3800 Kilometer in 13 bis 15 Tagen: Kreuzauer vor einer To(rt)ur auf Radsattel quer durch Europa

3800 Kilometer in 13 bis 15 Tagen : Kreuzauer vor einer To(rt)ur auf Radsattel quer durch Europa

Herausforderungen gehören für Norbert Wortberg zum beruflichen Alltag. Der 51 Jahre alte Kreuzauer arbeitet als Geschäftsführer und Erlebnispädagoge bei der gemeinnützigen GmbH „Natur bewegt Dich“ (Nabedi), die einen erlebnispädagogischen Standort am Rursee in Woffelsbach betreibt.

Motiviert er dort junge Menschen zu besonderen Aktivitäten, so nimmt er diesmal selbst eine große Herausforderung unter die Pedale: Er tritt beim siebten „Transcontinental Race“ an. Dies bedeutet, dass er knapp 3900 Kilometer quer durch Europa in 13 bis 15 Tagen mit dem Rad zurücklegen will.

Noch ist der dreifache Familienvater in heimischen Gefilden unterwegs. 1200 Kilometer hat er monatlich mindestens mit dem Rad absolviert. Dazu kam ein Trainingslager in Marokko, wo er 1800 Kilometer in einer Woche schaffte. Solche Vorbereitungen kennt Wortberg. Schon als Jugendlicher hat er sich dem Ausdauersport verschrieben und geriet auf seiner Parade-Laufstrecke, den 1500 Metern, in den erweiterten Kreis der Jugendnationalmannschaft. Beim Marathon überquerte er die Ziellinie in 2:38 Stunden. Nur für die ganz großen Titelkämpfe reichte es nicht. Die Qualifikation zu den Jugend-Weltmeisterschaften verpasste er knapp. „Danach war ein bisschen die Luft raus“, gesteht er.

Nach dem Studium an der Sporthochschule Köln ließ er nach eigenem Bekunden sportlich die Beine baumeln. „Mit 45 hat es mich allerdings wieder gepackt, es geht mir einfach besser damit, Extremsport zu betreiben“, berichtet er. Die Langstrecke im Triathlon hat er hinter sich gelassen. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen sattelte er aufs Fahrrad um. „Im Vergleich zum Laufen ist Radfahren eine Wohltat“, sagt Wortberg inzwischen. Damit bezieht er sich vor allem auf die Belastung für die Gelenke. Ausdauersport sei eben seine Leidenschaft, wobei der den Wortbestandteil „Leiden“ besonders betont. Inzwischen teilt auch seine Frau Britt die Freude am Sport.

Dass die Familie ihn bei seinem Unterfangen unterstützt, ist besonders wichtig. Nicht nur aufgrund der zahlreichen Trainingsstunden. Das „Transcontinental Race“ gilt als besonders anspruchsvoll, der Kurs führt von Bulgarien bis nach Frankreich, mit zahlreichen Anstiegen. Vier Checkpoints sind vorgegeben. Der Startschuss fällt am 27. Juli in Burgas, als Ziel wird Brest an der Atlantikküste angesteuert. Brest wurde bewusst ausgewählt, denn die Stadt zählt zu einem Klassiker der Langstreckenfahrer.

Wer denkt, die Teilnehmer rollen über flaches Gelände, der sieht sich getäuscht. Die Strecke führt auch in die Alpen, zum Timmelsjoch mit einer Höhe von 2474 Metern und dem von der Tour de France bekannten Col de Galibier (2645 m). Selbst „L‘Alpe d‘Huez“ steht auf dem Streckenplan. Am Ende wird Norbert Wortberg etwa 40.000 Höhenmeter erklettert haben. Etwa 150 Kilometer führen über Schotterstraßen: „Da ist manchmal Schieben angesagt.“

Seine Chance, das Ziel zu erreichen, beziffert er mit 50 Prozent. Schon im Vorfeld bleiben von den etwa 1000 Bewerbern die meisten auf der Strecke. 300 werden von der Rennjury zugelassen, in der Regel gehen etwa über 250 Fahrer an den Start. Davon scheidet nicht nur etwa die Hälfte aus, sondern ein Drittel der verbliebenen Fahrer  schafft zudem nicht die vorgegebene Maximalzeit von 16 Tagen. Wer danach ankommt, wird nicht mehr gewertet. „Ich war sehr überrascht, als ich im vergangenen Dezember die Zusage erhielt“, schildert er.

Dass die Tour schnell zur Tortur werden kann, ist für ihn ein Teil der Herausforderung. Die Fahrer sind bei dem Rennen schließlich auf sich allein gestellt, müssen sich selbst verpflegen und selbst nach Unterkünften suchen. „Mein größter Luxus ist dann mein aufblasbares Kopfkissen“, erzählt er. Der Kreuzauer will vieles dem Zufall überlassen, zumindest, was die Ernährung und die Schlafstätten betrifft. In aerodynamischen Taschen seines Fahrrads sind ein Schlafsack, Flickzeug und Wechselkleidung untergebracht. Als besonderen Luxus empfindet er einen Zehn-Liter-Wassercontainer ‑ zum Duschen. Ebenfalls an Bord: Ein GPS-Sender, mit dem die Rennjury erkennen kann, wo sich welcher Fahrer gerade befindet. Um Zeit zu sparen, erzeugt er mit seinem Fahrrad selbst den Strom, der den elektrischen Tracker, die Stirnlampe und mehr auflädt. Die USB-Buchse befindet sich am Lenker.

„Das wird ein großes Abenteuer“, meint er. Der Tagesablauf soll sich immer gleichen: 15 Stunden will er fahren, fünf Stunden bleiben für Pausen und organisatorische Dinge, vier Stunden sollen zum Schlafen reichen. Etwa 300 Kilometer müsste er täglich absolvieren, um in 13 Tagen anzukommen. Damit wäre er bei weitem nicht der Erste: Beim Rennen im vergangenen Jahr benötigte der Sieger keine neun Tage. Zu Hause drückt die Familie die Daumen. Lediglich seine 86 Jahre alte Mutter sei besorgt, meint Wortberg.

Warum er sich dies antut? „Ganz ehrlich, das Nachher ist der Genuss“, räumt Wortberg ein, „das Gefühl unter der Dusche, alles geschafft zu haben – das ist unbeschreiblich.“ Am Abend des 15. Tages findet in Brest eine große Party der Teilnehmer statt. Da will er unbedingt dabei sein. Danach will er sich neuen Herausforderungen stellen. „Vielleicht Adventure Racing“, sagt er. Dann kämen zum Radfahren zum Beispiel auch Klettern und Wandern hinzu.

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