Auch mit 80 noch auf Tournee: Peter Kraus über den Rock’n’Roll, sein Leben und die Fans

Auch mit 80 noch auf Tournee : Peter Kraus über den Rock’n’Roll, sein Leben und die Fans

Weiter, immer weiter. Am Montag wird Peter Kraus 80 Jahre alt, doch der Mann, der einst als Teenager den Rock’n’Roll in den deutschsprachigen Raum brachte, denkt gar nicht da­ran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen.

Lieber rüstet er sich für seine nächste große Tournee. Am 25. November wird er in der Arena Kreis Düren auftreten. Im Gespräch mit Steffen Rüth macht er einen sehr drahtigen, agilen und aufgeweckten Eindruck. Der Schalk sitzt ihm eindeutig nach wie vor im Nacken.

Herr Kraus, vor fünf Jahren tourten Sie unter dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“. Jetzt folgt „Die Große Jubiläumstour“ auf der Basis Ihres Programms „Schön war die Zeit! Die Kulthits der wilden 50er & 60er“. Haben Sie es aufgegeben, Ihren Abschied von der Bühne zu verkünden?

Peter Kraus: Die Fans lassen mich nicht aufhören! Vor fünf Jahren hatte ich wirklich den Gedanken, es langsam ausklingen zu lassen. Aber dann kam die Idee, eine Tournee mit meinen liebsten Klassikern aus den 50er und 60er Jahren zu machen, darunter sind Stücke von Bill Ramsey, Tom Jones oder Vico Torriani und natürlich auch einige von mir. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, die alten Lieder zu singen. Im Programm werden wir auch „Die Straße der Vergessenen“ haben, das ist der erste Song, den ich überhaupt in meinem Leben aufgenommen habe. Das war 1956.

Aber so richtig ernsthaft wollen Sie auch gar nicht Schluss machen, oder?

Kraus: Nein, eigentlich nicht. In meinem Alter kann immer was passieren, und wenn ich es auf der Bühne nicht mehr bringe, den Hüftschwung nicht mehr packe, dann höre ich wirklich auf. Nur dafür bewundert zu werden, noch gerade stehen zu können, das ist nicht mein Ziel. Jetzt freue ich mich jedenfalls, die alten Nummern aufleben zu lassen.

Sind Ihre Fans so alt wie Sie?

Kraus: Einige schon. Viele Hardcorefans sind seit mehr als einem halben Jahrhundert dabei. Aber zu mir kommt ein relativ junges Publikum. Das ist mir auch wichtig. Die Musik war früher einfach gut. Sie war facettenreicher, und ich finde es schön, den jungen Leuten diese Lieder näherzubringen. Was heute produziert wird, ist oft sehr einheitlich, besonders in der Schlagerwelt.

Sie haben vor fünf Jahren ein Duett mit Helene Fischer aufgenommen, „Wär’ heut mein letzter Tag“ heißt der Song. Gilt Ihre Kritik auch für sie?

Kraus: Nein, Helene Fischer ist eine großartige Künstlerin. Es ist fantastisch, so jemanden zu haben. Sie macht das sehr geschickt, indem sie gängige Schlagermusik sehr hochwertig und glanzvoll aufbereitet. Helene macht großes Kino.

Wer sind denn Ihre Hardcorefans?

Kraus: Das sind hauptsächlich Frauen.

Ist das Gefühl für Sie da oben auf der Bühne noch dasselbe wie mit 17?

Kraus: Ja. Das verändert sich nicht. Zu singen und in die Gesichter glücklicher Frauen zu blicken, das ist mit 80 genauso schön wie als Teenager. Es fliegen sogar noch Schlüpfer auf die Bühne. In allen erdenklichen Größen (lacht).

Wundern Sie sich manchmal, wie schnell die Zeit vergangen ist?

Kraus: Ja, aber ich kann sagen, dass ich mein Leben bis hierhin wirklich ausgekostet habe. Ich habe wirklich viel erlebt. Das Leben war und ist sehr bunt.

Sie waren in den 50er Jahren mit dafür verantwortlich, dass der Rock’n’Roll auch in Deutschland populär wurde. Was war der Rock’n’Roll für Sie?

