Raubkunst: Stadt Düren gibt Menzel-Grafiken zurück

Nazi-Raubkunst : Stadt Düren gibt drei Grafiken zurück

Drei Grafiken des Künstlers Adolph von Menzel (1815 bis 1905) wurden jetzt vom Leopold-Hoesch-Museum der Stadt Düren an die Erben des jüdischen Verlegers Dr. Gustav Kirstein und dessen Frau Clara zurückgegeben.

Ein vom Museumsverein in Auftrag gegebenes Provenienzgutachten von Dr. Kai Artinger hatte nach mehrjährigen Recherchen die Herkunft der drei Kunstwerke ermittelt.

Zum Hintergrund: Schon früh sind das Leopold-Hoesch-Museum – damals noch unter der Leitung von Dr. Renate Goldmann und die Stadt Düren sehr progressiv mit dem Thema Raubkunst umgegangen – auch, weil viele der Werke des Museums in den 30er Jahren angeschafft wurden. Der renommierte Provenienzforscher Dr. Kai Artinger hat im Rahmen eines knapp zweieinhalbjährigen Projektes, das mit Mitteln der Stiftung „Deutsches Zentrum Kulturgutverlust“ finanziert wurde, mehr als 2000 Werke des Leopold-Hoesch-Museums unter die Lupe genommen.

Das Ergebnis seiner Arbeit hat er in dem 216 Seiten starken Katalog „Unsere Werte? Provenienzforschung im Dialog“ zusammengefasst. Immerhin fünf Seiten beschäftigen sich auch mit den Menzel-Graphiken. Erst zuletzt hatte die Stadt Düren  für das Bild „Ostsee (Schiffe am Strand)“ von Karl Schmidt-Rottluff eine Lösung gefunden. Mit Jörg Benario wurde einer der Erben ausfindig gemacht.

Das Bild wurde zurückgegeben und dank der finanziellen Unterstützung der Kulturstiftung der Länder, des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft NRW, der Ernst-von-Siemens-Stiftung sowie der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien vom Leopold-Hoesch-Museum gekauft. Schmiddt-Rottluff gehört zu den bedeutendsten Vertretern des deutschen Expressionismus. Und die expressionistische Sammlung ist eine der wichtigsten Säulen des Leopold-Hoesch-Museums. „Manchmal“, sagt Museumsleiterin Anja Dorn, „schreibt Provenienzforschung auch schöne Geschichten. Hugo Bernario, der rechtmäßige Erbe des Bildes hat lange Zeit von dem Gemälde gar nichts gewusst. Und dann hat er einen Anruf von Kai Artinger bekommen. Wir freuen uns natürlich besonders, dass wir das Bild zurückkaufen konnten.“

Aber zurück zu den drei Menzel-Grafiken: Es handelt sich um die Werke „Angriff der Bayreuther Dragoner bei Hohenfriedberg“ (1843/1849), „Friedrichs unerwartetes Erscheinen in Lissa (1843/1849) und „Der König ringt mit dem Tode“ (1843/1849). Adolph Menzel ist einer der wichtigsten Vertreter des Realismus. Seine Ölgemälde zur Biografie von Friedrichs des Großen fanden breite Beachtung, und Menzel wurde zu einem der angesehensten Maler im Wilhelminischen Kaiserreich.

Dr. Gustav Kirstein war seit 1899 Mitinhaber des traditionsreichen Buch-, Zeitschriften- und Kunstverlages E.A. Seemann in Leipzig und von 1913 bis 1933 Vorsitzender des „Leipziger Bibliophilen Abends“, für den er auch die „Zeitschrift für Bücherfreunde“ herausgab. Außerdem war er Vorsitzender des Leipziger Kunstvereins und Mitglied des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Er kannte viele Künstler persönlich, darunter auch Menzel, und hatte im Kontakt mit dem Bildermuseum der Stadt Leipzig (heute Museum der bildenden Künste Leipzig) eine beachtliche private Kunstsammlung aufgebaut. 

Jüdische Abstammung 

Aufgrund ihrer jüdischen Abstammung wurden Dr. Gustav Kirstein und seine Frau Clara nach dem 30. Januar 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt. Dr. Kirstein wurde aus dem Verlag gedrängt und gezwungen, seine Ehrenämter und Funktionen aufzugeben und verstarb in der Folge am 14. Februar 1934. Clara Kirstein entschied sich unter dem Druck der Verfolgung, ihren beiden Töchtern, die bereits in die USA emigriert waren, zu folgen. Sie bemühte sich, Vermögenswerte, für die sie keine Ausführungsgenehmigung erhalten konnte, zu verkaufen. Es wurde ihr untersagt, ihre Kunstsammlung ins Ausland zu bringen, und sie wurde gezwungen, einen großen Teil ihres Vermögens zu liquidieren, um die enteignungsgleichen Steuerforderungen der nationalsozialistischen Finanzbehörden, wie Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe bezahlen zu können.

Die drei Menzel-Grafiken befanden sich bei einer Anzahl von Kunstwerken, die sie in der Auktion „Deutsche Handzeichnungen der Romantikerzeit, Deutsche Graphik des frühen XIX. Jahrhunderts, Alte Zeichnungen verschiedener Schulen bei C. G. Boerner“ am 28. April 1939 anbot, und die dort verkauft wurden. „Dabei“, so heißt es in dem Text Kai Artingers, „handelte es sich keineswegs um ein freiwilliges Geschäft.“ Die Stadt Düren kaufte die drei Grafiken im Jahr 1956 aus der Sammlung des Dürener Malers Hans Beckers. Der hatte sie 1939 zusammen mit drei weiteren Menzel-Blättern bei C.G Boerner gekauft. Ob er den Hintergrund der Grafiken kannte, ist unklar. 

Das Leben genommen 

Als die Gestapo Clara Kirstein einen Tag vor ihrer Ausreise den Reisepass entzog und ihr die Deportation in ein Konzentrationslager ankündigte, nahm sie sich am 29. Juni 1939 das Leben. Ihre Erben leben heute zum Großteil in New York und sind froh, dass sie die Grafiken zurückbekommen haben.

Im Zuge der Restitution möchte die Stadt Düren noch ein zweites Ölgemälde zurückkaufen, nämlich „Bild mit Tieren“ von Heinrich Campendonk. Das Verfahren läuft bereits und soll im kommenden Jahr abgeschlossen sein.

(kin)
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