THW: Hürtgendwald hat seltene ESS-Technik

THW Hürtgenwald : Ein teurer THW-Sensor, der jede Bewegung sieht

Der Hürtgenwalder Ortsverband hat eine in NRW seltene Technik, die misst, ob ein Gebäude einzustürzen droht. Die Gruppe fährt zu großen Einsätzen wie beim Brand der Jülicher Zuckerfabrik.

Wenn Hans Fabelje vor seinem schweren Laptop sitzt und eine Warnmeldung mit der Überschrift „Pass auf! Hunor sieht alles!“ aufploppt, klingt es nach einem kleinen Scherz. Ist es auch irgendwie, denn programmiert hat diese Meldung ein 22-jähriger Student namens Hunor Emödi, er gilt als Spaßvogel.

Diese Warnmeldung kann im Ernstfall aber Leben retten. Denn Hunor Emödi und Hans Fabelje, 63, sind beim THW in Hürtgenwald aktiv. Jene Warnmeldung kann im Extremfall bedeuten, dass Feuerwehrleute, Polizisten und andere an einem Einsatz Beteiligte ein Gebäude verlassen müssen, weil es einzustürzen droht. Das genutzte System macht den Ortsverband Hürtgenwald seit 2015 besonders, denn in ganz NRW haben in Remscheid und Beckum nur zwei weitere Gruppen diese Technik.

Die Technik alleine, die sich Einsatzstellen-Sicherungs-System (ESS) nennt, reicht aber nicht aus, um der Feuerwehr bei heiklen Einsätzen auch die richtige Hilfe zu sein. „Um die Messungen am Laptop richtig einzuordnen, braucht es Fachleute“, betont Helmut Heuser, 58. Er leitet den Ortsverband und ist einer dieser Experten, die beim THW den Titel Baufachberater tragen. Heuser ist von Beruf Statiker. Die Hürtgenwalder Gruppe hat drei Baufachberater, und auch das macht sie besonders, denn in ganz NRW gibt es nur rund 15. Eben weil Hürtgenwald gleich drei Experten hat, hat die Gruppe das seltene, 40.000 Euro teure Gerät.

Die Werte, die der Tachymeter errechnet, sieht Hans Fabelje in sicherer Entfernung zum Einsatzort. Foto: Joachim Nußbaum

Fabelje und Heuser sehen auf dem Bildschirm drei Linien, an denen sich erkennen lässt, ob sich eine Wand, ein Dach oder ein tragendes Element bei einem beschädigten Gebäude bewegt, was das bloße Auge sonst nicht erkennt. Die Daten sendet ein sogenannter Tachymeter. Dieses dreibeinige Vermessungsgerät hat auch jedes Vermessungsbüro, das Besondere an der THW-Version ist die Sensortechnik, die Bewegungen registriert. Um die herauszufinden, werden zwei reflektierende Prismen an dem beschädigten Gebäude angebracht.

Der Tachymeter, der in bis zu 3000 Meter Entfernung stehen kann, fährt die beiden Fixpunkte alle 20 Sekunden mit einem Puls-Laser ab und vergleicht Winkel und Länge der Reflektion mit dem Ausgangswert. Bei Unterschieden ab 0,1 Millimetern ploppt die Meldung „Pass auf! Hunor sieht alles!“ auf. Unmittelbare Gefahr bedeutet das aber noch nicht. „Wir Baufachberater müssen die Werte interpretieren, weil die Bewegungen bei Holz andere Auswirkungen hat als bei Stahl oder Metall.“

Zwei dieser Prismen werden an einer Wand oder einem Dach befestigt. Der Tachymeter fährt sie alle 20 Sekunden ab, um zu ermitteln, ob sich das Dach bewegt hat. Ein drittes Prisma ist noch in sicherer Entfernung abseits des Gebäudes angebracht, mit dem die Experten feststellen, ob sich der Tachymeter unter Umständen auch bewegt. Denn dieser Umstand würde die Werte verfälschen und für falsche Entscheidungen bei den Baufachberatern führen. Foto: ZVA/Carsten Rose

Den letzten großen Einsatz hatte das Hürtgenwalder ESS-Team beim Brand an der Jülicher Zuckerfabrik Ende August. „Die Genauigkeit ist so gut, dass wir gesehen haben, wie sich das Dach verformt hat, als es angefangen hat zu regnen“, erzählt Hans Fabelje. Im Schnitt fährt die Gruppe dreimal im Jahr zu einem ESS-Einsatz. Zum Beispiel im Januar 2017, als in Heimbach ein Haus brannte, im Oktober desselben Jahres, als ein Transportzug die Heerwegbrücke rammte, und im Oktober 2015, als in Siegburg ein Felsrutsch drohte. Die Baufachberater alleine fahren bis zu zehnmal jährlich zu größeren Einsätzen – Helmut Heuser war 2009 beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs.

2012, als die Halle der Mülldeponie in Horm brannte, das THW das ESS aber noch nicht hatte, war Heuser ebenfalls als Experte vor Ort. Er warnte die Feuerwehr davor, dass ein Gebäudeteil einstürzen könnte, was auch passierte. „Pass auf! Helmut sieht alles!“ passt auch als Warnmeldung.

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