Kraus: Ein richtiger Aufstand. Eine Revolution. Plötzlich mussten wir nicht mehr die Musik unserer Eltern hören, sondern hatten unsere eigenen Hits. Ich habe den Rock’n’Roll mit 15 entdeckt und war sofort begeistert. Mit 16 wollte ich zusammen mit Freunden eine Band gründen. Es gab noch nicht mal E-Gitarren, also habe ich mir meine erste Gitarre selbst gebastelt, mit einem zum Verstärker umgebauten Radio. Das war ein Riesenspaß. Dann kam die Schauspielerei, und eigentlich wollte ich ja am liebsten Regisseur werden. Dass ich im reifen Alter noch auf der Bühne stehen und Rock’n’Roll-Songs singen würde, hat sich damals keiner vorstellen können – ich auch nicht. Doch ich bin immer wieder zu dieser Musik zurückgekommen, und nach wie vor gefällt sie mir besser als alles andere.

Wird die Rockmusik mit Ihnen alt?

Kraus: Ich sehe das nicht so dramatisch. Es gibt immer noch viele junge Leute, die in Rockbands spielen. Der Rock’n’Roll ist heute eine etablierte Musikrichtung wie Blues und Jazz. Aussterben wird er sicher nicht.

Was läuft bei Ihnen im Auto für Musik?

Kraus: Gar keine! Ich kann mich beim Musikhören nicht auf andere Dinge konzentrieren. Untermalungsmusik läuft bei uns zu Hause nicht, und im Auto schon gar nicht. Ich mag Ruhe. Ich meide auch Kaufhäuser, in denen man mit Musik berieselt wird.

17 Jahre jung und auf dem Weg zum Erfolg: Peter Kraus am 18. Dezember 1956 in München. Foto: dpa/A0390 Horst Schaefer

Also muss Ihre Frau einkaufen gehen?

Kraus: Die mag das auch nicht (lacht).

Warum sind so viele Lieder aus der damaligen Zeit Klassiker geworden?

Kraus: Mein Produzent sagte immer „Einen Hit erkennst du daran, dass du ihn auch auf einem Kamm blasen kannst.“ Früher war die Melodie das Entscheidende, heute geht es vor allem um technischen Firlefanz. Alles muss Remmidemmi sein, egal, ob Protestsong oder schnulzige Liebesballade.

Auch Ihre Kollegen wie Tom Jones, Cliff Richard, Rod Stewart oder Adriano Celentano sind nach wie vor aktiv. Warum macht Euch das Älterwerden so wenig aus?

Kraus: Wir sind gute Jahrgänge. Aufgewachsen mit viel Schwung und einem positiven Lebensgefühl. Der Krieg war noch nicht lange vorbei, wir wollten etwas aufbauen und mit Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin viel erreichen. Die Aufbruchstimmung in den 50er Jahren hat mich stark geprägt.

Sie sagen „Aufbruchstimmung“, heute spricht man auch oft vom „Mief“ der Fünfziger. Wie haben Sie das empfunden?

Kraus: Es heißt ja heute oft, die Fünfziger seien prüde gewesen, aber das stimmt nicht. Wir hatten unseren Spaß. Man hat eben nur nicht alles an die große Glocke gehängt, sondern einfach den Mund gehalten. Früher gab es noch Geheimnisse. Heute weiß ja wegen Internet und Handy immer sofort jeder über alles Bescheid. Schrecklich. Also, die Fünfziger waren eine wilde Zeit.

Ein Traum für einen Teenager, so ein Leben wie Ihres.

Kraus: Ja, schon. Ich habe das genossen. Heute hast du ja schon Neunjährige, die werden auf Youtube schwerreich. Aber damals war so eine Karriere für einen 16-Jährigen eine Sensation. Ich habe so viele schöne Erinnerungen, auch an meine Arbeit als Schauspieler. Größen wie Heinz Rühmann und Hans Albers waren gewissermaßen meine Lehrer.

Sie werden am 18. März 80, und am 1. Oktober feiern Sie Goldene Hochzeit mit Ihrer Frau Ingrid. Worauf freuen Sie sich mehr?

