Politische Jugend will Gegengewicht sein

Mitgliederzuwachs im Kreis Düren : Politische Jugend will Gegengewicht sein

Das aktuelle politische Geschehen in Deutschland, Europa, der ganzen Welt – es polarisiert. Politische Diskussionen scheinen lauter und öfter geführt zu werden. Ist es noch zeitgemäß, keine politische Meinung zu haben? Hat das Einfluss auf die Jugendorganisationen der Parteien hier im Kreis? Ist dort vielleicht sogar ein Anstieg der Mitgliederzahlen spürbar?

„Absolut“, antworten Vertreter der Jungen Union (JU), der Jungen Sozialen (Jusos), der Jungen Liberalen (JuLis) und der Grünen Jugend (GJ) unisono. Sie erklären, woran das liegt, wie sie sich von den im Schnitt deutlich älteren Politikern vertreten fühlen und welche Themen sie bewegen.

Bei der Grünen Jugend spürt man seit Anfang des Jahres einen deutlichen Mitgliederzuwachs. Bis dahin kamen zu den zweiwöchentlichen Aktiventreffen zwischen zehn und 15 Personen. Mittlerweile sind es 30. Während viele wegen dem Hambacher Forst und dem Thema Nachhaltigkeit in die GJ kamen, zog bei den Jusos vor allem die Groko-Debatte. „Da hatten wir großen Zulauf und der hat sich gehalten“, sagt Dominik Schröteler (29).

Als Kreisvorsitzende der Jungen Union nimmt Julia Dinn (31) mit jedem neuen Mitglied anfangs Kontakt auf. Dabei kommen auch die Fragen „Warum wir?“ und „Warum jetzt?“ zur Sprache. Oft wurde ihr dann als Grund die AfD genannt. „Was die machen ist einfach ein ganz großer Schritt in die falsche Richtung. Wir wollen ein großes Gegengewicht sein“, stellt Dinn klar.

Sich selbst sehen viele Jugendorganisationen aber auch innerhalb der eigenen Partei als Gegengewicht. Nicht ohne Stolz erzählt Schröteler, dass die Jusos während der Groko-Debatte eine eigene Kampagne umgesetzt haben. „Das hat große Wellen geschlagen“, sagt der Dürener und der 20-jährige Dariush Kutschak Alawi ergänzt aus seiner JuLi-Perspektive: „Vieles formulieren wir strenger, klarer als die Mutterpartei. Wir stellen auch mal die vorherrschende Meinung auf den Kopf.“ Er hat oft gehört, dass junge Menschen davon ausgehen, wer in einer Partei ist, müsse mit der Parteimeinung konform gehen. Da widerspricht er vehement: „Man muss nicht stromlinienförmig mitlaufen – im Gegenteil. Ich würde sagen, in 30 Prozent der Fälle bin ich nicht mit der FDP-Meinung konform.“ Wichtig sei nicht, welche Meinung jemand hat, sondern dass man eine Meinung habe. „Viele Jugendliche haben noch nicht verstanden, wie wichtig es ist, klare Kante zu zeigen.“

Dariush Kutschak Alawi (im Bild links) ist seit September 2013 bei den JuLis, Giacomo Klingen seit 2017 bei der Grünen Jugend. Foto: ZVA/Anne Welkener

Auf diesem Weg der Meinungsbildung seien die Jugendorganisationen der Parteien ein „geschützter Ort“, findet Julia Dinn aus Langerwehe. „Da kann die junge Generation unter sich diskutieren, das ist ein großer Vorteil.“ Der Begriff der „jungen Generation“ greift dabei von Partei zu Partei unterschiedlich weit. Eintreten können Schüler in drei Organisationen ab 14 Jahren, bei der GJ Düren schon früher. Während JU und Jusos auch noch 35-Jährige in den eigenen Reihen haben, sind die Ältesten bei den JuLis und der GJ 30.

