Düren: Unternehmer Marx: „Führen heißt letztlich dienen“

Düren: Unternehmer Marx: „Führen heißt letztlich dienen“

Vor einem dreiviertel Jahr hat Hartwig Marx auf einem Acker im Gewerbegebiet Rurbenden/Talbenden zum Spaten gegriffen, heute kann er dort zum Stift greifen, um Verträge zu unterzeichnen. Sein Unternehmen, die Marx-Gruppe, hat 2,5 Millionen Euro in ein neues Verwaltungsgebäude und eine Produktionshalle investiert.

Im Januar war der Spatenstich, gerade ist der Umzug von der Veldener Straße erfolgt, kommenden Samstag wird gefeiert. Das Unternehmen beschäftigt mehr als 250 Mitarbeiter. „Es ist für mich das Größte, wenn ich Jobs schaffen kann“, sagt Marx im Gespräch mit den „DN“.

Sie sind im Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Unternehmensberatung und auf dem Zeitarbeitssektor tätig. Wie bekommen Sie das unter einen Hut?

Marx: Die Banken haben anfangs immer gefragt: Was ist dein Kerngeschäft? Ich habe dann gesagt: Mein jetziges Kerngeschäft ist die Programmierung von Werkzeugmaschinen. Aber wenn der Kunde kommt und sagt, kannst du mir die Schaltschränke bauen, mache ich das auch. Wenn er ein Jahr später kommt und möchte alte Maschinen modernisiert zurück, dann machen wir das. Damit hatten wir 1997 unseren ersten Millionen-Auftrag. Irgendwann kam einer und fragte: Macht ihr Industriemontage? Also haben wir auch damit angefangen. Das ist aufgebaut wie ein Fond. Der Kunde bestimmt, was wir als nächstes machen, nicht ich.

Wie machen Sie sich selber fachlich fit? Sie haben Elektrotechnik studiert. Sie sind also Techniker. Was hat das beispielsweise mit Zeitarbeit und Unternehmensberatung zu tun?

Marx: Ich bin ein Wissensarbeiter. Über alles, was wir machen, habe ich ein solides Wissen. Ich lese sehr viel. Mich interessiert so viel, da reicht dieses Leben nicht, um alles erfassen zu können. Das ist das eine. Das andere ist: Ich weiß, was ich nicht weiß. Und das ist eine Menge. Ich habe Schwächen, auch das weiß ich. Aber ich habe es wohl verstanden, mir die richtigen Leute ins Unternehmen zu holen, die diese Schwächen voll besetzen. Ich habe ein hervorragendes Team. Ich pflege eine wertschätzende Kommunikation, das geht weit über das hinaus, was in normalen Firmen üblich ist. Wir tun alles füreinander. Man versucht regelmäßig, mir gute Leute abzuwerben, aber die gehen nicht. Natürlich bekommen sie auch gute Gehälter.

Wie haben Sie Ihr Unternehmen aufgebaut?

Marx: Ich habe während meines Studiums angefangen. Ich habe wohlhabende Eltern, aber ich bin so erzogen, dass ich mir alles selbst erarbeite. Ich habe während des Studiums als Dachdeckergehilfe und als DJ gearbeitet. Wir haben dann mit drei Leuten ein Ingenieurbüro in Erftstadt eröffnet. Später habe ich bei Dörries in Düren gearbeitet und für die programmiert. Ich hatte einen tollen Chef, der heute mein Freund ist und seit Jahren in meinem Unternehmen arbeitet. Ich habe mich dann selbstständig gemacht und die ersten Mitarbeiter eingestellt.

Wollten Sie immer Unternehmer werden?

Marx: Nein, das ist Zufall. Ich hatte einen sehr erfolgreichen Vater. Der war Hauptschüler und hatte zum Schluss Prokura in einem Leverkusener Unternehmen mit 600 Leuten. Es war Technischer Leiter im Bautenschutz. Ich hatte leider wenig von ihm, er war unheimlich fleißig und hat so etwas wie den amerikanischen Traum gelebt: Vom Hauptschüler nach ganz oben. Und ihm wollte ich etwas beweisen — zumindest am Anfang. Es ist die klassische Kiste. Wenn Sie sich heute mit Unternehmern unterhalten, ist es meist der Vater, der die Söhne antreibt. Im Alter von 38 Jahren hatte ich dann zwei Herzinfarkte. Da habe ich eigentlich erst angefangen, richtig etwas zu unternehmen, im Sinne des Wortes. Ich habe mich mit mir selbst beschäftigt, obwohl wir als die von der Nachkriegsgeneration erzogenen Kinder immer gehört haben: Nimm dich selbst nicht so wichtig. Aber da habe ich mich dann mal wichtig genommen!

Was haben Sie unternommen?

Marx: Nachdem ich selber wusste, wer ich war und ich im Unterschied zu früher endlich meine Stärken kannte, habe ich einiges geändert.

Was?

Marx: Ich wusste vor allem, wovon ich künftig besser die Finger lasse, weil ich sonst nur unendlich viel Energie vergeude. Das wissen viele nicht. Ich laufe seit dem nicht mehr im Hamsterrad. Ich mache das, was ich wirklich kann. Konfuzius hat mal gesagt: Tue das, was du liebst, und du brauchst nie mehr zu arbeiten. Ich bin in der glücklichen Lage, genau das tun zu können.

Können Sie das machen, weil Sie es sich nun leisten können, oder würden Sie sich auch ohne Ihre offenbar gute finanzielle Sicherheit so verhalten?

