Düren: Neue Vorsitzende des Gürzenicher TV: In der Vermittlerrolle an die Spitze

Düren : Neue Vorsitzende des Gürzenicher TV: In der Vermittlerrolle an die Spitze

„Die Rheinländer und die Berliner passen ganz gut zusammen“, sagt Susen Travnicek. Die frisch gebackene und erste weibliche Vorsitzende des 137 Jahre alten Traditionsvereins Gürzenicher Turnverein (GTV) kam vor 19 Jahren von Berlin nach Düren und muss es daher wissen.

Am Rhein und an der Spree pflege man das offene Wort und die Geselligkeit mit Herz. Apropos offenes Wort: Hat sie als erste Frau, die dem Verein vorsteht, eigentlich Gegenwind erfahren? „Nein“, sagt Travnicek. „Im Gegenteil. Von der Idee waren alle begeistert. Der Gegenkandidat hat seine Kandidatur zurückgezogen, nachdem ich mich ihm mit meinem umfangreichen Lebenslauf in Sachen Sport vorgestellt hatte. Vermutlich dachte er, er sei chancenlos.“

Kugelstoßen als Frustabbau

Der Sportgeist liegt bei ihr in der Familie. Ihr Vater war Ausbilder bei der Polizei und Ende der 1960er Jahre deutscher Meister im Trampolinspringen. Ob im Verein oder beim Besuch der väterlichen Dienststelle am Wochenende: Susen Travnicek probierte sich in diversen Sportarten aus — Volleyball, Handball, Leichtathletik. Bei Frustattacken als Jugendliche übte sie sich im Kugelstoßen und errang mit einem Stoß über 9,21 Meter sogar den Schulrekord an ihrer Realschule.

Später wurde das Trampolinspringen ihre Leidenschaft. 1997 gewann sie den 2. Platz im „Nachwuchs-Wettbewerb im Trampolinturnen des Polizei SV Berlin“. Durch ihre beiden Söhne Adrian und Daniel kam sie das erste Mal in Kontakt mit dem Gürzenicher TV. Das „Mutter-Kind-Turnen“ absolvierte sie bei diesem Turnverein, in dem ihr Mann Roland seit dem siebten Lebensjahr turnte und später Badminton spielte. Auch die Söhne waren vom Handball und später vom Fechten begeistert. Bei einem Handballspiel, zu dem sie die beiden fuhr, fragte der damalige zweite Vorsitzende Frank Hüttner sie, ob sie sich nicht organisatorisch am Vereinsleben beteiligen wolle.

Sie wollte und wurde 2007 erst Kassiererin, später dann Wartin der Breitensportabteilung. In dieser Funktion vermittelte sie zwischen Vorstand und Trainern, wenn zum Beispiel ein neuer CD-Player für die Zumba-Gruppe angeschafft werden sollte. „Das Vermitteln liegt mir“, sagt Travnicek. „Ich war schließlich schon als Jugendliche in der Kinderfreizeit-Betreuung unterwegs. Da muss man dauernd schlichten.“

Auch in ihrem Beruf ist Einfühlungsvermögen gefragt. Sie bearbeitet als Angestellte der Städteregion Aachen Tierschutzfälle. „Ich bin praktisch das Jugendamt für Heim- und Hoftiere“, sagt sie und erklärt, dass sie jährlich 500 Fälle von nicht eingehaltenem Tierschutz behandelt. Vom nicht artgerecht gehaltenen Meerschweinchen über den vernachlässigten Hund bis zur nicht gefütterten Kuh auf der Weide sei alles dabei.

Entspannen kann sie am besten bei sportlicher Betätigung in der Gemeinschaft. Der Familienurlaub findet deshalb oft in Hachen statt. Dort gibt es die „Willi-Weyer-Sportschule“ mit zugehörigem Jugendferiendorf und Bootshaus.Nach einer Fußverletzung und zunehmenden Rückenproblemen ist Susen Travnicek hauptsächlich als Nordic Walkerin sportlich aktiv und macht regelmäßig Rückengymnastik. Für ihren Verein wünscht sie sich, dass wieder mehr Menschen erkennen, wie schön es ist, in Gemeinschaft Sport zu treiben, statt ins Fitness-Studio zu gehen. Mit einem Facebook-Auftritt und einer überarbeiteten Website will sie dazu beitragen, das umfangreiche Angebot noch bekannter zu machen.

Auf die Idee, von der Hauptstadt nach Düren zu ziehen, kam sie der Liebe wegen. Ihren Mann hat sie 1991 bei einer Ferienfreizeit im Sauerland kennengelernt. Sie führten erst einmal eine Wochenendbeziehung. 1999 entschieden sich die beiden, nach Düren zu ziehen. Für die Familie eine goldrichtige Entscheidung. „Ich genieße unser Leben hier“, sagt die 48-Jährige. „Ich mag die Rheinländer“. Die Berlinerin hört man ihr nach 19 Jahren Rhein und Rur wirklich nicht mehr an, doch sie weiß schon: „Manchmal rutscht mir schon noch ein ‚ick‘ raus oder ‚Bulette‘ statt ‚Frikadelle’.“

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