Maibrauchtum als Mittel der Integration in Merode

Sampson Antwi und die deutsche Kultur : Maibrauchtum als Mittel der Integration in Merode

Anfangs war Thomas Trostorf skeptisch. „Ja, ich hatte Bedenken“, gibt der 22-jährige Zimmermann zu. „Große Bedenken sogar.“ Trostorf ist Vorsitzender der Maigesellschaft Merode und zudem ist er auch noch der amtierende Maikönig.

Als sein Onkel Albert Trostorf, der zugleich Ortsvorsteher in Merode ist, ihn gefragt hat, ob der junge Flüchtling Sampson Antwi aus Ghana Mitglied der Meroder Maigesellschaft werden könnte, hat er zuerst gezögert. „Und zwar nicht, weil ich ein Problem mit einem afrikanischen Mitglied in unserer Maigesellschaft habe“, betont Thomas Trostorf ausdrücklich.

„Aber es gibt ja immer mehr rechte Tendenzen in unserer Gesellschaft. Das war meine Sorge. Ich habe Widerstand gefürchtet.“ Trostorf hat seinen Vorstandskollegen der Maigesellschaft von Sampson Antwi erzählt – und ist bei den anderen Junggesellen aus dem Dorf offene Türen eingerannt. „Es stand überhaupt nicht zur Debatte, Sampson nicht auszunehmen“; sagt Trostorf. „Und heute muss ich sagen, dass das die absolut richtige Entscheidung war.“

Sampson Antwi (24) ist vor viereinhalb Jahren als Flüchtling nach Deutschland gekommen, lebt mittlerweile in Langerwehe und macht eine Lehre als Maler und Lackierer, die er voraussichtlich im nächsten Jahr abschließen wird. Ortsvorsteher Albert Trostorf hat er bei einer afrikanischen Kirchengemeinde in Düren kennengelernt, dort ist Trostorfs Frau – ebenfalls eine Ghanaerin – Pastorin und Chorleiterin. „Sampson war häufiger bei uns zu Besuch“, erzählt der Ortsvorsteher. „Es wurde ziemlich schnell klar, dass er in Deutschland sehr einsam ist und nur wenig Kontakt zu Gleichaltrigen hat. Ich war selbst lange Vorsitzender der Meroder Maigesellschaft und wusste, dass wir mittlerweile auch die große Nachwuchssorgen haben. Und genau deswegen habe ich angefangen, Sampson unser Maibrauchtum zu erklären.“ Von Maibäumen, Maiumzügen, geschweige denn von Jungfrauen-Versteigerungen hatte der Ghanaer noch nie etwas gehört. „So etwas gibt es in Ghana überhaupt nicht“, sagt er. „Der Mai ist bei uns ein ganz normaler Monat. Aber ich fand es wichtig, die deutsche Kultur kennenzulernen.“

Zum ersten Mal war Antwi bei der Maiversteigerung dabei und hat auch gleich ein Mädchen ersteigert, der er auch ein Maiherz gekauft hat. „Mein Chef hat mir gesagt, dass ich das tun soll, weil es dazu gehört. Also habe ich das gemacht. Gerne sogar.“ Auch Sampson Antwi möchte dazugehören. Deshalb hat er in der Mainacht geholfen, die Maibäume im Dorf aufzustellen, ist bis morgens mit seinen Freunden zusammengeblieben. Und deswegen hat er auch einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und weißer Fliege. „Das ziehe ich bei den Maiumzügen an, die wir besuchen“, sagt der Afrikaner. „Beim Umzug in Hambach durfte ich sogar die Standarte unserer Gesellschaft tragen. Das hat mich sehr stolz gemacht.“

Klar, dass der Auszubildende sich besonders auf das Fest seiner Gesellschaft freut, das von Freitag, 10., bis Sonntag, 12. Mai, im Park von Schloss Merode gefeiert wird.

Keine negativen Reaktionen

Thomas Trostorf und sein Bruder Andreas (20), der auch im Vorstand der Maigesellschaft ist, kennen keinen zweiten Flüchtling, der das Maibrauchtum so lebt wie Sampson Antwi. „Um so schöner ist es, dass alle anderen Maigesellschaften ihn so herzlich empfangen. Wir haben bisher nirgendwo negative Reaktionen bekommen. Nicht bei uns im Dorf, wo es ja auch eine sehr eingeschworene Gemeinschaft gibt, und auch nicht bei den anderen Gesellschaften. Im Gegenteil: Überall wird Sampson gut und herzlich aufgenommen.“

Thomas, Andreas und ihr Onkel Albert Trostorf wissen auch genau, warum Samson Antwi so gut aufgenommen wird. „Er macht alles mit“, sagt Andreas Trostorf. „In der Mainacht haben wir seine Haare auch ein bisschen mit Plümen geschmückt. Und er versucht, Platt zu lernen.“ Bruder Thomas ergänzt: „Natürlich müssen wir uns um Sampson mehr kümmern als um Jungs aus Merode, die neu in die Maigesellschaft kommen. Schon allein wegen der Sprachprobleme. Aber das tun wir gerne, und deshalb funktioniert es auch.“

Und der Mann aus Ghana? Will der seinen Freunden aus der Maigesellschaft auch etwas mitgeben? „Ich bin zunächst einmal unglaublich dankbar, dass meine Einsamkeit vorbei ist“, sagt Antwi, überlegt kurz und antwortet lächelnd: „Und nächstes Jahr haben die Jungs aus der Maigesellschaft alle solche Rastazöpfe wie ich...“

Mehr von Aachener Nachrichten