Düren: Trockene Konter, scharfe Schüsse: Eine Schützenkönigin von 80 Jahren

Düren : Trockene Konter, scharfe Schüsse: Eine Schützenkönigin von 80 Jahren

Im nächsten Jahr wird Edeltraud Pitz im Juli mal nicht nur in ihren Geburtstag hineinfeiern, sondern vor allem auch hineinregieren — als Schützenkönigin der Volkstümlichen Bogenschützen-Bruderschaft St. Rochus und St. Sebastianus. Das 78-jährige, frisch gebackene Schützen-Oberhaupt wird die erste Würdenträgerin sein, die die Notwendigkeit einer „Ausgehkette“ für Königinnen erkannt und gleich auch umgesetzt hat.

„Die schwere Kette mit den Plaketten vergangener Majestäten ist unpraktisch und doch eher für eine flache Männerbrust gemacht“, sagt sie. Also ließ sie sich für ihre Amtszeit eine Kette für nur ein einziges Abzeichen fertigen. „Majestät“ steht auf der Vorder-, ihr Name auf der Rückseite.

Alles außer Strom

Eine zupackende Art und einen Sinn fürs Praktische hatte Edeltraud Pitz schon immer. In dem schönen, alten Haus im Grüngürtel-Viertel, in dem sie mit ihrem Mann seit mehr als 50 Jahren wohnt, war sie es oft gewesen, die die handwerklichen Arbeiten übernommen hat. Ihre Devise: „Alles außer Strom“. Vor Elektroarbeiten hatte sie immer zu viel Respekt. Aber Tapezieren, Streichen, Umräumen — das war nie ein Problem für sie gewesen: „Einmal kam mein Mann von der Kur und Hause und fand ein komplett neu gestaltetes Wohnzimmer vor.“ Sie lacht, aber ihr Mann habe damals ganz schön schlucken und sich erst einmal daran gewöhnen müssen.

Als junge Frau wäre sie gerne Anstreicherin geworden. „Leider war das in den 1950ern nicht möglich“, erinnert sie sich. Die Betriebe seien zu konservativ gewesen, um Frauen zu beschäftigen. Stattdessen erlernte Pitz einen klassisch weiblichen Beruf, den der Haushälterin. Als solche war sie 1958 im Privathaushalt des ehemaligen Dürener Oberbürgermeisters Heinrich Spies beschäftigt. Eine Anstellung, deretwegen sie nach Düren zog. Im gleichen Jahr traf sie einen großen, schlanken, jungen Mann. Und zwar in der legendären Milchbar an der alten Stadthalle.

Manfred Pitz war sein Name, und er sollte ihr späterer Ehemann werden. Damals waren beide 18 Jahre alt. Ob es Liebe auf den ersten Blick gewesen sei? „Wahrscheinlich“ resümiert sie 60 Jahre später. Jedenfalls habe er ihr sofort gefallen. Bis heute kabbeln sich die beiden gerne. Und so fasst Manfred Pitz die erste Begegnung wie folgt zusammen: „Sie ist mir nachgelaufen.“ Nach einer Kunstpause wird ergänzt: „Ja. Sie wollte 50 Pfennig für den Bus von mir leihen.“

Für seine Ehefrau ist das eine willkommene Einladung für einen trockenen Konter: „Und dann bist Du mir hinterher gelaufen. Du wolltest das Geld wiederhaben.“ Nach Aussagen der Beiden wartet er auf diese Rückgabe bis zum heutigen Tag. Was Manfred Pitz nicht weiter gestört haben dürften, denn seine Frau beschreibt ihn als großzügig. Sie hätten für den ehelichen Finanzausgleich immer das nötige Vertrauen zueinander gehabt. Auch zu anderen hegten die Pitzens stets Vertrauen.

So viel sogar, dass die beiden im Jahr 1972 blind ein Papier unterschrieben, das ein Freund ihnen vorlegte. Wie sich herausstellte, war das der Aufnahmeantrag für den Schützenverein. Ein unfreiwilliger, aber niemals bereuter Beginn einer jahrzehntelangen Verbundenheit zur Bruderschaft, die beide bis heute engagiert unterstützen. Und das so eifrig, dass Edeltraud Pitz in den 1980er-Jahren den Verdienstorden des Vereins erhielt. Da hatte sie schon jahrelang fleißig für Vereinsfeiern gebacken und gekocht. Vor allem aber hat sie in dieser Zeit die Damenabteilung des Vereins mit auf den Weg gebracht. 1986 gab es dann mit Anna Weiser die erste weibliche Schützenkönigin, nach mehr als 500 Jahren Vereinsgeschichte.

Natürlich kommt bei Edeltraud Pitz, die sich selbst als Harmoniemensch beschreibt, auch die Familie nicht zu kurz. Mit ihrer elfjährigen Urenkelin Celina beispielsweise geht sie gerne auf Konzerte, zuletzt zum Gig von Vanessa May in der Arena Kreis Düren.

Auf die Frage, wie es denn eigentlich gekommen sei, dass sie in diesem Jahr zur Schützenkönigin gewählt worden sei, antwortet sie: „Der Vorstand hat mich vor mehr als zehn Jahren schon einmal gefragt, wann ich denn drankommen will. Ich habe dann mehr im Scherz gesagt: ‚Zum Achtzigsten‘. Tja. Die haben sich tatsächlich erinnert.“

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