Kreis Düren: Nach sexueller Gewalt: Schnelle Spurensicherung

Kreis Düren : Nach sexueller Gewalt: Schnelle Spurensicherung

Beim Stichwort Spurensicherung denkt der geneigte Krimi-Fan schnell an Spezialisten in weißen Ganzkörperanzügen, die am Tatort Fotos machen, Fingerabdrücke nehmen oder Beweisstücke in kleine Tüten packen. Bei der anonymen Spurensicherung ist der Anlass ein ähnlicher, das Vorgehen aber anders.

Ein Opfer von sexueller Gewalt kann sich — ohne seine Identität preisgeben zu müssen — bei den örtlichen Krankenhäusern melden, damit am Körper die Spuren der Tat gesichert werden. Fünfmal wurde das Angebot in diesem Jahr schon wahrgenommen, seit 2012 insgesamt 33 Mal.

Dass es nach einer solchen — oft traumatisierenden Tat — darauf ankommt, schnell zu reagieren, wissen zwei Frauen besonders gut: Sigrid Bergsch leitet den Verein HObAS (Hilfe für Opfer bei anonymer Spurensicherung), und Dr. Heike Matz ist Chefärztin der Frauenklinik vom Krankenhaus Düren. Sie sagt: „Bedauerlicherweise kommen die meisten Frauen erst nach ein bis zwei Tagen zu uns. Auch nach einer Woche zu uns zu kommen, ist immer noch besser als gar nicht, dann wird die Spurensicherung aber schwierig.“ K.o.-Tropfen sind schon nach sechs bis zwölf Stunden nicht mehr nachweisbar, Sperma nach drei Tagen, Verletzungen wie Kratzspuren und blaue Flecken sind nach wenigen Tagen verheilt.

Kommen Opfer aber rechtzeitig, dann können Spuren des Täters gesichert werden. Das können Haare sein, Sperma, Spucke oder Hautreste unter den Fingernägeln des Opfers, falls es seinen Täter gekratzt hat. Die Spuren, Abstriche, Fotos von Blutergüssen und auch die Kleidung des Opfers vom Zeitpunkt der Tat werden dann verpackt, mit einer Chiffrenummer versehen und zur Gerichtsmedizin nach Köln geschickt. Dort werden sie zwei Jahre verwahrt. Das Opfer kann sich in Ruhe überlegen, ob es in der Lage ist, ein Strafverfahren durchzustehen. Falls ja, kann es jederzeit unter Angabe der Chiffrenummer Anzeige erstatten.

Mehr Taten zur Anzeige bringen

Dahinter stecken mehrere Ideen: Aus Sicht der Polizei, so erklärt Sigrid Bergsch, sei das Ziel, mehr als der bisherigen sieben Prozent der Sexualstraftaten zur Anzeige zu bringen. Aus ihrer eigenen Perspektive ist es zunächst wichtig, dem Opfer mehr Selbstbestimmtheit zu geben, in einem Moment des absoluten Kontrollverlustes. Bergsch: „Wir möchten die Frauen bestärken, wir möchten, dass sie sich handelnd erleben und nicht mehr ohnmächtig.“ Matz ergänzt: „Was man nicht vergessen darf, ist, dass die Frau ein bisschen was für sich tut, indem sie zur Spurensicherung geht. Sie hat es geschafft, das Geschehene nach außen zu transportieren und gewinnt Selbstbestimmtheit und Selbstwertgefühl zurück.“

Beide Spezialistinnen geben auch zu bedenken, dass eine anonyme Spurensicherung dem Opfer Zeit gibt. Zeit, sich selbst und vielleicht auch die eigenen Kinder in Sicherheit zu bringen. Die Ärztin schätzt, dass in 80 Prozent der Fälle der ehemalige oder aktuelle Ehemann oder Partner des Opfers der Täter ist. Der böse Fremde, der aus dem Busch springt, sei es nur selten. Bergsch: „Es stellt sich oft heraus, dass die Opfer ihre Täter kannten.“

Sie setzt deshalb mit dem „Runden Tisch gegen Gewalt an Frauen des Kreises Düren“ auf Prävention, bietet Kurse für Frauen, Kinder und Jugendliche an und macht Fortbildungen für Fachpersonal. Denn, so stellt sie immer wieder fest, von der anonymen Spurensicherung wüssten noch viel zu wenige.

Mehr von Aachener Nachrichten