Kreis Düren: Mit dem Terror-Koffer ist der Rettungsdienst auf Anschläge vorbereitet

Kreis Düren : Mit dem Terror-Koffer ist der Rettungsdienst auf Anschläge vorbereitet

Der kleine rote Stoffkoffer zwischen Rollstuhl, Rettungstrage und anderem Equipment des Rettungswagens ist unscheinbar. Und doch ist er bezeichnend für die Sicherheitslage in der Welt: Terroranschläge, davon gehen Experten aus, können jede Stadt treffen. Und dafür sollten die Rettungsdienste, so gut es eben geht, vorbereitet sein.

Der kleine rote Koffer ist ein Teil dieser Vorbereitung. Manche Rettungsdienste nennen ihn Terror-Koffer, im Kreis Düren heißt er Trauma-Tasche. Die medizinische Ausrüstung im Koffer ist speziell für die Bedürfnisse des Rettungsdienstes, beispielsweise nach Bombenanschlägen, gedacht. Aber auch im Alltag kann das Equipment eingesetzt werden.

In jedem Rettungswagen im Kreis Düren gibt es eine von außen schnell greifbare Trauma-Tasche (oben links). „Damit können die spezifischen Verletzungen nach Detonationen versorgt werden“, erklärt Dr. Detlef Struck, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Düren. Foto: smb

Damit folgt der Rettungsdienst im Kreis Düren Empfehlungen der Bundeswehr und der unfallchirurgischen Fachgesellschaft. Seit Anfang des Jahres sind diese Taschen auf allen Rettungswagen (RTW) und Notarzteinsatzfahrzeugen (NEF) zu finden.

In jedem Rettungswagen im Kreis Düren gibt es eine von außen schnell greifbare Trauma-Tasche (oben links). „Damit können die spezifischen Verletzungen nach Detonationen versorgt werden“, erklärt Dr. Detlef Struck, ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Düren. Foto: smb

„In der Tasche sind Dinge drin, mit denen die Bundeswehr in Afghanistan arbeitet, und medizinische Geräte, mit denen die Israelis leider viel Erfahrung gemacht haben“, erklärt Dr. Detlef Struck, Notarzt und ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes im Kreis Düren.

„Bei Terroranschlägen, vor allem bei Detonationen, geht es in erster Linie darum, die Verletzten schnell in ein Krankenhaus zu transportieren. Vor Ort geht es wirklich nur um die nötigste Versorgung“, erklärt Struck. Dabei spiele auch die Sicherheit der Lebensretter eine große Rolle, denn die Gefahr vor einem „Second Hit“, also einem zweiten Attentat, sobald die Helfer vor Ort sind, ist oftmals gegeben.

Dieses Vorgehen wird auch in der Ausstattung der Trauma-Tasche sichtbar. Denn dort sind zum Beispiel Tragetücher (Umbetttücher) drin, mit denen Verletzte einfach und schnell in den Rettungswagen und dann so schnell wie möglich weg vom Ort des Terrors gebracht werden können.

„60 Prozent der Verletzten bei Bombenanschlägen erleiden Bauch- und Brustverletzungen“, erklärt Struck. Bei diesen Patienten kann man vor Ort nur wenig medizinische Hilfe leisten. Diese müssen schnellstmöglich in einem OP versorgt werden. Gleichwohl finden sich in der Trauma-Tasche vier Thoraxpunktionsnadeln. Mit diesen kann nach Verletzungen beispielsweise Blut oder Luft aus dem Brustkorb befördert werden, damit eine durch Verletzungen zusammengefallene Lunge wieder entfaltet werden kann.

Halskrausen in allen möglichen Größen sind auf jedem Rettungswagen ohnehin vorhanden. Ebenso wie Vakuummatratzen und Vakuumschienen, mit denen Patienten mit Rückenverletzungen oder ein gebrochener Arm fixiert werden können. Zudem verfügt der Rettungsdienst über spezielle Beckenschlingen, die der Stabilisierung von Beckenbrüchen dienen und so massive Blutungen im Becken verringern.

Bei 30 Prozent der Verletzten nach Attentaten sind Gliedmaßen abgerissen. Damit diese Menschen nicht zu viel Blut verlieren, sind in den Trauma-Taschen Druckverbände und spezielle Abbindeschlaufen (Tourniquet) enthalten, mit denen Blutungen gestoppt werden können. „In diesem Fall haben wir auch von den Anschlägen in Paris gelernt, wo keiner der Polizisten und Rettungsdienstler noch einen Gürtel anhatte“, erklärt Struck. Diese medizinische Ausrüstung komme aber beispielsweise auch zum Einsatz, wenn sich eine Person mit einer Kettensäge verletzt oder wenn Gliedmaßen bei Unfällen abreißen.

Für große Wunden ist in der Trauma-Tasche spezielles Verbandsmaterial enthalten, das mit blutgerinnenden Mitteln versehen ist und auf große Verletzungen gedrückt werden kann.

Personal geschult

Auf jedem Rettungswagen ist die Notfallversorgung für drei bis vier Patienten enthalten. Kommen alle RTW im Kreis zusammen, können so mehr als 50 Verletzte nach einem Anschlag erstversorgt werden. „Experten glauben, dass es bei möglichen Anschlägen in Kleinstädten auch etwa um diese Größenordnung geht“, erklärt Struck. Es versteht sich von selbst, dass das Personal entsprechend geschult worden ist. Die Kosten pro Tasche liegen bei etwa 400 Euro.

Aber nicht nur auf die Ausrüstung der Rettungswagen, sondern auch auf die Einsatzstrategien hat der Terror Auswirkungen. „Wegen der Gefahr eines zweiten Anschlages wäre es beispielsweise nicht klug, wenn alle Rettungswagen zeitgleich vor Ort sind oder sich an einem zentralen Ort sammeln“, erklärt Struck.

Bei diesem Thema könne der Rettungsdienst viel von der Bundeswehr lernen, die beispielsweise in Afghanistan traurige Erfahrungen gesammelt habe. Vor allem aber auch bei den Israelis könne sich der Rettungsdienst viel abschauen, da diese auf die Rettung und Versorgung von Anschlagsopfern extrem gut vorbereitet seien und diese sehr gut abwickeln könnten.

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