LVR-Klinik Düren: Sprache als Hauptinstrument bei der Heilung

LVR-Klinik Düren : Sprache als Hauptinstrument bei der Heilung

Ein Gerichtssaal in Aachen. Der Richter und eine Sachverständige beraten darüber, in welcher psychiatrischen Klinik der wegen versuchten Mordes in einer Flüchtlingsunterkunft in Gürzenich angeklagte Mann für einige Wochen untergebracht werden kann.

Neben dem jungen Angeklagten sitzen seine Verteidigerin und ein Übersetzer, der ihm den Gesprächsverlauf auf Arabisch ins Ohr flüstert. Genau diese Sprachbarriere ist es, über die Richter und Sachverständige ausführlich reden. In welcher Einrichtung gibt es arabisch-sprachiges Personal, das einen Zugang zu dem Mann finden könnte? Bisher hat er jedes Gespräch verweigert.

Auch die LVR-Klinik in Düren ist für den Angeklagten im Gespräch. Dort kennt sich Integrationsbeauftragter Thomas Hax-Schoppenhorst am besten mit den Herausforderungen aus, die die vielen Sprachen im Haus – gerade bei der psychiatrischen Behandlung – mit sich bringen. Wie ist man dort auf Patienten, die kein Deutsch sprechen, vorbereitet?

„In der Psychiatrie ist die Sprache das Hauptinstrument der Behandlung, das Nadelöhr zum Verständnis des seelischen Lebens eines Patienten“, macht Hax-Schoppenhorst die Bedeutung einer guten Verständigung deutlich. In der LVR-Klinik sind auf Seiten des Personals 54 Sprachen vertreten. Seit 20 Jahren gibt es eine hausinterne Übersetzterliste, rund 70 mehrsprachige Kollegen sind darauf festgehalten – Ärzte, Psychologen, Mitarbeiter aus der Pflege und dem Sozialdienst.

Erst jüngst kam wieder eine Anfrage, ob ein Mitarbeiter Koreanisch könne. Das musste der Integrationsbeauftragte aber verneinen. Für einen solchen Fall gibt es externe Hilfe. Die Klinik arbeitet eng mit dem Kreis Düren zusammen, der im Bedarfsfall ehrenamtliche Dolmetscher vermittelt.

Sprach- und Integrationsmittler

Für besonders diffizile Fälle oder eine längerfristige Begleitung nimmt die LVR-Klinik die Hilfe von Sprach- und Integrationsmittlern vom Vermittlungszentrum Bikup in Köln in Anspruch. „Die sind Gold wert“, schwärmt Thomas Hax-Schoppenhorst.

„Sie sprechen nicht nur die gewünschte Sprache und sehr gut Deutsch, sondern kennen auch markante Kulturspezifika des jeweiligen Landes.“ Das fängt bei Begrüßungsritualen und nonverbalen Gesten an, geht über das Rollenverständnis und Familienstrukturen bis zu Wissen über das Gesundheitswesen im Herkunftsland. „Die Sprach- und Integrationsmittler können kultursensibel reagieren.“

Dazu fällt dem Integrationsbeauftragten noch ein Beispiel ein: Ein Geflüchteter aus einem afrikanischen Staat wurde in die Klinik eingewiesen, weil er in einer Flüchtlingseinrichtung offensichtlich eine Psychose entwickelt hatte. Niemand im Haus sprach seine Sprache, er war in einem sehr schlechten Zustand.

„Es musste schnell gehen“, erinnert sich Hax-Schoppenhorst. In diesem Fall ist es gelungen, binnen 40 Minuten einen Sprach- und Integrationsmittler vor Ort zu haben, der sogar aus exakt derselben Region stammte wie der Geflüchtete. So stand nach einem Gespräch schnell fest, welche Schritte als nächstes eingeleitet werden mussten.

Gerade bei psychiatrischen Patienten, die oft sehr empfindlich und verletzlich seien, komme es aber nicht nur auf die Sprache an, meint der Experte. „Sie nehmen die Atmosphäre sehr sensibel wahr und spüren, ob es jemand gut mit ihnen meint.“ Die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik sei oft sowohl für den Patienten als auch für dessen Familie mit großer Aufregung verbunden, deshalb sei es den Mitarbeitern wichtig, ein Gefühl von Sicherheit und Ruhe zu vermitteln.

In den allermeisten Fällen gelinge die Kommunikation, schwierig sei es aber mitunter schon. „Es bedarf großer Geduld von Seiten des Ärzte- und Pflegeteams.“ Die wird auch gefragt sein, wenn der bisher schweigsame Angeklagte aus der Flüchtlingsunterkunft in Gürzenich in die LVR-Klinik eingewiesen wird. Nicht ohne Grund schätzte die Sachverständige die Chancen, dass ein sechswöchiger Aufenthalt neue Erkenntnisse über den Mann bringen wird, 50 zu 50 ein.

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