Düren: Schule heute: War früher alles besser?

Düren: Schule heute: War früher alles besser?

Wie haben sich Schülergenerationen über Jahrzehnte verändert? „Schule hat heute einen anderen Stellenwert“, sagt Wilhelm Gödde, Leiter des Dürener Gymnasiums am Wirteltor (GaW). Der 62-Jährige beobachtet ein anderes Freizeitverhalten, eine veränderte Lesekompetenz und unterschiedliche Fertigkeiten der Jugendlichen. Aber er sagt im Gespräch mit DN-Redakteur Ingo Latotzki keineswegs: Früher war alles besser.

Mir ist vor einiger Zeit ein alter Stundenplan von mir in die Hände gefallen. 7. Klasse. Das ist mehr als 35 Jahre her. Damals waren 24 Wochenstunden offenbar normal. Heute haben Gymnasiasten in diesem Jahrgang 32, 33 Wochenstunden. Das sind auf den Monat gerechnet rund 32 Stunden, also eine heutige Schulwoche, mehr. Ist damit der Hauptunterschied zwischen früher und heute beschrieben?

Wilhelm Gödde: 24 Stunden? Ich kann das nicht bestätigen. Aus meiner eigenen Mittelstufenzeit auf der Realschule habe ich in Erinnerung, dass wir circa 30 Stunden unterrichtet wurden. Aber natürlich gibt es eine Verdichtung der Stunden, die vor allem in den Klassen fünf bis neun bemerkbar ist. Uns fehlt durch die kürzere Schulzeit bis zum Abitur ja ein Jahr. In der Oberstufe haben sich die Stunden in der Tat leicht erhöht.

Ist die höhere Stundenzahl denn der Hauptunterschied zwischen früher und heute?

Gödde: Nein. Schule ist heute viel mehr auf Gebieten tätig, wo andere sich zurückziehen. So muss Schule schon mal Aufgaben übernehmen, ohne ausreichend dafür ausgestattet zu sein.

Welche Bereiche meinen Sie?

Gödde: Zum einen das Elternhaus. Wir haben einen stark erhöhten Beratungsbedarf in Erziehungsfragen. Ein Unterschied ist auch, dass wir heute um Schüler werben müssen. Da setzt Beratung an. Dann geht es weiter in der Erprobungsstufe bei der Frage: Ist die Schulformwahl die richtige gewesen? Das ist für Eltern häufig der erste Berührungspunkt als kritisches Moment in der Schullaufbahn ihrer Kinder. Und wir erleben, dass Eltern heute weniger gelassen sind. Da spielt das gesamtgesellschaftliche Umfeld eine große Rolle. Manchmal muss ich schmunzeln, wenn ich mit Eltern über ein „Gut“ oder ein „Befriedigend“ diskutieren muss. Ich sage dann immer: Es bleibt doch das gleiche Kind.

Was hat Schule im Hinblick auf Erziehung zu leisten?

Gödde: Wir müssen disziplinarisch und pädagogisch tätig werden, mehr als früher. Verändert hat sich aber auch die Beratung in Berufs- und Studienfragen. Die Landschaft hat sich fundamental verändert. Es gibt viel mehr Angebote und Spezialisierungen. Wir Lehrer merken immer deutlicher, dass wir mit unserem eigenen Wissen an Grenzen stoßen.

Wie wird Schule erzieherisch tätig?

Gödde: Wir haben beispielsweise seit einiger Zeit einmal im Jahr einen Motorradsimulator im Haus, um die Risiken im Straßenverkehr deutlich zu machen. Das ist gerade für die kritische Zeit wichtig, in der die Schüler Fahranfänger sind. Schule soll aber auch für gesunde Ernährung zuständig sein. Es wurden überall Mensen gebaut, aber wenn man sich die Ausstattung und die finanziellen Mittel anschaut, können die Mahlzeiten nur eine bestimmte Qualität haben. Mensen sind nicht dauerhaft defizitär zu betreiben. Das heißt: Bei der Menge an Essen, die wir ausgeben, und bei dem Personal, das wir vorhalten und bezahlen müssen, kann das Essen nur eingeschränkten Qualitätskriterien genügen. Und leider wohnt Tim Mälzer nicht in der Nähe von Düren. Dennoch ist es uns geklungen, einen Caterer zu finden, der gute Qualität zu einem fairen Preis bietet.

Sind Schüler heute besser gebildet als Schüler vor 20, 30 Jahren?

