Leser besteigen den Glockenturm der Dürener Annakirche

Aboplus-Aktion für Leser : Exklusiver Blick ins Herzstück des Glockenspiels

Es war ein ungewöhnlicher Zeitpunkt, als am Samstag das Glockenspiel von St. Anna ertönte: um 12.18 Uhr. Üblicherweise schaltet es die Elektronik nur fünf Minuten vor einer vollen Stunde an. Diesmal allerdings drückte Regionalkantor Hans-Josef Loevenich die Tasten in der Glockenkabine für das Stück „Lobet den Herren“.

Der Grund für den ungewöhnlichen Einsatz des Glockenspiels: Eine Gruppe von Lesern hatte den Turm bestiegen und ließ sich von dem Kirchenmusiker allerhand Details berichten.

Eines davon ist vielen bekannt: Das Stockenklavier, dass in der Vergangenheit bedient wurde, um die Glocken schlagen zu lassen, wird schon lange nicht mehr genutzt. Es ist marode und müsste restauriert werden. Dies wäre sehr kostspielig. Loevenich sieht dies jedoch pragmatisch: „Niemand hört, dass inzwischen alles elektronisch passiert.“ Zumal er selbst durchaus noch tätig werden kann. In der staubigen Kabine des Stockenklaviers befindet sich ein Keyboard, mit dem Loevenich die Glocken klingen lassen kann.

Eine Kostprobe davon erhielten die Leser davon. Mehr noch: Wer selbst Klavier spielen kann, durfte sich selbst einmal versuchen. Marktbesucher dürften dies bemerkt haben, als plötzlich Beethovens „Für Elise“ vernehmbar war.

Verbunden war der Blick hinter die Kulissen vor allem mit einem: mit Treppensteigen. Der Weg nach Oben führt nämlich zunächst durch eine enge gemauerte Wendeltreppe, dann über eine offene Holztreppe und schließlich über eine Metallwendeltreppe an den großen Glocken vorbei zum Glockenspiel. Im Gegenzug erhielt man einen ungewöhnlichen Einblick in ein Wahrzeichen Dürens, das den Menschen so viel wert war, dass sie in Eigeninitiative viel Geld sammelten, um den Turm nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wieder aufzurichten. Darüber hinaus konnten alle vom Dach des Turmes aus in über 50 Metern Höhe über Düren hinweg bis zum Siebengebirge schauen.

Der Turm wird üblicherweise nur selten bestiegen. Traditionell schreiten Musiker zum Turmblasen an Heiligabend die Stufen hinauf. Loevenich selbst nimmt den Weg unter anderem zur Anna-Oktav auf sich, um das Glockenspiel zu bedienen. Dies könnte er auch von der Annakirche aus, denn in den Nebenräumen steht ein weiteres Keyboard. Allerdings hat die Entfernung zu den Glocken eine Nebenwirkung: „Wenn ich einen Ton spiele, dauert er einige Töne, bis die entsprechende Glocke im Turm schlägt“, berichtet der Regionalkantor. Man müsse sich sehr konzentrieren, damit die Verzögerung nicht zu Spielfehlern führe. Im Alltag passiert dies nicht: Die Lieder werden – jahreszeitlich angepasst – von einer Speicherkarte gespielt.

(pan)
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