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Interview zu Karneval in Corona-Zeit: Lebenslust und Todesmahnung zugleich

Interview zu Karneval in Corona-Zeit : Lebenslust und Todesmahnung zugleich

Wolfgang Oelsner aus Köln ist Karnevalsphilosoph und spricht in Düren mit unserer Redakteurin Sandra Kinkel über den Fastelovend zu Zeiten der Corona-Pandemie und über die Frage, warum Karneval und Tod zusammengehören.

Die Coronavirus-Pandemie macht auch den Karnevalisten einen Strich durch die Rechnung: Kaum Sitzungen, keine Umzüge, keine Sessionseröffnung. Aber kann man Karneval wirklich absagen? Oder finden die Jecken andere Wege, um trotzdem zu feiern? Und kann Covid-19 für den rheinischen Karneval vielleicht sogar eine Chance sein? Fragen, die Redakteurin Sandra Kinkel dem Karnevalsphilosoph Wolfgang Oelsner gestellt hat.

Herr Oelsner, wenn Ihnen Fastelovend in den Sinn kommt, denken Sie dann automatisch auch an den Tod?

Wolfgang Oelsner: Nein, überhaupt nicht. Wie kommen Sie darauf?

Na ja, wenn die Infektionszahlen es zulassen, halten Sie in Düren einen Vortrag über die Verbingung zwischen Fastelovend und Tod.

Oelsner: Das ist richtig. In erster Linie wird es aber darum gehen, warum Karnevalisten ihre Sessionseröffnung ausgerechnet im Trauermonat November feiern, also zwischen Allerheiligen und Buß- und Bettag sowie zwischen Volkstrauertag und Totensonntag.

Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Wie passt das denn zusammen?

Oelsner: Da muss ich jetzt ein bisschen ausholen. Karneval ist ein Wendefest. Man kann auch sagen, ein Schwellenfest am Vorabend der österlichen Fastenzeit, das vom christlichen Jahreskreislauf sehr geprägt ist. Darüber hinaus gibt es aber auch eine psychologische Erklärung: Der Mensch strebt exzessiv auf einen Höhepunkt zu, um anschließend eine radikale Kehrtwende zu vollziehen. Auf Ausgelassenheit folgt Kargheit, auf Ausschweifendes Diszipliniertheit. Für mich ist es immer sehr faszinierend zu sehen, dass an Aschermittwoch wirklich alles vorbei und vom Karneval nichts mehr zu sehen ist. Wir können in der Tat von einem abrupten Wandel sprechen.

Ich verstehe immer noch nicht, was das mit der Sessionseröffnung am 11.11. zu tun hat.

Oelsner: Das kommt jetzt. Früher gab es zwischen dem Martinstag am 11. November und Weihnachten, einer Zeitspanne, die von der Länge ungefähr der zwischen Aschermittwoch und Ostern entspricht, auch eine kleine Fastenzeit. Gerade in der ländlich geprägten Gesellschaft hatte der Martinstag eine große Bedeutung. Die Saisonarbeiter auf den Feldern haben ihren Lohn bekommen, bevor sie über die Wintermonate nach Hause gegangen sind. Ein Teil des Geldes wurde sofort auf den Kopf gehauen. Die Menschen haben gefeiert. Der 11.11. galt gemeinhin als Tag der weltlichen Freuden, auf den eine Zeit des Fastens folgte.

Ich dachte immer, dass der Tag der Sessionseröffnung mit dem Schnapszahl-Datum zusammenhängt.

