„Kein Feindbild der Aktivisten“: Merzenicher Wehr leistet im Hambacher Forst Dienst

„Kein Feindbild der Aktivisten“ : Merzenicher Wehr leistet im Hambacher Forst Dienst

Es ist selten, dass die Aktivisten im Hambacher Forst von den Bäumen applaudieren, sie tun es meist nur dann, wenn Protestler von außen für sie Barrikaden bauen. Patrick Harzheim gehört auch zu denjenigen, die Beifall bekommen haben, er hat aber keine direkte Verbindung zu den Waldbesetzern.

Er leitet die Freiwillige Feuerwehr der Gemeinde Merzenich und war dabei, als die Wehrleute einen Aktivisten aus einem Schacht befreit haben. Während Polizisten beschimpft, beschossen und mit Fäkalien beworfen werden, erwartet die Feuerwehrleute Respekt.

„Wir sind kein Feindbild für die Aktivisten, jeder weiß, dass wir nur helfen wollen, und zwar allen“, betont Harzheim. „Wir sind wie die Schweiz: neutral.“

Harzheim und seine Männer sind in die große Räumungsaktion involviert, weil Teile des Hambacher Forstes auf Merzenicher Gemeindegebiet liegen. Sie stehen in unmittelbarer Nähe zu den Polizeiaktionen und greifen ein, wenn sie gerufen werden, in der Regel dann, wenn jemand verletzt ist, sagt Harzheim.

Einsatz im Schichtbetrieb

Markus Wirtz (l.) und Jacky Schmitz sind auf der mobilen Wache zwei Minuten Fahrtzeit vom Hambacher Forst entfernt stationiert. Foto: Rose

RWE, die Kohle, Umsiedlungen, das Wiesencamp und die Waldbesetzung gehören zur jüngsten Merzenicher Geschichte. Wie Harzheim über das große Ganze denkt, das eben der Grund ist, warum er seit dem 13. September am und im Forst als Feuerwehrmann stark einspannt ist, möchte er nicht sagen.

„Jeder hat seine Meinung dazu, das Unverständnis der Bürger über die ganze Aktion bekommen wir auch mit und sprechen untereinander darüber“, sagt Harzheim. „Aber ich kann in der Gruppe keine Tendenz. Letztendlich hat es auch nichts mit unserer Arbeit als Feuerwehrleute zu tun.“ Damit die im Vordergrund steht und die Wehr ständig ihre neutrale Rolle wart, sollen die Männer zum Beispiel keine Diskussionen mit den Aktivisten führen, das steht auf einer Liste im Aufenthaltsraum. Der (freundliche) Austausch soll sich darauf beschränken, Vertrauen aufzubauen. Einsätze auf Baumhäusern sind auch verboten.

Von den 100 aktiven Wehrleuten der Freiwilligen Feuerwehr Merzenich sind — im Schichtwechsel — ständig sieben Männer vor Ort. Sie sind in Kerpen-Manheim-Alt in einer mobilen Wache stationiert, in einem ehemaligen Autohaus nahe der A4. Von dort dauert es zwei Minuten, bis sie im Forst sind; der Krisenstab, also die Entscheider, sitzen in Kerpen.

Leitet die Freiwillige Feuerwehr in der Gemeinde Merzenich: Patrick Harzheim. Foto: Rose

Im Schnitt stehen 40 Feuerwehrleute und Rettungskräfte in Manheim-Alt von 8 bis 20 in Bereitschaft. Sie kommen abgesehen von den Merzenichern aus weiteren Teilen des Kreises Düren, der Stadt Kerpen und des Rhein-Erft-Kreises. Mehrere Hundert Wehrleute seien schon im Einsatz gewesen, sagt Stefan Peters von der Kerpener Feuerwehr. Hinzukommen die Ehrenamtlichen von Hilfsorganisationen. „Ein großes Lob an das Ehrenamt und die Zusammenarbeit der Kommunen und Behörden“, betont er.

Die mobile Wache ist spartanisch eingerichtet, im Erdgeschoss stehen Tischtennisplatte und Fernsehleinwand, in der ersten Etage Feldbetten, drei Mal am Tag gibt es Essen. „Wir versuchen, es allen so angenehm wie möglich zu machen. Es herrscht zwar eine Grundhektik, aber die Stimmung ist gut“, betont Harzheim.

Extreme Belastung für das Ehrenamt

80 oder mehr Prozent der Zeit besteht zwar aus Warten, aber ihrem Arbeitgeber und der Familie fehlen die Wehrleute dennoch komplett. „Die momentane Situation ist eine extreme Belastung für das Ehrenamt“, sagt Harzheim — denn andere Einsätze fallen ja nicht aus, nur weil der Forst ruft. Daher ist Harzheim erleichtert, dass sich die Einsätze auf der A4 von 30 pro Jahr auf fünf reduziert haben, seitdem seit einem Jahr das Tempolimit 130 gilt. „Ich hätte ja nie geglaubt, dass das etwas bewirkt, aber es entlastet uns ungemein“, sagt Harzheim.

Zwei seiner Kameraden am Forst sind Jacky Schmitz, 50, und Markus Wirtz, 48, aus Girbelsrath. Schmitz, der von Beruf Trockenbauer ist, war schon einige Schichten im Wald und an der Rettung eines Aktivisten aus einem Schacht beteiligt. Er versteht seinen Einsatz als Verpflichtung, denn das einzig Freiwillige an der Freiwilligen Feuerwehr „sind der Eintritt und der Austritt“. Der ganze Einsatz sei besonders, weil er „noch nie so viel Polizei“ gesehen habe, darüber spricht er in seinem Umfeld. „Aber es ist nicht das alles beherrschende Thema — auf keinen Fall.“

Kamerad Martin Wirtz erzählt, dass man ihm aus Sorge vor brenzligen Situationen und Gewalt geraten habe, sich nicht für einen Einsatz zu melden. Seine Reaktion darauf: „Hier ist es genauso gefährlich, als würden wir einen Unfall auf der A4 als letztes Fahrzeug in der Kette sichern.“

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