Niederau: Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln beim Pianokonzert in Niederau

Niederau : Ungläubiges Staunen und Kopfschütteln beim Pianokonzert in Niederau

Die Sekunden nach dem Klavierkonzert von Rhythmie Wong aus Hongkong blieben atemlos, es folgten Minuten des ungläubigen Staunens mit Kopfschütteln und Schulterheben. Eine 91-jährige Dame kam aus dem Bewundern gar nicht mehr raus. „Das ist zwar nicht meine Musik, aber was die Pianistin da gezeigt hat, war einfach bravourös“, schilderte sie ihren Eindruck.

So was könnte sie sich nicht öfter anhören, da würden Blutdruck und Puls streiken. Ein Mann, ständiger Besucher bei guten Musikdarbietungen in Düren und Umgebung, fragte: „Sagen Sie mal, was können Heribert Koch und die anderen Klavierlehrer dieser Frau noch beibringen?“

Der Angesprochene konnte nicht gefragt werden, war er doch von der Schar seiner Studierenden umgeben, die diese Woche im Haus der Evangelischen Gemeinde zu Düren den 5. Internationalen Klavier-Meisterkurs unter seiner Leitung absolvieren werden.

Am Sonntag, 26. August, ist das traditionelle Abschlusskonzert im Haus der Evangelischen Gemeinde. Gäste sind unter der Woche während des Seminars im Konzertsaal täglich zwischen 10 und 13 Uhr sowie zwischen 15 und 18.30 Uhr herzlich willkommen.

Mit drei Jahren

Zum Kern des Geschehens: Rhythmie Wong aus Hongkong, eine junge Pianistin, die schon mit drei Jahren vor den schwarz-weißen Tasten gesessen hat, spielte im ausgebuchten Konzertsaal von Schloss Burgau sensationell. Selbst Musiker wie der Chef der Cappella Villa Duria, Johannes Esser, wie immer mit Dr. Gisela Hagenau einer der Organisatoren des Meisterkurses, gaben ihrer Begeisterung freien Lauf.

Noch recht leise und zurückhaltend begann Wong mit gerader Körperhaltung, konzentriert, das Konzertgeschehen mit den Sätzen „Evocación“ und „El Puerto“ aus „Iberia“, Band 1, der spanischen Komponistin Isaac Albeniz (1860 bis 1909). Die Hörer wurden mitgerissen von südländischen Klängen, die dauernd ihre Farben wechselten, ein bunter Reigen zum Einstieg.

Denn dann kam es. Die Pianistin arbeitete auf dem Klavier Noten von Maurice Ravel (1875 bis 1937) ab. Es waren drei Gedichte von Gaspard de la Nuit. „Ondine“, Satz 1, ein überirdisch schöner Gesang einer Wassernixe, verführerisch wie der Gesang der Sirenen, die Odysseus vom Weg abbringen wollten.

Das Totenglöckchen

Im zweiten Satz schlägt Ravel zu. Im Satz „Gibet“, der Galgen, läutet das Totenglöckchen. Mit seinen gleichmäßigen Tönen, umspielt von dumpfen Melodien, zerrt es an den Nerven des Hörers. Im letzten Satz mit Namen „Scarbo“ piesackt ein böser Kobold nächtens die Menschen in seiner Nähe. „Gepiesackt werden aber auch die Pianistinnen und Pianisten, die dieses technisch ungeheuer schwere Stück erarbeiten wollen“, verriet Heribert Koch bei seinen Einführungsgedanken.

Gefühlsmäßige Entwarnung

Hatten die Besucher bei der letzten Komposition auf gefühlsmäßige Entwarnung gehofft, so war dem nicht so. Sergei Prokofjew (1891 bis 1935) rief mit seiner Sonate Nr. 7 B-Dur alle pianistischen Fertigkeiten und Fähigkeiten wach. „Allegro inquieto“, der erste Satz, unruhig in Lautstärke, Schnelligkeit, mit technisch verblüffenden Finessen, war wiederum ein Angriff auf die Gefühle der Hörer. Kritiker vermuten immer wieder — richtig oder falsch —, dass der Komponist von den Schrecken des ersten großen Kriegs erzählen wollte. Der zweite Satz „Andante calorosa“ ließ mit seinen poetischen Einlagen die strapazierten Nerven der Besucher sich entspannen. Hier und da schimmerten Wehmut und Melancholie durch. Mit dem dritten Satz „Precipitato“ gewannen Drohung und Gewalt wieder die Oberhand. Ein furioses Stück mit heftigen Akkorden, die Endzeit anstrebend?

Stoische Haltung

Und Rhythmie Wong? Sie hatte ihre zu Beginn stoische Haltung schon bei Ravel neben sich auf die Klavierbank verbannt. Die zierliche Frau arbeitete mit Ganzkörpereinsatz, bearbeitete den Flügel heftig. Die Pianistin mit einer großen Zukunft stellt eine Musikerin von hohem technischem Niveau mit einer empathischen Fähigkeit dar, sich in die Vorgaben der Komponisten einzuleben.

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