Düren: Warum „Jugend Rettet“ erst 14.000 Menschen rettet und jetzt in der Sinnkrise ist

Düren : Warum „Jugend Rettet“ erst 14.000 Menschen rettet und jetzt in der Sinnkrise ist

Auf seiner Mission hat der Verein „Jugend Rettet“ mit einem ehemaligen Schiffskutter nach eigenen Angaben vor der libyschen Küste 14.000 Migranten aus ihrer Seenot gerettet. Im August 2017 beendeten italienische Behörden die Rettungsaktionen der freiwilligen, privaten Helfer.

Sie beschlagnahmten die „Iuventa“, später auch weitere Schiffe privater Hilfsorganisationen. Der Verdacht: Beihilfe zur illegalen Migration. „Seitdem ist der Verein in einer Sinnkrise“, sagt der 20-jährige Dürener Johannes Gaevert. Er engagiert sich seit März dieses Jahres für die Öffentlichkeitsarbeit der Studenten-Organisation, die auf unbestimmte Zeit nur noch an Land mit Demos und Veranstaltungen für eine humanere Flüchtlingspolitik kämpft. Mit dem angehenden Studenten sprach Carsten Rose.

Herr Gaevert, „Jugend Rettet“ war auf hoher See unterwegs, weil der Verein Druck auf die europäische Außenpolitik ausüben wollte. Versteht der Verein sich als Rebell?

Gaevert: Es ist andersrum. Alle, die von uns fordern, dass wir uns anders verhalten sollen, rebellieren gegen Gesetze und Menschenrechte. Geflüchtete zurück nach Libyen zu schicken, ist meiner Meinung nach ein Verstoß gegen Rechte und Gesetze. Wir haben uns bislang an alle Gesetze gehalten, alle Missionen waren mit den italienischen Behörden abgestimmt.

Dennoch wird dem Verein Beihilfe zur illegalen Migration vorgeworfen.

Gaevert: Es gibt nur Vorwürfe der Staatsanwaltschaft, aber keine Anklage, kein Strafverfahren. Die „Iuventa“ ist seit einem Jahr festgesetzt, und seitdem kämpfen wir mit allen juristischen Mitteln dagegen. In Italien ist es mit den sogenannten „Mafia-Gesetzen“ möglich, ein Schiff so lange zu beschlagnahmen, um weitere mögliche Straftaten zu verhindern. Die Behörden spielen mit ihren Ermittlungen ganz klar auf Zeit, meiner Meinung nach ist so etwas in Europa nicht hinnehmbar.

Ist an den Vorwürfen etwas dran?

Gaevert: Nein. Die Rechercheagentur „Forensic Architecture“ hat alle Vorwürfe gegen uns widerlegt — mit den Fotos und Videos, die als Beweismittel gelten. Die Experten haben ihren Sitz an der Universität London und untersuchen juristische Fälle ausschließlich für zivile Opfer und Nichtregierungs-Organisationen. Wir haben im April gegen die Beschlagnahmung Beschwerde vor dem obersten italienischen Zivilgericht in Rom eingelegt. Die wurde abgelehnt, eine juristische Begründung haben wir aber bis heute nicht erhalten.

Wie geht der Verein weiter vor?

Gaevert: Momentan diskutieren wir viel. Es ist eine Option, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen. Wir finden es erschreckend, dass gegen uns ermittelt wird.

Sie sind spät zum Verein gestoßen. Jetzt wissen sie dank der Doku „Iuventa“, wie die Seenotrettung läuft. Glauben Sie, dass es eine Verbindung zwischen den Rettungsmissionen und dem Schleppergeschäft gibt? Flüchten mehr Menschen aus Afrika, weil sie gerettet werden?

Gaevert:Eine Studie von Experten an der Londoner Universität zeigt, dass es keinen kausalen Zusammenhang gibt. Die Menschen sind zwei, drei Jahre unterwegs, viele kennen das Meer nicht, sie glauben, sie schaffen es. Viele fliehen aus Libyen vor Folter und Sklaverei. Die Vorwürfe gegen uns gehen davon aus, dass die Geflüchteten alle topinformiert sind, was in Europa abläuft. Das glaube ich nicht.

Wann wird die „Iuventa“ wieder auf Mission gehen?

Gaevert: Das weiß keiner. Falls es irgendwann weitergehen sollte, muss ein anderes Konzept her. Ich glaube nicht, dass es möglich ist, wie vor zwei Jahren raus auf See zu fahren und die Menschen zu retten.

Warum nicht?

Gaevert: Das Schiff ist nicht dafür ausgelegt, längere Zeit mit vielen Menschen auf See zu bleiben. Dafür fehlt die Versorgung. Die Crew hat damals die Geflüchteten aufgenommen und an die Küstenwache übergeben. Heute geht das nicht mehr so einfach, weil es so schwierig ist, einen Hafen anzusteuern.

Würden Sie auch gerne auf hoher See helfen?

Gaevert: Dafür fehlt mir die Erfahrung. Öffentlichkeitsarbeit an Land ist genauso wichtig. Niemand hätte gedacht, dass populistische und rechte Gruppen unsere Arbeit für ihre Zwecke so missbrauchen, indem sie uns vorwerfen, dass wir Migrantenströme beeinflussen. Ich kann aber auch verstehen, dass die Rechten in Italien so stark geworden sind, weil das Land jahrelang von Europa alleingelassen worden ist.

Doku „Iuventa“: Dienstag, 28. August, 21 Uhr, Haus der Evangelischen Gemeinde Düren, Seenotretter sind vor Ort.

(cro)
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