Langerwehe: Prinz mit kurdischen Wurzeln feiert mit Wehter Jecken

Langerwehe: Prinz mit kurdischen Wurzeln feiert mit Wehter Jecken

Wenn Prinz Hanifi I. die Bühne entert, ruft er seinem närrischen Volk zunächst einmal ein fröhliches „Êvarba“ zu. Das ist kurdisch und bedeutet so viel wie „Guten Abend“. Hanifi Can ist Prinz Karneval, seit November regiert er gemeinsam mit seiner Frau Astrid Natus-Can die Jecken in der 14.000—Seelen-Gemeinde Langerwehe. Und versucht seitdem den Brückenschlag zwischen den Kulturen.

„Es ist mir wichtig“, sagt Hanifi Can, der im Forschungszentrum Jülich arbeitet, „dass beide Kulturen in unserer Zeit als Prinzenpaar eine Rolle spielen. Das fängt bei unserem Prinzenmotto an, spiegelt sich in unseren Kostümen wieder und spielt letztlich auch beim Êvarba eine Rolle.“

„Sed parat für oser Prinzenpaar vom Wehebach und Ararat“, heißt Astrid und Hanifi Cans Motto. Der Wehebach ist das Mini-Flüsschen, das durch Astrid Natus-Cans Heimat fließt, der Ararat ist ein Berg in der Türkei. Hier in der Nähe liegen Hanifi Cans Wurzeln. Der Narrenherrscher der Töpfergemeinde trägt keine kurzen Hosen, keine weißen langen Strümpfen und auch keine Narrenkappe im herkömmlichen Sinn — genauso wenig wie Astrid Natus-Can im Prinzessinnenkleid durch die Säle zieht. Beide tragen vielmehr Pumphosen, der Prinz dazu eine Fes, die typische osmanische Kopfbedeckung. Die allerdings hat er mit Prinzenfedern dekoriert.

„Sonst“, sagt Hanifi Can, „sind die Prinzenkostüme sich ja immer ziemlich ähnlich und unterscheiden sich nur durch die Farben. Mir war es wichtig, dass unser Kostüm ein bisschen orientalisch ist. Karnevalistisch wird es ja durch die Prinzenkette, die Orden und das Zepter.“ Für Prinzessin Astrid hat die Pumphose auch rein praktische Vorteile. „Man kann sie waschen“, schmunzelt die 47-Jährige.

Ihr Kostüm, sagen die beiden Narrenherrscher, sei für viele der Karnevalisten, die sie bei ihren Auftritten treffen würden, schon eine ziemliche Überraschung. „Aber trotzdem begrüßen die Menschen uns sehr freundlich“, so Hanifi Can. „Die Stimmung ist toll.“

Dass die beiden Langerweher irgendwann einmal Prinzenpaar werden, stet schon lange fest. Astrid Natus-Can ist an einem Rosenmontag geboren, Ehemann Hanifi hat genau wie das zweie Kinder der beiden Rosenmontag 2014 Geburtstag. Tochter Yasemin ist seit elf Jahren Funkenmariechen bei der KG „Pannebäckere“, der Heimatgesellschaft der beiden. „Meine Frau liebäugelt schon lange damit, Prinzessin zu werden“, schmunzelt Hanifi Can. „Und alleine wollte ich sie auch nicht auf die Bühne lassen.“

Hanifi Cans Vater ist als einer der ersten Gastarbeiter Ende der 60er Jahre nach Deutschland gekommen, um bei Ford zu arbeiten. Seine Frau und Hanifis jüngere Geschwister hat er mitgebracht. „Ich war schon sechs Jahre und musste in die Schule“, erinnert sich Hanifi. „Deswegen bin ich bei meinem Onkel geblieben.“ Erst nach dem Abitur 1980 ist Hanifi Can auch für immer nach Deutschland gekommen. 1991 hat er seine Frau geheiratet, vor 20 Jahren ist das Paar in Astrid Natus-Cans Heimatgemeinde Langerwehe gezogen.

„Die Gesellschaft“, so die studierte Politikwissenschaftlerin, „hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten schon sehr verändert.“ Astrid Natus-Can erklärt auch gleich, was sie damit meint. „Als ich meinen Mann vor 30 Jahren kennen gelernt habe, waren die Anfeindungen schon sehr groß.“ Ihre Eltern seien beispielsweise gefragt worden, ob sie denn jetzt Knoblauch anstatt Kartoffeln im heimischen Garten anbauen würden.

„Einmal stand mein Vater sogar mit der Polizei am Bahnhof, als ich von der Uni nach Hause kam, weil er Entführungsdrohungen bekommen hatte. Jetzt erfahren wir nur eine positive Resonanz. Das tut einfach sehr gut.“ „Man muss aber auch“, ergänzt Hanifi Can, der seit 1996 die deutsche Staatsbürgerschaft hat, „auf die Leute zugehen. Mit den Menschen sprechen. Dann kann man Vorurteile abbauen. Und das will ich in meiner Zeit als Karnevalsprinz auch.“

Bedeutet also für Prinz Hanifi I. eine Session als Narrenherrscher die totale Integration? Oder anders gefragt: Ist man in einer anderen Kultur angekommen, wenn man Karnevalsprinz wird? „So würde ich das nicht formulieren“, sagt Hanifi Can. „Karneval ist ein Teil der Integration. Aber natürlich längst nicht alles.“ Integration bedeutet für Hanifi Can vielmehr auch am gesellschaftlichen Leben in seinem Dorf teilzunehmen. „Ich trainiere die B-Juniorinnen beim TuS 08 Langerwehe. Das ist Integration.“ Genau wie Blutspenden. Can: „Das ist mein Ernst. Es ist bei uns Muslimen ganz unüblich, Blut zu spenden. Aber auch das ist ein wichtiges Thema. Ich denke ernsthaft darüber nach, meine 50. Blutspende im März im Prinzenkostüm zu absolvieren.“

Übrigens gibt es in Hanifi Cans Heimat nichts, was man mit dem rheinischen Karneval vergleichen könnte. „Absolut nicht.“ Ob es für Muslime verboten ist, Karneval zu feiern oder Prinz zu sein, vermag Hanifi Can nicht wirklich zu sagen. „Man findet bestimmt Gelehrte, die sagen, dass das verboten ist“, sagt Hanifi Can. „Wir haben einfach Spaß, gehen mit viel Elan an die Aufgabe heran. Und deswegen ist das, was wir tun, auch gut.“

Astrid Natus-Can und Hanifi Can haben es keine Minute bereut, Prinzenpaar der „Pannebäckere KG“ geworden zu sein. Im Gegenteil: „Es war eine tolle Zeit. Und es sind im Laufe der Session immer mehr Auftritte dazu gekommen“, erzählt Astrid Natus-Can. „Scheinbar sind wir schon für die Leute interessant.“

Höhepunkt ihrer Session wird ganz sicher der traditionelle Karnevalszug am Sonntag in Langerwehe sein. „Mein Fußballverein“, sagt Hanifi Can, „wird mit 130 Leuten beim Zug mitgehen. Und sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift ‚Der TuS ist Prinz’. Das ist für mich eine wunderschöne Geste. Darüber freue ich mich sehr.“

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