Missbrauch und Maria 2.0: Dürener Pfarre gibt sich Verhaltenskodex

Dürener Pfarre gibt sich Verhaltenskodex : Zwischen Missbrauch und Maria 2.0

Sexueller Missbrauch, Machtstrukturen und die Rolle der Frau – Stichwort Maria 2.0: Die Dürener Großpfarre St. Lukas hat sich deutlich positioniert und einen Verhaltenskodex zu den drei großen Themen der katholischen Kirche verabschiedet.

Darin geht es unter anderem um die Auseinandersetzung von Priestern mit ihrer eigenen Sexualität, aber auch um die Einführung einer Frauenquote für kirchliche Ämter und den Zusammenhang zwischen Macht und Weiheamt.

Seit April gibt es im GdG (Gemeinschaft der Gemeinden)-Rat der Pfarre St. Lukas einen Ausschuss, der sich mit den Themen Missbrauch, Macht und Maria 2.0, mit denen sich auch die deutsche Bischofskonferenz bei ihrer Herbsttagung in Fulda beschäftigt hat, befasst und am Ende den Verhaltenskodex erarbeitet hat. „Als die vielen Missbrauchsfälle in der Kirche öffentlich wurden“, erklärt Sozialarbeiterin Judith Meyer vom GdG-Ausschuss Missbrauch, „waren viele GdG-Mitglieder zunächst sehr betroffen und erschüttert. Wir hatten das Bedürfnis, Stellung zu nehmen und uns öffentlich zu positionieren. Über die Auseinandersetzung mit den Themen sind wir dazu gekommen, Forderungen zu formulieren.“

Am Anfang aller Diskussionen stand die Frage: Wo steht die Pfarre St. Lukas mit Blick auf sexuellen Missbrauch, Machtstrukturen und die Rolle der Frau? „Was den sexuellen Missbrauch angeht“, sagt Pfarrer Hans-Otto von Danwitz, „hat unsere Gemeinde schon ein Präventions- und Sicherheitskonzept, das wir noch einmal genau auf den Prüfstand gestellt haben.“

Der Seelsorger ergänzt: 90 Eltern haben jetzt wieder ihre Kinder zur Erstkommunionvorbereitung angemeldet. Von Danwitz: „Das ist ein enormer Vertrauensvorschuss. Dieses Vertrauen dürfen wir nicht enttäuschen.“ Alle Mitarbeiter, die in der Jugendarbeit tätig sind, werden – wie in Sportvereinen und nicht-kirchlichen Jugendeinrichtungen auch – regelmäßig geschult und brauchen ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis.

In St. Lukas geht man aber noch einen Schritt weiter. Von Danwitz: „Wir haben versucht, Strukturen zu schaffen, mit denen man sexuellen Missbrauch möglichst ausschließen kann. Das war nicht einfach.“ Der Seelsorger nennt ein konkretes Beispiel: „Die erste Beichte der Kommunionkinder findet nicht mehr hinter den verschlossenen Türen der Sakristei statt, sondern in der Kirche. So können Dritte zwar nicht hören, was gesprochen wird, sie können aber beobachten, wie es abläuft.“

Gleichzeitig fordert der GdG-Rat eine „obligatorische Auseinandersetzung von Priestern mit ihrer eigenen Sexualität und Erotik“. Außerdem soll der Zusammenhang zwischen Macht und Zölibat reflektiert werden. Sexualität soll zudem in all ihrer Vielfalt wahrgenommen und gleichwertig akzeptiert werden. Das soll die verschiedenen Lebensformen mit einschließen. Zumindest das ist in St. Lukas längst praktizierte Praxis. Homosexuelle Paare können in der Dürener Innenstadtpfarre den Segen empfangen.

Machtmissbrauch

In Sachen Machtmissbrauch setzen die Verantwortlichen von St. Lukas auf flache Hierarchien. Judith Meyer: „Es gibt in allen sechs Gemeinden Leitungsteams, das heißt der Priester, der ja ohnehin schon eingebunden ist in ein Pastoralteam, ist nicht mehr allein für Entscheidungen verantwortlich. Uns ist es wichtig, transparente Strukturen zu schaffen.“ Gleichwohl, ergänzt von Danwitz, tappe man als Pfarrer hin und wieder in die Falle, Dinge allein regeln und entscheiden zu wollen. „Das sind gewachsene Strukturen. Da ist es wichtig, sich selbst zu sensibilisieren.“

Das gilt auch beim Umgang mit Frauen. Meyer: „Im Kirchenvorstand von St. Lukas sind vier von 16 Mitgliedern Frauen. Das sind zwar doppelt so viele wie bei der Legislaturperiode davor, aber das sind immer noch viel zu wenig. Im GdG-Rat ist das Verhältnis von Frauen zu Männern fast 50:50.“ In ihrem Verhaltenskodex bestimmt die Pfarre St. Lukas, gezielt Frauen für kirchliche Ämter anzuwerben, außerdem wurde ernsthaft über die Einführung einer Frauenquote gesprochen. „Die einzuführen, ist natürlich sehr schwierig“, sagt Meyer. „Aber es ist wichtig, dass wir das Thema auf dem Schirm haben.“

Meyer und Hans-Otto von Danwitz ist bewusst, dass sie die deutsche oder gar die Weltkirche nicht verändern können. „Klar ist aber auch“, sagt Judith Meyer, „dass Kirche nicht in Rom oder Fulda, sondern hier vor Ort ist. Wir müssen etwas tun. Und die kleine Initiative Maria 2.0 hat ja gezeigt, dass auch wenige Akteure durchaus viel erreichen können.“

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