Düren/Pier: Was haben Bundesliga-Sportschützen und Profi-Volleyballer gemein?

Düren/Pier : Was haben Bundesliga-Sportschützen und Profi-Volleyballer gemein?

Michael Andrei (32) und Tobias Kaulen (26) trennen knapp 40 Zentimeter Körperlänge und die Sportart, für die sie brennen. Andrei ist 2,10 Meter groß, Volleyballer, Kaulen entsprechend kleiner und Sportschütze. Beide treten mit ihren Teams in der ersten Bundesliga an, beide sind leidenschaftliche Sportler.

Aber gibt es noch mehr Gemeinsamkeiten? Oder sind am Ende die Unterschiede zwischen Profi-Volleyballern und Bundesliga-Schützen größer als die Gemeinsamkeiten? Oder können beide sogar voneinander profitieren?

Tobias Kaulen und Michael Andrei (kleines Foto von links) trennen knapp 40 Zentimeter Körpergröße — und eine Sportart. Beim Schießtraining in Pier hatten Karli Allik, Trainer Stefan Falter und Michael Andrei (von links mit Luftpistole) mit den Schützen Isha Meinerz, Anne Ohler und Schießtrainer Egon Czekala (von links) jede Menge Spaß. Foto: Sandra Kinkel

Mittelblocker Michael Andrei, Außenangreifer Karli Allik und Trainer Stefan Falter haben versucht, genau das herauszufinden. Sie haben die Schützen Isha Meinerz, Anne Ohler und Schießtrainer Egon Czekala beim Training besucht. Im Gegenzug hat Tobias Kaulen, der an Nummer eins gesetzte Schütze von den Sportschützen St. Sebastian Pier 2000, beim Volleyball-Training vorbeigeschaut.

Kaulen ist 26 Jahre alt, seit 16 Jahren Sportschütze — und das immer für die Pierer Mannschaft. „Dass wir es jetzt in die erste Bundesliga geschafft haben“, sagt er, „ist für mich das Größte.“ Der Mann aus Schophoven, der im Forschungszentrum Jülich eine Ausbildung zum Brandmeister absolviert, trainiert zweimal pro Woche am Schießstand, außerdem macht er viel Halte- und Krafttraining zu Hause und hält sich mit Laufen und Radfahren fit. Schießsport, erklärt er, sei eine Mischung aus Ruhe, Konzentration und sehr viel körperlicher Arbeit. Kaulen: „Beim Schießsport ist man völlig auf sich alleine gestellt. Und man muss auch mit Stresssituationen alleine klarkommen.“

Dass Ruhe und Konzentration die wichtigsten Eigenschaften guter Schützen sind, haben Michael Andrei, Karli Allik und Stefan Falter beim Training mit den Schützen gemerkt. Die Ballsportler haben unter Bundesligabedingungen geschossen, will heißen, die Zielscheibe war zehn Meter entfernt und insgesamt 17 mal 17 Zentimeter groß.

Die Zehn, also das, was die Sportschützen optimalerweise treffen, hat einen Durchmesser von zwölf Millimetern. Zum Vergleich: Eine Centmünze ist 15 Millimeter groß. Karli Allik, der in seiner Heimat Estland ein Sportgymnasium besucht hat, hat als Jugendlicher schon einmal an einem Schießtraining teilgenommen. Michael Andrei hat zum ersten Mal eine Luftpistole in der Hand. „Ich wusste nicht, dass es eine Sportart gibt, bei der man seine Hand in die Hosentasche stecken darf“, sagt Allik lachend.

Die linke Hand gehört beim Schießen deswegen in die Hosentasche, damit die Schützen einen festeren Stand haben. Daneben kommt es auf eine gute Atmung und einen sicheren Bewegungsablauf an. Karli Allik trifft gleich beim ersten Versuch ins Schwarze und entwickelt schnell ein sicheres Gespür für die Luftpistole — und großen Ehrgeiz, besser zu sein als seine Volleyballkollegen. „Ich würde von einem Naturtalent sprechen“, sagt Sportschützin Isha Meinerz. „In der Landesliga könnte er mitmachen.“

40 Schuss 50 Minuten

Im Wettkampf haben die Schützen für 40 Schuss 50 Minuten Zeit. „Das klingt viel“, sagt Tobias Kaulen. „Aber manchmal wird die Zeit schon knapp.“ Weil er an Nummer eins gesetzt ist, schießt Kaulen immer parallel zu den besten Schützen der anderen Teams. „Die deutsche Bundesliga gehört zur Weltspitze. Wenn ich im Wettkampf neben absoluten Top-Schützen stehe, muss ich das schon ausblenden.“

Gutes Mental-Training ist da sehr wichtig. „Mir helfen Rituale“, sagt der Sportschütze. „Der Wettkampftag läuft immer gleich ab.“ Das ist bei Michael Andrei und Karli Allik so ähnlich. „Ich absolviere vor jedem Spiel immer das gleiche Aufwärmprogramm“, erzählt der 21-jährige Este. „Und während der Partie bin ich wie in einem Tunnel. Von dem, was rund um das Spielfeld passiert, bekomme ich nur sehr wenig mit.“ Allik und Andrei sind davon überzeugt, in Sachen Konzentration viel von den Sportschützen lernen zu können.

Andrei: „Ich glaube, dass die Schützen noch viel mehr ihre innere Mitte finden müssen, um erfolgreich zu sein, als wir das versuchen.“ Rein körperlich sind die beiden Sportarten natürlich überhaupt nicht vergleichbar. „Wir brauchen auch eine gewisse Fitness“, sagt Kaulen. „Aber letztlich ist es egal, wie groß oder wie schwer ein Schütze ist.“

Für Tobias Kaulen ist der Schießsport — auch der in der ersten Bundesliga — ein reines Hobby. „Wir verdienen kein Geld mit dem Sport, wir müssen eher noch Geld mitbringen, zum Beispiel für die Reisekosten.“ Als Jugendlicher habe er auch einmal davon geträumt, vom Schießsport leben zu können. „Aber mittlerweile bin ich froh, dass es nur mein Hobby ist.“