Düren/Nörvenich: Nach Todesfahrt zu Bewährung verurteilt

Düren/Nörvenich: Nach Todesfahrt zu Bewährung verurteilt

Kreidebleich und mit dunklen Rändern unter den Augen sitzt der Angeklagte (24) im großen Saal des Dürener Amtsgerichts. Er lenkte am 18. September vorigen Jahres einen Wagen, der in rasender Fahrt von der Straße abkam. Seine damaligen Beifahrer, 23 und 22 Jahre alt, kommen bei dem Unfall ums Leben.

Ihnen ist noch an der Unfallstelle nicht mehr zu helfen. Der Fahrer musste sich am Dienstag wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen verantworten.

Die Vorgänge haben seitdem mehrere Familien in Nörvenich völlig aus dem Gleichgewicht gebracht. Der Angeklagte, der ebenfalls bei dem Unfall schwer verletzt und im Aachener Klinikum ins Koma versetzt wurde, erinnert sich kaum: Man habe sich zum Feiern getroffen, habe Bier getrunken, sei dann von Irresheim in Richtung B477 gefahren.

Beobachtet hat dies der Vater (52) eines der Verstorbenen. Mit quietschenden Reifen seien die jungen Männer plötzlich weggefahren, jeder habe sich erschrocken. Der Vater schwingt sich ins Auto und fährt hinterher, sucht und findet den verunfallten, arg zusammengedrückten Wagen, aus dem sein Sohn noch um Hilfe ruft. Er kann ihm nicht mehr helfen.

Unter Tränen sagte eine 19-Jährige aus. Sie und ihre Freundin feierten an jenem Abend mit den drei jungen Männern, fuhren aber kurz vor ihnen weg, weil sie noch andere Leute treffen wollten. Das Mädchen wird seitdem in vielfacher Weise, auch via Internet, anonym bedroht und verunglimpft. Unbekannte scheinen anzunehmen, dass sie etwas mit dem Tod der beiden zu tun hat. Weinend nannte sie auf Nachfrage des Richters Namen, sie könne aber nichts beweisen.

Zwei Dutzend Zuschauer verfolgten den Prozess in Düren. An sie gewandt nannte Richter Hans-Georg Wingen die Nachstellungen „besonders ekelhaft”. Und „falls jemand von Ihnen daran beteiligt ist: Ich warne Sie, wenn das nicht aufhört, geht der Ärger richtig los”. Richter und Staatsanwältin rieten der Zeugin, bei der Polizei Anzeige zu erstatten, „sonst fühlen sich diese Leute ermutigt”.

Als Zeuge vor Gericht war auch ein Polizist geladen. Er konnte damals den Spuren entnehmen, dass der Wagen in einer leichten Kurve zunächst in den Graben gerast ist, nach 60 Metern wieder auf die Straße katapultiert wurde, gegen ein Verkehrszeichen prallte, einen Baum quasi abrasierte, durch die Luft wirbelte und schließlich auf dem Dach liegen blieb. Ein Arzt machte vor Gericht Ausführungen zum Alkohol im Blut des Angeklagten.

Resümee: Von einer Alkoholisierung von mindestens 0,86 Promille, wahrscheinlich aber mehr, müsse ausgegangen werden. Die Bestimmung war schwierig, weil man sich im Klinikum offenbar mehr um die Rettung des Fahrers als um die Bestimmung seines Blutalkoholwertes gekümmert hatte.

Von einer großen Schuld des Angeklagten ging die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer aus. Aber auch davon, dass der Mann nicht vorbestraft ist und auch keine einzige Eintragung im Verkehrszentralregister vorliegt. Er war damals erheblich verletzt und verlor seine Arbeit. 18 Monate auf Bewährung und ein Jahr Führerscheinentzug forderte sie.

Nach den Plädoyers der Nebenkläger und des Anwaltes des Angeklagten entschied das Gericht sich dann für eine Strafe von 18 Monaten Haft, die zur Bewährung ausgesetzt wird, und dem sechsmonatigen Führerscheinentzug.