) trocken. Ohne die Anonymen Alkoholiker, sagt der Mann, der seinen Nachnamen nicht Preis geben möchte, hätte er das nicht geschafft. Karl hing an der Flasche: „Der Alkohol war mein bester Freund.“

Als Kind hat Karl den Alkohol gehasst. „Meine Mutter hat getrunken und war tablettenabhängig. Eigentlich hatte ich überhaupt keine Mutter. Und mein Vater hat gelitten wie ein Hund.“ Mit 16 hat Karl dann eine andere Seite des Alkohols kennengelernt. „Die Kneipe wurde plötzlich meine Ersatzheimat. Hier habe ich mich gut gefühlt. Und angefangen, Bier zu trinken.“ Karl spricht von anfänglichem Genusstrinken, aus dem dann später Gewohnheitstrinken, Abhängigkeit und Sucht geworden sind.

„Der Alkohol hat mein Leben bestimmt. Wirklich gemerkt habe ich das erst, als man mich mit 1,6 Promille am Steuer erwischt hat und mir für ein Jahr den Führerschein abgenommen hat.“ Ein Jahr hat Karl nicht getrunken — und dann wieder angefangen. „Mit einem Glas Sekt bei einem Geburtstag in der Firma.“ Wenig später hat er erneut den Absprung geschafft. „Ich hatte nachts Panikattacken, wollte Selbstmord begehen. Da habe ich wieder aufgehört.“ Vier Jahre hat Karl den Alkohol komplett gemieden. „Dann hatte ich Stress und habe ein alkoholfreies Bier getrunken. Und mein Suchtgedächtnis hat voll zugeschlagen. Und ich war wieder abhängig.“ Von da an habe er nur noch auf die Prozente der Alkoholika geschaut, die er getrunken hat. „Zum Frühstück gab es Rum, um das Zittern zu beenden. Und dann begann ich, mich komplett zu vernachlässigen“, erzählt Karl.

Beziehungen zerbrachen, immerhin der Job blieb. Die Kollegen fingen vieles auf. Ich kann heute nicht mehr sagen, wie viel Alkohol ich konsumiert habe. Aber als Alkoholiker braucht man schon 400 bis 600 Euro im Monat, um seine Sucht zu finanzieren.“

Dann hörte Karl Stimmen, er wollte nicht mehr leben und: Er wollte aufhören. „Das ist der entscheidende Punkt. Nur wer die Situation selber erkennt und aufhören will, hat eine Chance“, weiß der Ex-Alkoholiker heute. Er hat den steinigen Weg beschritten. Dass er es geschafft hat, führt Karl vor allem auf die „Anonymen Alkoholiker“ zurück. „Ich lernte Menschen kennen, denen es ähnlich geht“, erzählt Karl. Die Gespräche und die Gemeinschaft, verbunden mit einer Therapie, hätten gewirkt. Karl erkannte, dass er krank ist, und es war nicht leicht, dies zu akzeptieren. „Ich habe auch Stresssituationen ohne Alkohol überstanden“, blickt er auf die zurückliegenden Jahre. Die Treffen der „Anonymen Alkoholiker“ besucht er noch heute. Sie helfen ihm, sind ihm eine Stütze.

Außerdem spricht er in Schulen über die Sucht. „Hätte es so etwas in meiner Kindheit gegeben, hätte ich eine Anlaufstelle gehabt, wäre mein Leben vielleicht anders verlaufen.“ Karl kritisiert auch die Gesellschaft, in der Alkohol zum guten Ton gehöre und man schief angeschaut werde, wenn man sich auf einer Grillparty für ein Glas Wasser entscheide.

Hohe Erwartungen

Karl weiß, dass die Erwartung, die manche Menschen an die „Anonymen Alkoholiker“ stellen, nicht der Realität entsprechen. „Angehörige wollen von uns wissen, wie sie einen Süchtigen vom Alkohol abbringen können“, erzählt er. Aber diese Erwartung könne die Gruppe nicht erfüllen. Die Gruppe könne nur dem helfen, der es auch will. Es gehe um kleine Schritte, darum, zunächst einen Tag nichts zu trinken. Es geht um den Austausch, bei den vielen Hürden auf dem Weg zur Trockenheit. „Du musst es selber schaffen, aber Du schaffst es nicht allein.“ Er habe gelernt, Probleme zu lösen. „Ich habe eingesehen, dass es nichts bringt, Probleme wegzutrinken.“

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