Reaktionen aus Morschenich auf den Kohlekompromiss

Morschenich : Die Umsiedlung ist abgeschlossen. Fast.

Im Papier der Kohlekommission bleiben die Aussagen zu Morschenich vage. Bleibt der Alt-Ort erhalten? Kann er überhaupt gerettet werden? Immerhin ist die Umsiedlung weitestgehend abgeschlossen.

Das Haus von Bruno Rüth in Morschenich steht noch. In den nächsten Wochen soll es als eines der ersten abgerissen werden, die vorbereitenden Arbeiten dazu sind angelaufen. Rüth hat in der Nähe des Sportplatzes gelebt. Dort fallen momentan die Bäume, danach werden die ersten Häuser verschwinden. Rüth ist längst nach Morschenich-Neu umgesiedelt. Als Heimat würde er das nicht bezeichnen. „Ich habe immer gesagt, wir ziehen um. Es ist aber nicht meine neue Heimat geworden. Das gilt eher für meine Enkel“, sagt er. Rüth hängt an seinem alten Dorf, auch wenn er gelernt hat, relativ gelassen mit der Situation umzugehen.

Als Vorsitzender des Bürgerbeirates zur Umsiedlung von Morschenich hat er in den vergangenen Jahren nicht nur die Umsiedlung begleitet, sondern auch die Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst hautnah miterlebt. Und er hat sich immer wieder gewundert über Ortsfremde, die den Morschenichern erklären wollten, wie eine Umsiedlung funktioniert, oder vielleicht zuletzt, dass man sich doch über den Erhalt des Dorfes freuen könne.

Vieles von dem was er jetzt lese oder höre, sei Blödsinn, sagt Rüth. „Die Umsiedlung ist längst abgeschlossen“, betont er. Die Vorstellung, man könne hier ein Dorf mitsamt veralteter Infrastruktur noch erhalten, sei absurd. „Man hört immer Zahlen, hier würden noch viele Menschen leben. Das stimmt aber nur bedingt. Es sind noch knapp zehn Familien, einige Mieter und rund 140 Asylbewerber.“ Alles andere sei abgewickelt. „Alt-Morschenich gehört schon längst RWE“, macht Rüth deutlich, dass der Ort kaum noch künstlich erhalten werden könne, auch wenn der Boden nicht abgebaggert werden sollte.

Und das hat aus der Sicht von Rüth nichts mit den reinen Besitzverhältnissen zu tun, sondern mit der Substanz. Viele der inzwischen leer stehenden Häuser würden aus den 1950er und 60er Jahren stammen, seien stark renovierungsbedürftig, inzwischen längst geplündert. „Sie werden in den Häusern kein Fisselchen Kupfer mehr finden. Da ist alles rausgerissen worden, von sanitären Anlagen bis zu Elektroinstallationen. Selbst Stahlgullys auf den Grundstücken wurden von Einbrechern mitgenommen“, erzählt Rüth.

Der Friedhof von Morschenich ist Geschichte. Lediglich die Kirche könnte erhalten bleiben. Foto: ZVA/Sarah-Maria Berners

Hinzu komme ein anderes Problem: In vielen Bereichen von Morschenich stehe das Grundwasser sehr hoch. Wird ein Haus frei, schaltet RWE als erstes Strom und Wasser ab, die Pumpen im Keller laufen dann nicht mehr. „In vielen Häusern steht der Keller voll Wasser. Die sind alle nicht mehr bewohnbar“, sagt Rüth. Und: „Wenn man einzelne Gebäude stehen lassen würde, müsste die Infrastruktur aufrecht erhalten werden. Das bezahlt uns aber keiner. Zumal in den vergangenen 40 bis 50 Jahren nichts mehr geschehen ist, sondern nur noch repariert wurde.“

Wie schwierig die Diskussion um den vorzeitigen Ausstieg aus der Braunkohle und die damit verbundenen Folgen für einen Morschenicher ist, macht auch Michael Dohmes deutlich. Dohmes sitzt für die CDU im Gemeinderat, er ist Ortsvorsteher von Morschenich. „Die Umsiedlung ist für die Morschenicher zu mehr als 90 Prozent abgeschlossen. Am neuen Standort entsteht eine vollkommen neue Infrastruktur, vom Vereinshaus über die Sportplätze bis hin zur Kapelle und einer Kita. Das ist alles auf den Weg gebracht und wir haben es dabei geschafft, die Dorfgemeinschaft zu erhalten“, sagt Dohmes. „Sie werden niemanden in Morschenich-Neu finden, der an den alten Standort zurück will“, glaubt er.

Dennoch lässt ihn die nach wie vor ungeklärte Frage, was denn mit mit dem Hambacher Forst und dem Alt-Ort wird, nicht kalt. „Man ist sehr aufgewühlt und zum Teil auch würtend. Es fällt nicht leicht, nach vorne zu blicken. Erst recht, wenn man nicht weiß, was genau passiert“, gibt er zu. „In den vergangenen zehn Jahren hat sich alles immer um die Umsiedlung gedreht. In jedem Gespräch, egal ob mit Bekannten oder im Verein.“ Jetzt, wo sie fast abgeschlossen sei, bleiben Fragen. War das alles umsonst? Gehen die Diskusionen weiter? Bleibt die Einigkeit in der Dorfgemeinschaft? Fragen, auf die Dohmes noch keine Antwort hat.

„Wir kommen kaum zur Ruhe“, sagt er und bezieht das auch auf die Auseinandersetzung um den Hambacher Forst. „Die Politik muss jetzt zügig Lösungen schaffen, die dann hoffentlich auch von den Umweltaktivisten akzeptiert werden“, hofft er. „Wir wollen einfach nicht noch viele weitere Jahre hier Chaos erleben.“

Eine neue Baustelle 

Zumal Dohmes eine neue Baustelle auf die Kommune zukommen sieht. Der Ausstieg aus der Braunkohle wird Auswirkungen auf die Rekultivierung haben. „RWE kann nicht einfach um den Hambacher Forst drumherum baggern. Die Kohle liegt 400 Meter unterhalb von Morschenich. Man bräuchte acht Abbausohlen, um da dran zu kommen. Das funktioniert nicht“, sagt Bruno Rüth.

Das spräche dafür, dass der Alt-Ort erhalten bliebe. Und dann? „Wir wollen eine ordentliche Rekultivierung haben, sagt Michael Dohmes, Flächen, die abgebaggert wurden, sollen wieder nutzbar gemacht werden. Seine Befürchtung ist, dass die Morschenicher nach dem Kraftakt der Umsiedlung und dem Streit um den Hambacher Forst einen neuen Kampf führen müssen. Eine Sorge, die ihm mit dem vage gebliebenen Kompromiss der Kohlekommission der Bundesregierung nicht genommen wurde.

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