Marx: Es war letztlich mein gestrenger, sehr fleißiger Vater. Ich wollte mit 30 Millionär sein. Das habe ich nicht geschafft. Ich weiß gar nicht, ob ich der Unternehmer-Typ bin.

Haben Sie jetzt keinen Stress mehr?

Marx: Doch. Ich lese wie gesagt sehr viel, zu viel, und seit es das iPad gibt, noch mehr. Dadurch bin auch abends noch in der Lage, mir x Zeitschriften durchzulesen.

Sie können nicht anders?

Marx: Ich kann nicht anders. Das stimmt. Ich würde mich als Getriebener bezeichnen. Aber ich achte das Leben. Ich weiß, wie weit ich gehen kann, bevor das System ins Schleudern gerät und ausbrechen würde. Ich habe eine sehr liebe und verständnisvolle Partnerin und die besten Leute um mich herum! Sie schützen mich. Mein Sohn, er ist 25, gehört dazu.

Wie würden Sie ihre Firmen-, Ihre Unternehmer-Philosophie beschreiben?

Marx: Wertschöpfung durch Wertschätzung, damit ist alles gesagt und ich versuche wirklich, danach zu handeln.

Wie geht das: danach handeln?

Marx: Meine Mutter hat mir ein ganzes Wertekorsett verpasst. Ich war lange Messdiener. Es ist eine Mischung aus den Werten meiner Mutter und dem arbeitsmäßigen Vorbild meines Vaters: einmal mehr aufstehen, als man fällt. Das ist für mich ein sehr emotionales Thema.

Wie genau funktioniert die Wertschätzung?

Marx: Es ist nicht nur das Loben. Ich bin dankbar für mein Umfeld, auch hier im Betrieb. Die Kollegen sind wie eine Familie für mich.

Das heißt: Sie behandeln Ihre Mitarbeiter wie Familienmitglieder?

Marx: Das ist für mich meine erweiterte Familie. Ich glaube, die Kollegen sehen mich als verrückten Patriarchen. Das habe ich versucht zu kultivieren. Für mich heißt Führen letztendlich nichts anderes als: dienen. Ich sehe mich als Diener, als einen Menschen, der sich um Demut bemüht. Bei 250 Mitarbeitern kann ich nicht jeden kennen und in der Zeitarbeit kann ich manchmal auch nur Jemanden ein halbes Jahr beschäftigen. Aber ich möchte für meine Mitarbeiter da sein. Das ist hier kein psychosoziales Experiment, das ist das Erfolgsgeheimnis meiner Firmengruppe. Ich meine das alles so. Ich habe einen schlechten Job gemacht, wenn die Leute nicht morgens mit einem Lächeln kommen und abends mit einem Lachen gehen.

Sie müssen aber auch mal auf den Tisch hauen.

Marx: Ist das ausgeschlossen, wenn ich sage: der Oberbegriff für alles ist: Demut? Wenn ich meinen Mitarbeitern diene und da ist mal ein fauler Apfel dabei, den ich nicht ändern kann, der den anderen schadet, für die ich Fürsorge habe, dann habe ich den gegebenenfalls zu bitten, das Unternehmen zu verlassen. Aber erst, nachdem ich alles versucht habe, genau das zu verhindern. Wir alle müssen unsere Werte leben, das ist verpflichtend. Fairness, guter Lohn, Lob.

Wer legt die Werte fest?

Marx: Ich. Mein Wunsch zeigt sich in der Formulierung unserer Vision „Mit Werten in Führung“ zu gehen.

Bis zu welchem Punkt kann man mit Ihnen über Werte diskutieren?

Marx: Ich bin vom Sternzeichen her Löwe — und zwar ein typischer. Und mit einem Löwen kann man kämpfen. Ich bin froh, dass ich Leute um mich habe, die bereit sind zu kämpfen. Kampflos gebe ich aber nicht auf. Ich habe meine Überzeugungen, die christlich geprägt sind. Über gewisse Werte kann man meiner Meinung nach nicht diskutieren.

Ihre Firma legt auch Wert auf soziales Engagement. Auf Ihrer Homepage steht: Gutes tun macht selbstbewusst und glücklich. Was steckt hinter ihrem sozialen Engagement? Betrifft das auch lokale Projekte?

Marx: Dieses Jahr ist das Ziel, zehn Prozent des Gewinns vor Steuern zu spenden. Ich habe als Unternehmer eine Verantwortung. Ich setze das Maß niedrig an, habe sehr viel Glück in meinem Leben gehabt und möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Die zehn Prozent stammen aus meiner christlichen Erziehung. Wir haben schon als Kinder zehn Prozent des Taschengeldes gespendet, zum Beispiel an die SOS-Kinderdörfer.

Über welche Summe sprechen wir? Zehn Prozent des Firmen-Gewinns als Spende?

Marx: Es ist ein mehrfach fünfstelliger Betrag, mehr möchte ich nicht sagen. Mit weiteren zehn Prozent wollen wir Stipendien vergeben, zum Beispiel an Studenten. Eine Idee meines Sohnes: Auch Menschen ohne Ausbildung sollen Weiterbildungsmöglichkeiten bei uns erhalten.

Was gibt Ihnen das soziale Engagement?

Marx: Eine tiefe Zufriedenheit. Es ist so ähnlich wie das Gefühl, wenn ich Arbeitsplätze schaffen kann. Das befriedigt mich mehr, als jeder Gehaltscheck. (Gesprächspartner: Ingo Latotzki)

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