Oelsner: Das stimmt ja auch. Für die Bedeutung der Zahl Elf gibt es mehrere Erklärungen, die allerdings nicht alle wirklich stichhaltig sind. Was stimmt, ist, dass in früheren Jahren, als die Kommerzialisierung des Karnevals begonnen hat und es die ersten Schallplatten gab, die neuen Lieder für die nächste Session immer am 11. November vorgestellt wurden. In Köln gibt es ja schon seit fast 200 Jahren den organisierten Karneval mit Umzügen und Sitzungen. Das alles musste vorbereitet werden, dafür brauchten die Menschen Zeit. Deswegen haben sie im Herbst und eben offiziell am 11. November damit begonnen. Zudem gibt es die These, dass die Gleichheit der vier Zahlen der närrischen Idealvorstellung, dass alle Menschen gleich sind, nahe kommt. Das ist aber nur wenig einleuchtend, da hätte man ja auch genauso gut andere Zahlen nehmen können. Gleiches gilt für die These, Elf wären die Anfangsbuchstaben der Leitworte der französischen Revolution, nämlich Egalité (Gleichheit), Liberté (Freiheit) und Fraternité (Brüderlichkeit). Das kann deswegen nicht stimmen, weil die Begriffe immer in einer anderen Reihenfolge genannt werden.

Und welche ist dann die wahrscheinlichste Erklärung?

Oelsner: Die Elf, als Zahl, die die zehn Gebote überschreitet und vor der Heiligen Zwölf steht, gilt seit jeher als Zahl der Sünde.

Wie passt das zum Karneval?

Oelsner: Karneval ist die Zeit, in der den Menschen der Spiegel vorgehalten wird, um ihnen zu zeigen, dass sie fehlbare Wesen sind. Wesen, die sündigen.

Und wie passt der Tod zu all dem?

Oelsner: Der Narr war von je her der Gottesleugner und galt gerade im Mittelalter auch als eine Art Todesbotschafter. Bezogen auf den Karneval lässt sich das vielleicht am besten mit der zeitlichen Begrenzung, also dem schon angesprochenen Wendefest erklären: Der Karneval mahnt, der Mensch solle kein „Ganzjahresnarr“ sein. Vor lauter Feiern soll er nicht vergessen, dass irgendwann das letzte Stündlein schlagen wird. Lebenslust und Todesmahnung gehen im Karneval Hand in Hand.

Ist das wirklich so?

Oelsner: Nehmen Sie nur die vielen Karnevalslieder, in denen der Tod eine Rolle spielt, zum Beispiel „Kumm mer lääve, bevor mer stirve“ von Kasalla. Der Karneval greift dieses Thema immer schon auf. Und da sind wir wieder bei der Rhythmitisierung des Jahreskreislaufs, der für den Karneval so wichtig ist. Karneval ist viel mehr als nur Saufen und Trallala. Karneval lässt die Menschen feiern und gleichzeitig macht er ihnen klar, dass dieses Feiern endlich ist. Das funktioniert nur, weil er die Kraft eines echten Voksfestes hat. Freud’ und Leid liegen unmittelbar zusammen.

Gleichwohl muss sich auch der Karneval der Corona-Pandemie beugen und wird nicht in der gewohnten Form stattfinden. Kann das auch eine Chance sein?

Oelsner: Ich verstehe, was Sie meinen, möchte aber sagen, dass Karneval nicht abgesagt wird. Das ist ähnlich wie mit Weihnachten, das kann man nicht absagen. Der Karneval lebt aber längst nicht nur von lauten Stimmungs-Veranstaltungen. Die Corona-Krise kann eine Chance dahingehend sein, dass Fastelovend wieder wesentlich wird. Und die Menschen wieder seine Kernbotschaft suchen. Es hat ja schon Verbote an Karneval gegeben, zum Beispiel 1991 zu Zeiten des Golfkrieges. Immer haben die Menschen Alternativen gefunden und trotzdem gefeiert. Es gab ein Gegengewicht zum Partykarneval mit eher leisen Tönen.

Sie haben eben von der Kernbotschaft des Karnevals gesprochen. Wie heißt die?

Oelsner: Perspektivwechsel, die Welt mit anderen Augen sehen, Grenzen überwinden, alles immer in Gemeinschaft. Karneval ist auch eine große Spielwiese für Erwachsene, eine Zeit des Rollenwechsels.

Glauben Sie, dass Karnevalisten die Corona-Pandemie besser überstehen?

Oelsner: Die Pandemie wird die Stunde der Wahrheit werden, auch für den Karneval. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die mit dem Herzen feiern, für den Karneval und nicht von ihm leben, besser durch die Krise kommen als andere. Sie werden winzige Formate finden, den kleinen Perspektivwechsel zu „feiern“.