Trotz leichter Unterschiede bei der Altersgrenze gilt doch für alle politischen Jugendorganisationen, dass die Lebenswelt der Mitglieder stark differenziert: Die Spanne reicht vom Achtklässler bis zum Familienvater, von der Pubertät bis zur Berufskarriere. Um den Jüngsten gerecht zu werden, gibt es als CDU-nahe Organisation zusätzlich die Schüler-Union. Aber unabhängig davon sei die große Altersspanne eher eine Bereicherung, meint Dinn, und Schröteler stimmt zu: „Das ist eher spannend als schwierig. Die verschiedenen Sichtweisen bringen interessante Ansichten mit rein, gerade bei komplexen Themen.“

Aber sehen die Jungpolitiker ihre Ansichten auch ausreichend vertreten? „Die Politik ist erschreckend alt“, findet Giacomo Klingen. Der 22-jährige Golzheimer ist seit 2017 in der Grünen Jugend und kritisiert: „Der Klimawandel wird von den Älteren gestaltet, ist aber ein Thema für die jungen Leute. Wenn wir Anfang 50 sind, müssen wir mit der Katastrophe leben. Das Problem sehen wir schon.“ Die Jungpolitiker sind sich bewusst, dass zwischen dem Altersdurchschnitt in Parlamenten und Gremien und ihren eigenen ältesten Mitgliedern nicht nur Jahre, sondern vielleicht Jahrzehnte liegen.

Sie sehen aber auch, dass in den Gremien ein Querschnitt durch die Gesellschaft abgebildet sein sollte: Die Parlamente sollten verjüngt werden, aber nicht im Übermaß, heißt es von den Jusos. „Gerade kommunal sollten wir darauf hinarbeiten, junge Leute zu stärken“, sagt Schröteler. Julia Dinn begrüßt, dass ihr Parteivorsitzender das Ziel hat, in jedem Kommunalrat ein JU-Mitglied unterzubringen, und ist froh, dass auf Landes- und Bundesebene bereits einige junge Gesichter vertreten sind. „Es ist Spielraum in alle Richtungen, aber wir stehen nicht bei null.“

Potenzial der Jugend nutzen

Auch thematisch haben die hiesigen Jugendorganisationen einiges auf dem Zettel: Die Grüne Jugend hat unter anderem zu den Themen Tierindustrie, Klimagerechtigkeit und nachhaltiger Konsum Arbeitsgruppen gegründet und möchte damit – beispielsweise an Infoständen in der Innenstadt – möglichst viele Menschen erreichen. Dominik Schröteler sieht freies Internet als ein wichtiges Thema an. „Das würde Düren für Konsumenten und Unternehmen interessanter machen“, ist seine Meinung. Deshalb haben die Jusos auch einen Antrag für den kommenden Kreisparteitag gestellt, um konkrete Maßnahmen für die Digitalisierung festzulegen. Julia Dinn schließt sich an: „Digitalisierung ist die Querschnittsaufgabe – im Großen wie im Kleinen.“ Zusätzlich sieht sie mit den Augen der jungen Generationen noch auf die ärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten, auf den Strukturwandel und den öffentlichen Nahverkehr. In diesem Zusammenhang ergänzt Dariush Kutschak Alawi, dass die JuLis ein Azubi-Ticket spannend fänden, er unterstreicht aber auch noch mal die Wichtigkeit der Themen Strukturwandel und Digitalisierung.

Manche Themen, so sagen die Vier aus Erfahrung, seien besonders gut, um politisches Interesse bei Jugendlichen zu wecken. Grundsätzlich sind sie sich einig, dass das Bild von der politikverdrossenen oder desinteressierten Jugend ein Vorurteil ist. „Jugendliche sind sehr politikinteressiert“, betonte Kutschak Alawi, und Klingen ergänzt: „Es ist unsere Aufgabe als Jugendorganisationen, dieses Potenzial auszuschöpfen.“

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