Archäologische Untersuchung: Mordopfer in vergessener Gruft unter der Nideggener Kirche?

Archäologische Untersuchung : Mordopfer in vergessener Gruft unter der Nideggener Kirche?

Ein Archäologenteam von der Uni Köln hat am Freitag das Nideggener Gotteshaus St. Johannes Baptist untersucht. Mit Radarmessungen sollten Hinweise auf eine große Grabkammer der Jülicher Grafen unter dem Altarraum gefunden werden. Dort sollen auch die Überreste des in Aachen erschlagenen Wilhelm IV. ruhen. Die Ergebnisse werden mit Spannung erwartet.

Das Kapitalverbrechen geschah am 16. März vor genau 742 Jahren und ist weitgehend aufgeklärt. Ein wohlhabender und mächtiger Mann namens Wilhelm aus Nideggen und seine beiden Söhne Roland (15) und Wilhelm (17) sowie einige Begleiter wurden in Aachen auf offener Straße von einem Mob erschlagen. Da kam nicht irgendwer zu Tode: Graf Wilhelm IV. von Jülich, dessen Geschlecht Nideggen als Residenz auserkoren und ausgebaut hatte, musste als Vogt von König Roland eine Steuerforderung seiner Majestät überbringen und kam in der freien Reichsstadt nahe des Jakobstors auf schreckliche Weise ums Leben, als nach einer verbalen Auseinandersetzung mit dem Schultheiß zu Aachen ein regelrechter Tumult ausbrach.

Diese Tat ist überliefert und seit Freitag vom Staub der Geschichte befreit. Denn es gibt Indizien dafür, dass sich die Überreste des ermordeten Wilhelm IV., seinen Söhnen und seiner Frau Irmgardis in einer fast vergessenen Gruft unter der Kirche St. Johannes Baptist befinden.

Das Gotteshaus – 1177 errichtet – war zunächst nicht als Pfarrkirche konzipiert, sondern als Grabeskirche der Jülicher. Davon zeugten Metallplatten auf einem Denkmal in der Mitte von St. Johannes. Das hat der Heimatforscher Martin Aschenbroich, der im 19. Jahrhundert lebte, überliefert. Er beschrieb das Denkmal und die Inschrift einiger Platten. In seinen Texten heißt es: „So lange die Herren von Jülich in Nideggen wohnten, war die dortige Pfarrkirche ihr Begräbnisort.“ Das ist nach derzeitigem Wissensstand noch nicht für alle aus dem Geschlecht überliefert, wohl aber vom „1277 in Aachen erschlagenen Grafen Wilhelm“ und seinen Söhnen.

Radarmessung in der Nideggener Kirche St. Johannes Baptist. Foto: Volker Uerlings

„Die Platten waren aber schon zu Aschenbroichs Zeit verschwunden“, erklärt Heinz Bücker vom Heimat- und Geschichtsverein Nideggen. Im Gotteshaus selbst gibt es heute keine Hinweise auf eine unterirdische Gruft. Da aber laut Aschenbroichs Angaben „in der Kirche demnach über 400 Jahre die Grafen von Jülich beerdigt wurden, müsste eine größere beziehungsweise große Grabkammer oder Gruft unter der Kirche sein“, schlussfolgert der Verein, der die Initiative ergriff und Experten für Archäo-Geophysik der Uni Köln um Hilfe bat. Mitglied Dr. Dietrich Baur, selbst Geophysiker, stellte den Kontakt her. Heinz Bücker: „Wir wollen wissen, was hier Sache ist.“ Die Geschichtsfreunde vermuten die Grabkammer unter dem Altarraum.

Archäologin Manuela Broisch­Höhner von der Uni Köln und Studenten haben das Gotteshaus am Freitagmorgen geophysikalisch untersucht. Die Fachfrauen erstellten mit Radarmessungen Profile, die auf jeden Fall den Untergrund in 1,80 bis 3 Metern Tiefe erfassen. Broisch-Höhner: „Wir erstellen praktisch ein lokales Messnetz.“ Wenn die Profildaten am Rechner zusammengefügt und mittels Filtern bereinigt werden, ergebe sich ein Bild, das klare Aussagen erlaubt: Ist da eine Gruft oder nicht? Das wird noch zwei Wochen dauern. Je nach Ergebnis schließen sich weitere Entscheidungen an. Wenn sich der Verdacht bestätigt, was als wahrscheinlich betrachtet werden kann, wäre es naheliegend, die Grabkammer selbst zu untersuchen, um Informationen über die dort Bestatteten zu erhalten. Das bedarf aber der Genehmigung des Bistums.

Suche nach der Grabesgruft unter der Nideggener Kirche: Heinz Bücker (links) und Dr. Dietrich Baur vom Heimat- und Geschichtsverein warten gespannt auf die Ergebnisse. Foto: Volker Uerlings

Der Mehrfachmord in Aachen im Jahr 1277 wurde übrigens niemals geahndet. Im Gegenteil: Dem Hauptverantwortlichen setzten die Aachener ein Denkmal, das einen wehrhaften Schmied zeigt, der seine Stadt gegen die Eindringlinge aus Nideggen verteidigt habe, da sie die Stadt in ihre Gewalt hätten bringen wollen. Inzwischen ist klar, dass es sich beim Täter um einen Metzger gehandelt hat, dessen Berufsstand aber in früheren Zeiten offenbar als nicht „heldentauglich“ galt. Und der Angriff geschah nicht im Affekt, denn die Aachener hatten die Stadttore verriegeln lassen, um zu verhindern, dass die Begleittruppen Wilhelms IV. von Jülich zu Hilfe kommen konnten. Das hat der Jülicher Historiker Guido von Büren nach Quellenstudium veröffentlicht.

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