Düren: Mit Ende 40 zurück auf die Schulbank

Düren: Mit Ende 40 zurück auf die Schulbank

Zehn Jahre hat Christiane Bendt (48) die Schlecker-Filiale in der Gemeinde Hürtgenwald geführt. Dann kam der Schock: Die Insolvenz, die Arbeitslosigkeit. „Man fällt in ein tiefes Loch“, sagt Christiane Bendt. Statt sich in dem „tiefen Loch“ einzurichten, war ihr klar: „Ich muss was tun. Ich kann nicht zu Hause rumsitzen.“

Morgens um 6 Uhr saß sie am Computer, suchte Stellenanzeigen, schrieb Bewerbungen. „Ich hab mich auf alles beworben, was ich mir zugetraut habe“, erinnert sie sich. Eine Stelle hat sie nicht bekommen. „Man hat bei mir offensichtlich nur das Alter gesehen.“

Sigrid Verbrüggen (47) erging es ähnlich. Die gelernte Verkäuferin hat für ein Unternehmen in Arnoldsweiler gearbeitet, das im Oktober 2011 in die Insolvenz ging. Sigrid Verbrüggen stand plötzlich auf der Straße. Mit 47. „Ich habe immer gearbeitet. Auch als die Kinder noch klein waren“, sagt sie. Mit der Arbeitslosigkeit wollte sie sich nicht abfinden. Allein schon deshalb, weil ihr Mann vor Jahren schwer erkrankt ist und nicht mehr arbeiten kann. „Einer muss schließlich das Geld verdienen.“

Unabhängig voneinander haben Christiane Bendt und Sigrid Verbrüggen einen ungewöhnlichen Schritt gewagt. Mit Ende 40 fangen beide wieder ganz von vorne an, drücken die Schulbank und absolvieren eine dreijährige Ausbildung zur examinierten Altenpflegerin — in der Dürener Wohnanlage für Senioren und Behinderte „Am Holzbendenpark“.

Dabei machen Christiane Bendt und Sigrid Verbrüggen eine ganz neue Erfahrung: Galten sie auf dem Arbeitsmarkt mit 48 und 47 Jahren als schwer vermittelbar, wird ihre Lebenserfahrung nun geschätzt. Heimleiterin Birgit Strack kann es ganz plastisch erklären: „Wir haben Azubis, die zu Hause noch das Butterbrot geschmiert bekommen und hier plötzlich Verantwortung tragen sollen.“ Oder anders ausgedrückt: „Natürlich haben wir junge Pflegekräfte, die ihre Arbeit hervorragend machen. Aber aufgrund ihrer Lebenserfahrung werden ältere Pfleger eher akzeptiert. Wer vielleicht schon seine eigenen Eltern gepflegt oder Kinder erzogen hat, hat noch mal einen ganz anderen Zugang zu den älteren Menschen, um die er sich kümmern soll.“

Sigrid Verbrüggen hat ihre Weiterbildung zur Hälfte schon absolviert. „Ich musste erst mal wieder lernen, zu lernen“, sagt sie. In der Berufsschule zählt sie zu den guten Schülern, hat von ihren Kindern sogar schon Zeugnisgeld bekommen, wie sie lachend erzählt. Das war nicht von Anfang an so. „Meine Kinder waren erst entsetzt, als ich erzählte, dass ich noch mal eine Ausbildung machen wollte“, erinnert sich Sigrid Verbrüggen. Ihr Entscheidung bereut sie nicht, im Gegenteil: „Heute sage ich, dass es das Beste ist, was mir passieren konnte.“ Die Arbeit macht ihr Spaß, sie ist hoch motiviert und weiß, dass sie das Lernen bis zur Rente begleiten wird.

Heimleiterin Birgit Strack: „Pflegekräfte steuern viele Prozesse gleichzeitig. Sie müssen erkennen, wo der Bewohner Probleme hat und woraus sie resultieren. Es gibt zum Beispiel über 20 verschiedene Ursachen, warum jemand nicht ausreichend isst oder trinkt.“ Birgit Strack sagt noch einen wichtigen Satz: „Die Hälfte der Tätigkeit besteht aus Kommunikation.“ Eine Erfahrung, die Christiane Bendt schon in ihrer Schlecker-Filiale gemacht hat: „Zu uns ins Dorf kamen viele ältere Kunden, nur um zu reden.“ Auch heute macht Christiane Bendt die Erfahrung, dass sie eine Art Familienersatz ist: „Wir verbringen mehr Zeit mit den Pflegebedürftigen als die Angehörigen.“

„Je höher man qualifiziert ist, desto länger kann man in diesem Beruf arbeiten“, sagt Sigrid Verbrüggen. Sie sieht wieder eine berufliche Perspektive, selbst für die Zeit, wenn sie vielleicht nicht mehr in der Lage ist, jemanden aus dem Bett in den Rollstuhl zu heben. Das geht auch Christiane Bendt so: „Ich möchte das Lernen nicht sein lassen. Und wenn ich den Job mal körperlich nicht mehr schaffe, kann ich vielleicht in der Beratung oder im Hospiz arbeiten.“ Beruflich stehen ihr wieder alle Türen offen.