Düren: Nach Wirtschaftsgutachten: Düren soll nun nach vorne schauen

Düren: Nach Wirtschaftsgutachten: Düren soll nun nach vorne schauen

Professor Michael Gramm ist in den 60er Jahren aufgewachsen. Musikalisch bedeutete das: Beatles oder Rolling Stones? Gramm, promovierter Wirtschaftsgeograf, hielt es mit Mick Jagger und Co. Das erzählt er Donnerstagabend im Burgau-Gymnasium. Gramm ist aber nicht da, um über Musik zu sprechen.

Es geht um das Wirtschafts- und Struktur-Gutachten, das er gemeinsam mit Dr. Lothar Mahnke in der vergangenen Woche vorgelegt hat. Die Beatles und die Stones fallen Gramm wegen zwei Liedtexten ein. In einem, dem von den Beatles, heißt es sinngemäß: „Ich glaube ans Gestern.“ Im Text der Stones geht es darum, dass das Gestern keine Rolle mehr spielt, wenn es vorbei ist. Diese Sicht gefällt Gramm besser, sagt er. Dabei hat er das Gutachten und die Stadt Düren im Blick. Düren solle nun nach vorne schauen, das will er sagen, auch wenn das Gutachten der Stadt keine guten Noten ausgestellt hat.

Düren habe zu wenig qualifizierte Arbeitsplätze und zu viele, die eher schlecht entlohnt werden. Die Stadt habe zu wenig innovative Unternehmen, zu wenig hochwertigen Wohnraum, zu viele Pendler, die jeden Tag die Stadt Richtung Köln und Aachen verließen und eine Sozialstruktur, die sich in einer niedriger werdenden Kaufkraft spiegele. Düren solle auf die Gesundheitsbranche setzen und auf Logistik, das empfehlen Gramm und Mahnke, die mit ihren Unternehmen das Gutachten im Auftrag der Stadt erstellt haben. Es soll 90.000 Euro gekostet haben.

Streit um Zahlen

Im Burgau-Gymnasium treffen sich am Donnerstagabend der Finanz- und der Stadtentwicklungsausschuss zu einer gemeinsamen Sondersitzung. Die Ergebnisse der Expertise sollen beraten und politisch bewertet werden. Bis dahin hatte es einige öffentliche Reaktionen in den Medien gegeben. Dr. Mahnke sagt, dass er und auch Michael Gramm sich nicht „genügend gewürdigt fühlen“. Er wünsche sich eine unvoreingenommene Diskussion. Wahrgenommen habe er, dass die CDU, seit vergangenem Mai in der Opposition, ihnen vorwerfe, keine korrekten Zahlen zu verwenden. CDU-Fraktionschef Stefan Weschke zweifelt unter anderem an, dass die Zahl der in der Industrie Beschäftigten richtig sei, zudem die Einwohnerzahl und auch andere Werte des Gutachtens stellt er infrage.

Außerdem seien wichtige Akteure aus der Dürener Wirtschaftswelt gar nicht erst befragt worden. Er schließt mit den Worten: „Das Gutachten muss sich neu (er)finden“ und lehnt sich an den Titel von Gramm und Mahnke an, die ihr Werk mit der Zeile „Düren muss sich neu (er)finden“ betitelt haben. Mahnke und Gramm lassen die Vorwürfe nicht stehen und verweisen darauf, dass sie Daten genutzt haben, die das Land NRW offiziell zur Verfügung stelle. Die Zahlen seien anerkannt.

SPD-Fraktionsvorsitzender Henner Schmidt sagt, es gehe weniger um „korrekte oder nicht korrekte Zahlen“. Er habe keinen Zweifel an der Richtigkeit. Es gehe um Tendenzen und Trends. Und die seien eindeutig durch das Gutachten beschrieben. Schmidt wiederholt seine Forderung, dass die Wirtschaftsförderung der Stadt Düren personell besser aufgestellt sein müsse. Dann rechnet er vor, wie viele Initiativen die SPD von 1999 bis 2014 gestartet habe, „um die Wirtschaftsförderung zu stärken“. Zwölf seien es gewesen, sagt Schmidt. Alle seien „mit der Arroganz der Macht abgebügelt“ worden. Von 1999 bis 2014 war die CDU am Ruder.

Schmidt appelliert, nun eine nüchterne Analyse vorzunehmen und abseits von Parteipolitik eine Strategie zu entwickeln. Dazu rät auch Grünen-Fraktionschefin Verena Schloemer, sie sagt: „Wir dürfen uns jetzt nicht am Klein-Klein abarbeiten.“

Bürgermeister Paul Larue sagte, Düren dürfe als Standort nicht schlecht geredet werden. Immerhin 30 Neubaugebiete seien während seiner Amtszeit geschaffen worden. Die Papierindustrie sei nach wie vor ein Pfund, mit dem Düren wuchern könne. Die unternehmerische Standortpflege sei auf einem guten Weg. Es gebe aber Handlungsbedarf. „Wir arbeiten daran, mehr hochwertigen Wohnraum zu schaffen“, sagt Larue. Zudem sei die Ansiedlung eines Unternehmens, das ausländische Studenten etwa sprachlich auf ein Studium vorbereitet, auf gutem Weg.

Hin und her

Paul Zündorf, der Baudezernent, spürt im Burgau-Gymnasium „eine Aufbruchstimmung“. Er sieht ebenso Handlungsbedarf und ist ebenso der Meinung, dass Düren in den letzten Jahren schon einiges getan habe. SPD-Fraktionsvize Ulf Opländer wirft der CDU vor, sie wolle „einfach weitermachen wir bisher“, ähnlich äußert sich AfD-Mann Bernd Essler. CDU-Stadtrat Karl-Albert Eßer sagt, schon vor 1999, also während der SPD-Regentschaft, habe es im Hinblick auf die Sozialstruktur ungünstige Entwicklungen gegeben. Schon damals seien einige Tausend weggezogen. CDU-Chef Thomas Floßdorf sagt, Düren sei keine Stadt im Niedergang, aber auch keine Stadt, die sich ausruhen dürfe.

Dann ist die Sitzung zu Ende.

Beatles oder Rolling Stones? Gestern oder Morgen? Heute ist festzuhalten: Die Zukunft wird es zeigen müssen.

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