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Poetisch und packend: Raoul Schrott liest seine „Geschichte des Windes“

Poetisch und packend : Raoul Schrott liest seine „Geschichte des Windes“

Der österreichische Autor Raoul Schrott kommt nach seinen historischen Enthüllungen aus der Antike und dem Weltepos unserer Heimat immer näher. Zum dritten Mal las und erzählte er im Rahmen der von Dr. Achim Jaeger moderierten Reihe „Lesung und Gespräch“ in der Aula des Stiftischen Gymnasiums.

Fast zwei Stunden faszinierte er das Publikum mit seiner markanten Stimme. Im Jahrhundert der Weltentdeckungen der wachsenden europäischen Kolonialmächte mit den großen Namen von Kaiser Maximilian, seinem Enkel Karl V. und den Fuggerkaufleuten entdeckt er bei den berühmten Seefahrern im Konkurrenzkampf der Spanier und Portugiesen einen unbedeutenden Öcher Jong als Matrosen. In seinem neuen Roman „Eine Geschichte des Windes oder von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal“ erzählt Schrott im Stil dieses langen Titels barocker Schelmengeschichten von seinen Recherchen über Magellans Reisen.

Mit funkenprühender Sprachgewalt artikulierte er die elementaren Erlebnisse zwischen den lukrativen Reisen zu den Gewürzinseln der Molukken und den gefährlichen Seewegen nach Westen durch die Magellanstraße bei Kap Horn. Aus dem Roman ohne Seitenzählung, aber mit 120 lesefreundlichen, teils sehr kurzen Episodenkapiteln wählte er drei Stücke aus, mit denen er die Zuhörer in den Bann schlug. Die Gestik seiner Arme bis in die Fingerspitzen und die dramatischen Modulationen seiner Stimme ließen Gefahren und Emotionen hautnah spüren. Denn „Eine Geschichte des Windes“ klingt verharmlosend gegen die umwerfende Kraft der Stürme und Wellen zwischen den Küsten und Klippen.

Von Aachen zur Seefahrt

Wie kommt der Schriftsteller zu diesem Thema? Zu Plänen der 500-Jahr-Jubiläen über Magellan kamen Film und Fernsehen nicht so recht weiter, so dass Schrott mehrfach angesprochen wurde und sich zu eigenen Recherchen aufmachte, um sagenhafte historische Darstellungen einzuordnen.

Seine Erlebnisse von Punta Arenas bis Feuerland und auf den Osterinseln ließen ihn spüren, wie anstrengend und aufregend für Menschen mit dem damaligen Weltbild die Begegnungen mit Einheimischen und fremden Tieren waren. Unvorstellbar, wie sie ohne genaue Karten und Ortsvorstellungen mit riskanter Navigation Wege suchten, Ängste, Gefahren und Krankheiten maßlos dezimiert überlebten. Aufregend schon die Frage, wie der junge Hannes, dessen Eltern bäuerlichen Besitz in Holland verloren hatten, von Aachen zur Seefahrt kam.

Die Ereigniskette der Wirtschaft heißt Erzgewinnung, Messingverarbeitung, große Nachfrage nach besonderen Legierungen, Qualität für Glocken und Kanonen. Dann Lieferungen ins kaiserliche Innsbruck, das für Hannes Tor zur Welt wird, als er die Heimat verlässt und Kanonier wird.

In Sevilla hat Raoul Schrott die Gerichtsakten über die Prozesse studiert, weil es auf den Schiffen zu Meutereien, Mord und Totschlag kam außer den elenden Lebensbedingungen, bei denen von 500 Mann auf fünf Schiffen 18 lebend zurückkamen. In den Akten steht der Name des Hannes aus Aachen mit einem Kreuz für seine Unterschrift. Was er erlebte, konnte Schrott aus den dokumentierten Ereignissen der Flotten „wahrheitsgemäß erfinden“. Dazu gehörten große Enttäuschungen, weil selbst die Überlebenden um ihren Lohn betrogen wurden.

Denn die maritimen Abenteuer waren seit den enorm kostbaren Importen der Gewürze zu Vorwänden für kapitalistische Unternehmen und Goldgier inszeniert worden. Mit grausamen, tragischen und komischen Szenen klangen sie für einen der Zuhörer „fast wie eine Büttenrede“. Atemlos beim Zuhören gab es wenige Nachfragen, als Dr. Jaeger dem Autor und den vielen Helfern der Veranstaltung dankte und zur nächsten Lesung animierte.