Düren: Wenn das Schrauben in der Werkstatt zur Seelsorge wird

Düren : Wenn das Schrauben in der Werkstatt zur Seelsorge wird

„Das geht mir selbst ans Fell“, sagt Schulseelsorger Rudi Hürtgen, als er die Tür zur Fahrradwerkstatt der Realschule Werners-straße aufschließt. Zwei Fünftklässler haben sich heftig geprügelt. Das geht nicht spurlos an dem 52-Jährigen vorbei.

Ob das Gespräch, das er und der Lehrer daraufhin mit den Unruhestiftern geführt haben, Wirkung zeigt, oder ob man besser gleich eine härtere Gangart hätte wählen sollen, „dass sehen wir dann in der Pause“, meint Hürtgen. Er ist montags, mittwochs und freitags an der Schule. In erster Linie als Schulseelsorger. In zweiter als Chef der Fahrradwerkstatt. „Manchmal repariert man nicht nur an einem Rad rum, sondern auch an der Seele dessen, der es herbringt“, sagt Hürtgen lächelnd.

In den Kellerraum kommen viele Schüler zum Schrauben — sei es in den Pausen, um das eigene Rad wieder fit zu machen, oder zu der wöchentlichen AG. Mit einem Werkzeug oder Putzlappen in der Hand lässt sich so manches Thema viel leichter besprechen. Ganz nebenbei kommen die — hauptsächlich männlichen — Jugendlichen mit Hürtgen ins Gespräch, erzählen, was sie gerade beschäftigt oder belastet. Manche suchen auch ganz gezielt den Rat des Schulseelsorgers. Die Fünf in Mathe, die gebeichtet werden muss, die Trennung der Eltern oder oft auch Handybelästigungen — Rudi Hürtgen hilft, wo er kann. Nicht umsonst steht auf den Wegweisern zur Werkstatt „Rad und Tat“.

Ihm ist dabei wichtig, dass er ein Ansprechpartner ist, der weder reglementiert noch Schulnoten vergibt. „Ich kann anders vermitteln als Lehrer. Die müssen sich strikt an ihr Regelwerk halten, ich kann anders vermitteln“, erklärt Hürtgen und lobt die enge Zusammenarbeit mit den Lehrern.

Dem Kollegium, aber besonders ihm in der Fahrradwerkstatt, sei das soziale Lernen extrem wichtig, erzählt Hürtgen. „Die Werkstatt ist ein tolles Hilfsmittel zur Wertevermittlung. Hier muss man im Team arbeiten, gemeinsam Fehler analysieren, Rücksicht nehmen und sich unterstützen. Schüler helfen Schülern, sich voranzubringen.“

Einer, der das besonders tatkräftig macht, ist Felix Gehlen. Der 17-Jährige ist Mitglied der AG, kommt aber an den drei Tagen, an denen Hürtgen da ist, auch in jeder Pause zum Schrauben in die Werkstatt. Seine Begeisterung für Räder und deren Reparatur geht bei ihm in die frühe Kindheit zurück. Als sein allererstes Rad einen Platten hatte, störte ihn enorm, das nicht selbst reparieren zu können. So lernte er schon in jungen Jahren von seinem Vater, wie man einen Reifen flickt, und hält mittlerweile sein Rennrad selbst in Schuss.

Diese Begeisterung teilt er mit Rudi Hürtgen, der sichtbar darin aufgeht, Hobby und Beruf so nahtlos kombinieren zu können. Das geht sogar so weit, dass der dreifache Vater und Gemeindereferent an einem entscheidenden Punkt ganz anderer Meinung ist, als der Großteil der Schüler: „Ferien find‘ ich nicht so toll.“

(wel)
Mehr von Aachener Nachrichten