Düren: Mit seinem Urteil müssen die Täter leben

Düren: Mit seinem Urteil müssen die Täter leben

Dr. Stephan Ebeling muss allein entscheiden, ganz allein. Er entscheidet über das Schicksal von Menschen, die auf seine Urteilskraft, seine juristischen Kenntnisse und auch seine Menschenkenntnis bauen. „Kann das so geschehen sein, wie der Angeklagte mir das schildert?“ Und wenn ja, wie ist die Tat zu bestrafen? Darauf muss Dr. Ebeling Antworten finden, und er macht sich seine Arbeit nicht leicht.

Man ahnt es: Hier ist von einem Richter die Rede. Immer mittwochs ist Ebeling auf sich allein gestellt. Dann helfen ihm keine Kollegen, keine Laienrichter (Schöffen) bei der Urteilsfindung. Er ist Einzelrichter und verurteilt oder spricht frei „am laufenden Band“. Sieben bis acht „Fälle“ bearbeitet er, manchmal sogar mehr, an einem einzigen Vormittag. Sein Urteil kann das Leben eines Angeklagten von heute auf morgen vollkommen verändern.

Die „DN“ nahmen einen Vormittag lang in dem kleinen Saal Platz, in dem der Einzelrichter die Angeklagten anhört. Um 9.30 Uhr geht es los. Schon auf dem Flur wird klar: Hier geht es um viel. Rechtsanwälte besprechen sich leise mit ihren Mandanten, die wegen der ungewohnten Situation alle ängstlich dreinschauen. Keiner lacht. Berge von Akten werden durch die Flure getragen, das digitale Zeitalter scheint im Amtsgericht noch nicht eingezogen zu sein.

„In der Strafsache gegen (hier wird ein Name genannt) bitte alle eintreten.“ Niemand erscheint. Wir warten eine Weile, der Name wird nochmals aufgerufen, es erscheint immer noch niemand. Gegen einen Drogensüchtigen wird in Abwesenheit eine Geldstrafe verhängt.

Nächster Fall: Eine Dame, Jahrgang 1964, hat monatelang Arbeitslosengeld bezogen, obwohl sie doch schon Arbeit gefunden hatte. 2020,70 Euro kassierte sie unrechtmäßig. Jetzt ist sie wieder arbeitslos und auch noch in Privatinsolvenz, vom Ehemann lebt sie „in Trennung“, wie sie sagt. Während sie in den Dokumenten blättert, zittern ihre Hände.

Alles Geld sei damals auf das Konto ihres Mannes gegangen, zu dem Konto habe sie keinen Zugang gehabt. Und den Brief mit der Benachrichtigung über ihre neue Arbeit habe sie ihrem Mann gegeben, der ihn wohl nicht eingeworfen habe. Kann man ihr glauben? Der Staatsanwalt glaubt ihr nicht. Ebeling will sich den Ehemann anhören und macht eine neuen Termin.

Fall drei fällt aus, weil jemand krank geworden ist, und Fall vier ist ein junger Mann (24), der einmal mit 0,3 Gramm und danach mit 0,4 Gramm Marihuana erwischt wurde. Nach dem Abitur und ein paar Semestern in Köln arbeitet er jetzt als Lagerarbeiter. Seine Mutter sei nach Mekka gereist, da habe er sich die Drogen gekauft. Ebeling spricht von einem „einmaligen Aussetzer“, verhängt eine kleine Geldstrafe, der Angeklagte hat nämlich noch BAföG-Schulden. Jetzt regt sich der Richter auf: Abitur geschafft und dann Lagerarbeiter? „Machen Sie was aus Ihrem Abitur“, redet er ihm ins Gewissen.

Fall fünf wird ebenfalls zu einer Geldstrafe verdonnert, Fall sechs wird in Handschellen von zwei Justizangestellten gebracht. Das Sälchen füllt sich, die Mutter des Angeklagten ist da und viele Zeugen. Der Dürener (40), heroinsüchtig und sehr konfus, wird angeklagt, in Dürener Geschäften monatelang geklaut zu haben wie ein Rabe. Hinzu kommen Vorstrafen und lange Gefängnisaufenthalte. Was soll bloß aus ihm werden? Ebeling schickt ihn ins Gefängnis zurück. Ein Jahr und vier Monate lautet sein Urteil.

So geht es weiter ohne Pause, bis sich gegen 13.30 Uhr ein Rechtsanwalt verantworten muss. Er hat für seine Mandanten Gelder erstritten, diese aber nicht oder nur teilweise oder sehr verzögert weitergeleitet. Für den Anwalt, Vater von drei Kindern, geht es um ein Berufsverbot. Für immer? Für zwei Jahre? Oder war die Kanzlei nur schlecht organisiert? Der Richter wird entscheiden. Gebunden an die Gesetze. An diesem Mittwoch und an den kommenden.