Düren: Selbstversuch: Die Konturen lassen sich nur noch erahnen

Düren : Selbstversuch: Die Konturen lassen sich nur noch erahnen

Mein Blickfeld besteht nur noch aus hell und dunkel, Konturen kann ich gerade noch erahnen, aber schon eine Stufe wird plötzlich zum Hindernis. Vorsichtig taste ich mich voran. Es fehlen die Kontrolle und ganz einfach der Überblick.

So fühlte ich mich beim Selbstversuch im Erlebnisgang der Christoffel-Blindenmission (CBM) mit einer Brille, die Grauen Star im Endstadium simuliert. Drei Tage konnten die Schüler des Nelly-Pütz-Berufskollegs so am eigenen Leib erfahren, was es heißt, blind zu sein.

Zunächst wurde mit dem Langstock auf dem Schulhof geübt. Kleine Hindernisse wie eine Säule oder ein Blumenbeet wurden mit geschlossenen Augen schnell zur Herausforderung. „Die Schüler sind hier jeden Tag und kennen das Gelände ja eigentlich wie ihre Westentasche“, sagt Frau Laufer, Lehrerin für Förderpädagogik. „Wenn man dann aber plötzlich nichts mehr sehen kann, ist das etwas ganz anderes.“ Laufer ist von dem Projekt begeistert.

Für sie ist es sehr wichtig, Inklusion nicht nur zu predigen, sondern tatsächlich Kontakt zu Menschen mit einer Behinderung aufzubauen. Bei Schüler Michael hinterließ der Erlebnisgang auf jeden Fall einen bleibenden Eindruck. „Es war schon sehr befremdlich“, sagt er. „Ich kann mir eigentlich gar nicht vorstellen, dass das für manche immer so ist.“

Dass man mit einer Sehbehinderung aber durchaus zu großen Leistungen fähig ist, konnten die Schüler in einem Workshop aus erster Hand erfahren. Mit der CBM waren nämlich auch der Co-Trainer der Deutschen Blindenfußball-Nationalmannschaft, Enrico Göbel, der 25-jährige Nationalspieler Taime Kuttig und seine Kollegin, die 19-jährige Katharina Kühnlein, zu Besuch. In der Aula probierten die Schüler unter ihrer Anleitung selbst mit Augenbinde und Rasselball aus, wie es ist, diese eigentlich so vertraute Sportart mal ohne den Sehsinn auszuüben.

Persönlicher Kontakt

„Fußball ist ideal, um Sensibilität zu schaffen“, erklärt Göbel. „Es macht Spaß, man ist in Bewegung und ganz nebenbei setzt man sich mit dem Thema Blindheit und Sehbehinderung auseinander.“ Gerade für die Schüler, die später zum Beispiel als Erzieher arbeiten wollen, sei der persönliche Kontakt wichtig. Göbel selbst hat keine Sehbehinderung, begeistert sich aber schon seit langem für den Sport und steht selbst im Tor, der einzigen Position, auf der uneingeschränkt Sehende zugelassen sind.

Beim Workshop zeigten die Nationalspeiler, was sie drauf haben. Den Pfosten hören und so zielsicher das Tor treffen — das beeindruckte die Schüler. „Es ist unglaublich, dass man so überhaupt Fußball spielen kann“, sagt Christine nach den Blindenfußballtraining. „Ich habe den beiden auch eben schon gesagt, dass ich echt Respekt vor ihnen habe.“

Taime Kuttig und Katharina Kühnlein teilen ihre Erfahrungen gerne. „Viele sind mit der Erfahrung, blind zu sein, erst mal überfordert“, sagt Taime. „Aber die meisten sind auch sehr neugierig und interessiert.“ Kollegin Katharina Kühnlein fügt außerdem noch hinzu: „Wir wollen zwar zeigen, wie es ist, nichts oder wenig zu sehen, aber gleichzeitig auch, dass das gar nicht so schlimm ist.“

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