Gödde: Sie sind anders gebildet. Ich mache das an einem kleinen Beispiel fest: Als ich 1972 Abitur gemacht habe, ist die Abiturfeier für uns von der Schule ausgerichtet worden, in recht kleinem Rahmen. Heute führt die Oberstufe parallel ein Wirtschaftsunternehmen mit Vor-Abifeten und Gruppen, die engagiert werden. Die Schüler präsentieren sich mit einem enormen Selbstbewusstsein. Schon das hätten wir damals nicht gehabt. Und was hätten uns unsere Eltern gesagt, wenn wir finanzielle Risiken bei der Abi-Fete eingegangen wären? Da werden heute manchmal Summen bewegt, bei denen man als Schulleiter neidisch werden kann, wenn man seinen eigenen Jahresetat sieht. Die Schüler haben also eine Qualifikation gewonnen, die wir früher nicht hatten. Wir hatten aber auch die Anforderung nicht. Unsere Kinder reagieren ja letztlich auf die Anforderungen, die die Gesellschaft stellt. Immer mehr Jugendliche arbeiten heute nebenher, um sich ihren Konsum leisten zu können. Dabei geht es um ihre Selbstdarstellung oder um das, was sie für ein lebenswertes Leben halten.

Gibt es Fertigkeiten, die frühere Generationen im Vergleich zu heutigen Jahrgängen hatten?

Gödde: Ja. Ich habe noch Kunst und Werken gehabt. Da wurde mehr Wert auf den haptischen, den handwerklichen Bereich gelegt. Werken gibt es heute gar nicht mehr, leider. Heutige Schüler sind denen von damals auf dem Feld der Medien um Längen voraus. Sie haben logischerweise viel mehr Verständnis für die technische Seite der neuen Medien. Und das ist auch gut so.

Abgesehen vom Unterrichtsfach Werken. Gibt es sonst noch Bereiche, in denen frühere Generationen einen Vorteil haben?

Gödde: Die motorischen Fähigkeiten der Schüler heute gehen linear zurück. Da tun mir heutige Generationen ein wenig leid. Wir produzieren virtuelle Welten, die eine Spannung und Ästhetik bieten, die über das reale Leben oft weit hinausgehen. Begegnungen mit der Natur zum Beispiel finden heute selten statt.

Gibt es Unterschiede im Wissen?

Gödde: Wir jonglieren heute mit viel mehr Wissen, aber nicht unbedingt mit mehr Grundwissen. Wenn einem 800 Vokabeln in einem bestimmten Bereich fehlen, kann man da nicht vernünftig kommunizieren. Das Gleiche gilt für die Grammatik. Heute stellen wir fest, dass häufig Dinge gekannt werden, aber nicht beherrscht. Viele sprechen beispielsweise mit einem vermeintlichen Wissen über die Erderwärmung, ohne die wirklichen Ursachen zu kennen. Früher wurden mehr Grundlagen gepaukt als heute.

Warum ist das so?

Gödde: Vielleicht wird heute zu sehr vermittelt, dass alles Spaß macht. Dabei wird vergessen, dass der Weg zu einer motivierenden Tätigkeit auch Kerner-Arbeit bedeuten kann. Es wird mitunter auch versäumt, an den Ursachen zu arbeiten, wenn ein Schüler schlechte Noten schreibt.

Sie haben vor einigen Wochen gesagt, Schule sei früher das wichtigste Ereignis des Tages gewesen. Heute müsse man fragen, welchen Stellenwert Schule noch habe. Wie haben Sie das gemeint?

Gödde: Manchmal hat Schule nicht mehr den Stellenwert, bei Schülern und Eltern. Früher schlossen Diskotheken sonntags spätestens um drei Uhr, heute können Schüler locker die Nacht durchmachen. Die Konsumwelt hat sich radikal geändert. Unsere Kinder sind damit aber auch stärker belastet, weil Ruhephasen fehlen.

Ist das zu ändern?

Gödde: Kaum. Wir versuchen, mit Beratung zu reagieren. Der eine versteht es dann, der andere nicht.

Wird Schule nicht ernst genug genommen?

Gödde: Das würde ich nicht sagen. Das Spektrum, in dem jugendliches Leben stattfindet, ist vielfältiger geworden. Heute ist doch vielfach ein Verlust von Kindheit zu beobachten. Jungen und Mädchen sollen an Dingen teilnehmen, mit denen sie eigentlich noch gar nicht zu belasten wären.

Wie hat sich die Lesefähigkeit im Vergleich zu früheren Generationen verändert?

Gödde: Ich glaube, dass wir heute anders lesen, mehr selektiv, mehr nach der Information suchend, die wir brauchen. Nicht umsonst ist „googeln“ ein deutsches Verb geworden. Zudem wird weniger darauf geachtet, wie variantenreich Sprache sein kann. Und dann fällt es heute sicher schwerer, komplexe Texte wirklich zu verstehen. Es fehlt die Übung. Die jungen Menschen sind heute viel mehr visuell ausgerichtet. Anderseits gibt es auch noch viele Schüler, die ausgiebig lesen.

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