Neues Lese-Programm in der Flüchtlingsunterkunst Drove vorgestellt

Leseförderung für Flüchtlingskinder: Bildung und Integration mit Sprache

Die bundesweit tätige Stiftung Lesen stellt in der Zentralen Unterbringungseinrichtung im Kreuzauer Ortsteil Drove ihr Leseförderprogramm speziell für Flüchtlingskinder vor.

Die Atmosphäre ähnelt der in einer Kita. In den Regalen gibt es jede Menge Spielzeug und Bücher, auf dem Boden liegt ein großer, bunter Teppich. An einem Tisch sitzen fünf Jungen und Mädchen und spielen Karten. Trotzdem ist es eben doch anders als in einer Kindertagesstätte. Das große Spielzimmer gehört zur Zentralen Flüchtlingsunterbringungseinrichtung (ZUE) in Drove, eine von 165 Einrichtungen dieser Art in ganz Deutschland. In Nordrhein-Westfalen gibt es 34 ZUEs, im Kreis Düren zwei, nämlich die in Drove und die auf dem ehemaligen Militärgelände in Gürzenich.

Die Einrichtung in Drove hat noch eine Besonderheit. Hier werden Flüchtlinge, die besonders schutzbedürftig sind, untergebracht. Jetzt haben der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesbildungs- und Forschungsministerium, Thomas Rachel (CDU), und Dr. Jörg F. Maas, Hauptgeschäftsführer der Stiftung Lesen, die Einrichtung besucht, um das Förderprogramm „Lesen bringt uns weiter. Lesestart für Flüchtlingskinder“ vorzustellen.

Die Stiftung Lesen gibt es seit 1988, seit 2015 kümmert sie sich vermehrt auch um Flüchtlingskinder. Daniel Schnock von der Stiftung erklärt: „Das Thema Lesen ist natürlich für alle Kinder wichtig. Das ist keine Frage. Und es wird immer wichtiger, weil Eltern ihren Kindern immer seltener vorlesen. In Deutschland gibt es heute rund 7,5 Millionen Analphabeten, davon sind etwa die Hälfte Kinder und Jugendliche.“ Frühes Lesen und auch Vorlesen, erklärt Schnock weiter, sei ein entscheidender Faktor dafür, wie gut Kinder später lernen würden. „Das entscheidet sich eben nicht erst mit dem Schuleintritt, sondern vielmehr schon in den ersten sechs Lebensjahren.“

Bei den Flüchtlingskindern komme noch ein völlig anderer Aspekt hinzu, ergänzt Schnock. „Vorlesen und selbstlesen verschafft den Kindern einen Zugang zur deutschen Sprache. Das bedeutet Bildung und gleichzeitig Integration.“ Neben dem Verteilen von Wort-Bilderbüchern und Medienkisten in den Flüchtlingsreinrichtungen setzt die Stiftung Lesen vor allem auf die Unterstützung der vielen Ehrenamtlichen, die sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Schnock: „Wir haben ein Fortbildungsprogramm speziell für diese Freiwilligen aufgelegt. Im Frühjahr fangen die neuen Kurse an.“

 Die Flüchtlingsunterbringung in Drove ist mit derzeit 93 Bewohnern zur Hälfte belegt. Etwa 30 davon sind Kinder und Jugendliche. „Diese Einrichtung“, sagt die Leiterin Amelia Buczylowski, „gibt es seit 2016. Weil die Liegenschaft früher ein Seniorenheim war, sind alle Zimmer barrierefrei. Deswegen bot es sich natürlich an, besonders schutzbedürftige Menschen unterzubringen.“ Das sind unter anderem Flüchtlinge, die mit einer Behinderung leben müssen oder besonders alte und kranke Menschen.

Staatssekretär Thomas Rachel hat Flüchtlingskindern in der Zentralen Unterbringungseinrichtung in Kreuzau vorgelesen. Foto: ZVA/Sandra Kinkel

Auf die Verweildauer der Flüchtlinge in der ZUE hat das keinen Einfluss, wohl aber auf die tägliche Arbeit. „Der Fokus und das Miteinander sind schon anders“, sagt Buczylowski. „Wir kümmern uns um jeden einzelnen.“ Auch die ländliche Gegend und das großzügige Gebäude würden helfen, dass die Flüchtlinge sich wohlfühlen. „Ein Seniorenheim ist gebaut worden, um darin miteinander zu leben. Und das merkt man deutlich.“ Auch die dörfliche Gegend und das Zusammenleben mit den Nachbarn funktioniere gut.

In der Einrichtung gibt es neben der Spielstube, in der auch regelmäßig vorgelesen wird, Sprachförderprogramme für Kinder sowie Deutschkurse für Jugendliche und Erwachsene. „Natürlich ist Sprache ein wichtiger Schlüssel zur Integration“, erklärt Buczylowski. „Wir beobachten auch, dass die Kinder viel Spaß beim Anschauen von Bilderbüchern haben. Meiner Wahrnehmung nach ist es aber nicht so, dass bei uns die Eltern das mit ihren Kindern häufig machen.“ Umso wichtiger ist die Initiative der Stiftung Lesen. Thomas Rachel: „Wir wollen geflüchtete Menschen so zügig wie möglich in unsere Gesellschaft integrieren.

Die Sprache ist der Türöffner für eine gelingende Integration. Vorlesen, zuhören und über die Texte sprechen – das alles hilft Kindern und Eltern bei der Orientierung in einer neuen Umgebung und dem Erlernen einer fremden Sprache.“ Grundsätzlich bleibt der Bedarf für Leseförderung in den ZUEs weiterhin hoch. Allein im ersten Halbjahr 2018 hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge etwa 96.000 Erstaufnahmeanträge entgegengenommen, etwa 15.000 davon waren Kinder unter fünf Jahren.

Keine Sprachprobleme

Für die Kinder in der Spielstube in der ZUE Drove spielt das keine Rolle. Sie betrachten mit viel Freude ein Bilderbuch, in dem Tiere des Dschungels die Hauptrolle spielen. Sprachprobleme gibt es in diesem Moment keine.

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