Kraus: Also, 50 Jahre verheiratet zu sein, das ist schon beachtlich, oder? Meine Frau bekommt einen Orden.

Wofür hat sie den verdient? Ist es so schwer mit Ihnen?

Kraus: Meine Frau hat es mit mir schwerer als ich mit ihr. Das bedingt mein Beruf. Und doch: Unsere Ehe läuft gut, und wir sind nach wie vor wie die Turteltauben. Ingrid ist für mich da und hilft in jeder Situation: Sie ist Ehefrau, Mutter, Geliebte, alles in einer Person. Als wir geheiratet haben und der Micky zur Welt kam (1973 wurde Sohn Mike geboren, Anm. d. Red.), hat sie ihren Beruf als Fotomodell an den Nagel gehängt und ist Ehefrau und Hausfrau geworden. Das hat sich ja heute sehr verändert, Ich glaube, es erschwert eine Ehe, wenn beide Partner arbeiten.

Führen Sie eine altmodische Ehe?

Kraus: In der Form schon. Es war eine andere Zeit.

Wie hält es ein wilder Rock’n’Roller mit der guten, alten ehelichen Treue?

Kraus: Als ich mit der Ingrid zusammenkam, hatte ich mich wirklich ausgetobt. Das war ein schöner Lebensabschnitt gewesen, aber ich war das auch ein bisschen leid. Etwas anderes musste her, eine feste Beziehung. Die Ehe war ein radikaler Schnitt für mich, sie hat alles geändert, ich hatte nun Familie und ein neues Leben. Ich kenne Menschen, die versuchen, ihr ganzes Leben so zu verbringen, als seien sie 20. Das war nie mein Wunsch. Veränderungen machen das Leben doch erst interessant.

Wie leben Sie denn heute?

Kraus: Dem Alter angepasst. Ich lebe am Luganer See und in Gamlitz in der Südsteiermark, südlich von Graz an der Grenze zu Slowenien. Dort haben wir einen Bauernhof mit Tieren und einen Weinberg. Ich baue meinen eigenen Wein dort am Labitschberg an, der schmeckt super.

Sind Sie ein Weinkenner?

Kraus: Kenner nicht, aber Liebhaber. Meine Frau kennt sich besser aus, sie hat einen feinen Geschmack. Dafür vertrage ich mehr.

Was ist mit fast 80 besser als mit 40?

Kraus: Ich kümmere mich viel stärker als früher um meine Freundschaften.

Holen Sie da auch was nach?

Kraus: Nee, so viele Freunde von früher sind gar nicht mehr da oder zu müde. Fast alle meine Freunde sind heute wesentlich jünger als ich. Wobei ich nicht das Gefühl habe, dass die jünger sind.

Sie halten gut mit?

Kraus: Ja. Ich mache sehr viel Sport, fahre am liebsten Ski – auf dem Wasser und im Schnee.

Sie sehen wirklich fit aus.

Kraus: Das bin ich auch. Meine innere Unruhe treibt mich an. Ich muss immer was zu tun haben. Übungen im Fitnessstudio sind mir zu langweilig. Wasserski ist ja eigentlich ein verrückter und relativ gefährlicher Sport, und das Wasser kann mehr weh tun, als man glaubt. Trotzdem: Ich liebe das. Was mich auch begeistert, ist das E-Bike. In der Südsteiermark haben wir richtig schön knackige Berge.

Können Sie auch mal einen Abend auf dem Sofa sitzen?

Kraus: Nur, wenn ein spannendes Fußballspiel läuft.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Kraus: Ich habe nicht mehr den Drang, die Welt zu erobern und weiß Gott wohin zu fahren. Ich genieße lieber das, was ich habe. Meine Oldtimer, meine Hobbys, meine Familie. Ich schraube gerne an meinen Autos herum, und noch lieber fahre ich sie aus.

Welches ist Ihr Lieblings-Oldtimer?

Kraus: Ein AC Bristol „Cobra“. Ein englischer Sportwagen Baujahr 1959, weltweit wurden nur 250 Stück gebaut.

Mehr von Aachener Nachrichten